Afrika und Erdölbohrer

Afrika: Wegbrechende Erdöleinnahmen

Globale Wirtschaft

12.04.2021

Dass sich auf dem afrikanischen Kontinent im vergangenen Jahrzehnt ökonomisch viel getan hat, ist längst kein Geheimnis mehr. Das afrikanische Bruttoinlandsprodukt ist in dieser Zeit um 30 Prozent gewachsen, die Investitionen von deutschen Unternehmen haben sich verdoppelt. Der Waren- und vor allem Rohstoffhandel mit dem Asien-Pazifikraum – insbesondere mit China – sowie mit Europa und Nordamerika wuchs zumindest bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie überproportional. Im Mai 2019 ist obendrein das Abkommen über die Afrikanische Kontinentale Freihandelszone (African Continental Free Trade Area, AfCFTA) in Kraft getreten. Perspektivisch soll die AfCFTA die Grundlage für einen umfassenden afrikanischen Markt schaffen. Am Ende voraussichtlich lang andauernder Verhandlungen wird zwar kein vollständiger Freihandel in Afrika stehen, aber doch ein Zollabbau, der Handel und Produktion anregen sowie regionale Wertschöpfungsketten stärken könnte.

Starke Abhängigkeit von Rohstoffexporten

Zugleich aber ringen die afrikanischen Länder nach wie vor mit einer Vielzahl struktureller Handicaps. Neben einer schlechten Infrastruktur und Problemen mit politischer Instabilität sowie Korruption sticht dabei vor allem eines heraus: die starke Abhängigkeit vom Rohstoffexport. Diese Abhängigkeit bedeutet, dass die Volkswirtschaften durch die schwankenden Preise auf dem Weltmarkt extrem verletzlich sind, insbesondere dann, wenn diese Länder nur einen oder wenige Rohstoffe exportieren. Vor allem die Erdölabhängigkeit einzelner afrikanischer Länder fällt hierbei ins Auge. Dabei ist das Erdöl nicht nur für die großen Exportländer von Bedeutung: In den vergangenen 20 Jahren hat sich das Bruttoinlandsprodukt Afrikas mehr oder weniger proportional zum Ölpreis entwickelt. Zu Beginn des Jahrtausends stiegen die Rohstoffpreise stark an und gaben Afrikas Wirtschaft einen Schub – 2014 und 2015 zeigte sich dann, dass der Verfall des Ölpreises auch das Wachstum drückt.

Erdölförderung wird sinken

Die Abhängigkeit vom Erdölexport ist vor allem deshalb ein Problem, weil der Verbrauch des fossilen Energieträgers in den nächsten zwei Jahrzehnten deutlich sinken wird, insbesondere wegen des Klimawandels. Denn inzwischen ist klar: Die Erderwärmung wird sich nur stoppen lassen, wenn möglichst viele der noch in der Erde verbliebenen fossilen Rohstoffe, neben Öl auch Kohle und Gas, unangetastet im Boden bleiben. Hinzu kommt, dass die Vorräte ohnehin endlich sind. Das aber bedeutet für die Förderländer: Wenn die Ölnachfrage mit dem wachsenden Anteil erneuerbarer Energiequellen und steigenden CO₂-Abgaben in den nächsten Jahren einbricht, verlieren ihre noch vorhandenen Ölreserven in den nächsten Jahren Stück für Stück an Wert. Der britische Ölkonzern BP geht davon aus, dass der Bedarf in den nächsten 30 Jahren um die Hälfte und mehr zurückgehen wird.

Drastische Einkommenseinbußen

Welche Folgen hat der Niedergang des Ölzeitalters für viele Förderländer? Eine Untersuchung der britischen Klimaschutzorganisation Carbon Tracker kommt zu dem Ergebnis, dass den großen Förderländern der Welt in den nächsten 20 Jahren insgesamt mehrere Billionen Dollar an Staatseinnahmen wegbrechen werden. Die Autoren des Reports warnen obendrein davor, dass dieser Einbruch wirtschaftliche und soziale Krisen auslösen und ganze Regionen politisch destabilisieren könnte. Drastische Einnahmerückgänge prognostiziert der Report etwa für Angola und Nigeria, die beiden mit Abstand größten Förderländer in Subsahara-Afrika. Sie gehören zu den weltweit sieben Ländern, die 40 Prozent und mehr ihrer gesamten Staatseinnahmen verlieren könnten. Das Volkseinkommen Nigerias, mit 200 Millionen Einwohnern das bevölkerungsreichste Land Afrikas, würde wohl um ein Drittel sinken, wenn die Öleinnahmen um 70 Prozent zurückgehen. Bei Angola sähe es ähnlich aus. 

In vielen ärmeren Ländern haben die Regierungen kaum oder gar nicht für die Zeit nach dem Öl vorgesorgt. Ohnehin kamen und kommen die Erträge dort heute oft nur einigen wenigen im Land zugute, lediglich ein geringer Teil der Einnahmen fließt in Infrastrukturprojekte und soziale Leistungen. Hinzu kommt, dass insbesondere in Nigeria ausgelaufenes Öl Böden und Gewässer verseucht hat, Natur und Mensch werden noch lange Zeit unter den Spätfolgen der Umweltverschmutzung leiden. Dennoch: Die ohnehin schon angeschlagene Wirtschaft dieser Länder würde noch mehr leiden, viele Arbeitsplätze würden wegfallen, wenn in der Zukunft Öleinnahmen fehlen, warnen die Experten von Carbon Tracker. Die sozialen Folgen für Hunderte Millionen Menschen müssten abgefedert werden. Staaten könnten kollabieren.

Negative Folgen abmildern

Wie lassen sich negative Folgen abfangen? Abmildern lassen sich die Folgen durch Entschädigungen für jene Länder, die bereit sind, ihre Vorkommen nicht mehr auszubeuten. Doch wie genau das funktionieren kann und wann überhaupt ein solcher Anspruch besteht, ist unklar. Die Antworten darauf müssten auf internationaler Ebene gefunden und ausgehandelt werden. Das Pariser Klimaabkommen nimmt Industrieländer in die Pflicht, Entwicklungsländer bei der Umsetzung ihrer Klimaschutzbemühungen zu unterstützen.

Insgesamt gilt: Die afrikanischen Länder, die ein diversifizierteres Portfolio an Exportprodukten anbieten können, profitieren in ihrer Handelsbilanz. Marokko hat in den vergangenen Jahren versucht, seine Wirtschaft breiter aufzustellen und eine Industrialisierung voranzutreiben. In dem Land werden Textilien und elektronische Geräte hergestellt. Diesen Weg werden künftig noch andere Staaten gehen müssen, wenn die Abhängigkeit vom Erdöl sowie anderen Rohstoffexporten reduziert und wenn Afrikas Anteil am Welthandel wachsen soll. Gerade einmal 2,5 Prozent der auf der Welt exportierten Waren stammten 2019 von dem Kontinent.

Drucken/PDF

Kontakt

SCHULBANK Wirtschaft für den Unterricht

Bundesverband deutscher Banken e.V.

schulbank@bdb.de

Ähnliche Beiträge

Unterrichtseinheit

Wirtschaft im Unterricht

12. April 2021

Unterrichtsstunde

Unterrichtsstunde

[zum Artikel]
Unterrichtsstunde

Cookie Einstellungen