Mitarbeiterin und Autos

Automobilbranche: Doppelte Herausforderung durch Corona und Transformation

Gastbeitrag

21.12.2020

Ende Januar 2020 wurde der erste bekannte Fall von Covid-19 in Deutschland bestätigt. Seitdem leben und arbeiten wir in einer „neuen Normalität“. Auch die Automobilindustrie ist davon nicht ausgenommen. Werke und Autohäuser waren im Frühjahr geschlossen, Millionen von Beschäftigten mussten und sind teilweise noch in Kurzarbeit, ganz zu schweigen von den wirtschaftlichen Auswirkungen auf unsere Mitgliedsunternehmen durch das Einbrechen der Märkte. So sind zum Beispiel die Neuzulassungen von Pkw in Deutschland zwischen Januar und November um 22 Prozent auf 2,6 Mio. Pkw zurückgegangen, wobei die Zulassungen im November selbst nur noch knapp unter dem Volumen des Vorjahresmonats lagen. Dieser heftige Rückgang im Jahr 2020 macht allen unseren Mitgliedsunternehmen zu schaffen. Gerade auch für die Zulieferer ist die derzeitige Situation extrem herausfordernd. Weniger Neufahrzeuge auf der Straße sind zudem schlecht für den Klimaschutz, weil die älteren emissionsreicheren Wagen dann länger fahren.

Umfrage belegt schwierige Lage der Branche

Um einen Eindruck der Auswirkungen der Corona-Krise auf unsere Mitgliedsunternehmen zu erhalten, haben wir Ende Oktober bis Anfang November eine Umfrage durchgeführt. 92 Zulieferer – vom mittelständischen Betrieb bis zum international aufgestellten Konzern – haben teilgenommen. Die Ergebnisse sprechen eine deutliche Sprache: Bei vielen Zulieferern sind die Kapazitäten weiterhin nicht voll ausgelastet; es gibt Kurzarbeit und hinsichtlich der Beschäftigung plant jeder zweite Zulieferer aufgrund der Belastungen durch die Corona-Pandemie zusätzlichen Personalabbau. Auch finanziell hat die Pandemie massive Auswirkungen auf viele Unternehmen. So geben 13 Prozent der Befragten an, dass die vorhandene Liquidität nur noch maximal drei Monate reicht. 38 Prozent der Zulieferer halten die bisherigen Sofort- und Überbrückungshilfen von Bund und Ländern nicht für ausreichend. Die Umfrage erlaubt auch einen Blick auf die Auswirkungen der Transformation: Die Neuzulassungszahlen bei E-Autos sind zwar in jüngster Zeit enorm gestiegen.  Aber 41 Prozent der befragten Unternehmen partizipieren nicht an diesem Hochlauf der Elektromobilität. 

Die kleinen und mittleren Zuliefererunternehmen in unserer Industrie sind wichtige und verlässliche Arbeitgeber, sie sorgen in vielen Regionen maßgeblich für wirtschaftliche Stabilität. Und viele dieser Zulieferer werden die Corona-Krise noch lange spüren. Sie befinden sich mitten in der größten Transformation der Geschichte der Automobilindustrie und müssen gleichzeitig die Folgen der Pandemie bewältigen. Selten zuvor waren die Herausforderungen so groß. Das bestätigen die Ergebnisse der Umfrage.

Liquidität dringend erforderlich

Die geplanten Fördermittel und Unterstützungen aus dem bereits beschlossenen Konjunkturpaket müssen nun schnell fließen. Je nach der weiteren Entwicklung der Corona-Pandemie müssen gegebenenfalls weitere Maßnahmen folgen. Das gilt vor allem auch auf europäischer Ebene. Die EU braucht eine starke Automobilindustrie, um Beschäftigung, Wachstum und Wohlstand in Europa zu halten. Doch der Recovery Plan, mit dem die EU die Krise bewältigen will, und der European Green Deal, mit dem Europa bis 2050 zum klimaneutralen Kontinent werden soll, zeigen, dass Krisenbewältigung, Klimaschutz und Industriepolitik noch nicht zusammengedacht werden. Aber genau darauf kommt es nun an. 

Ohne Frage: Die Krise hat der Automobilindustrie erheblich zugesetzt. Doch unsere Unternehmen konnten auch beweisen, wie flexibel sie sind. Sie haben schnell auf die Ausbreitung der Epidemie reagiert und dabei Benchmarks in der Pandemiebewältigung und dem Infektionsschutz gesetzt. Der Mittelständler genauso wie der global aufgestellte Großkonzern. Dabei haben sie nicht nur auf sich selbst geschaut, sondern auch andere Bereiche unterstützt. Dazu gehören zum Beispiel die Produktion und Bereitstellung von Schutzausrüstung, wie etwa Desinfektionsmittel, Schutzhandschuhen und Mund-Nase-Bedeckungen. Viele Mitgliedsunternehmen haben darüber hinaus Produktions- und Logistikkapazitäten für Medizintechnik zur Verfügung gestellt. Wir sind stolz, dass wir diesen Beitrag zur Pandemie-Bekämpfung leisten konnten.

Krisenbewältigung und Transformation im Mittelpunkt

Durch die Umstellung von Produktionskapazitäten haben unsere Mitgliedsunternehmen zudem unterstrichen, dass sie sich rasch auf verändernde Bedingungen einstellen können. Diese Eigenschaft ist auch entscheidend bei der Transformation des Automobilsektors. Raschere Innovationszyklen, Digitalisierung, Automatisierung und Industrie 4.0 fordern flexiblere Produktionsanlagen und digitale Arbeitsprozesse. Die Corona-Krise hat den Herstellern und Zulieferern genau diese Flexibilität abverlangt. Und die Unternehmen haben bewiesen, dass sie der Aufgabe gewachsen sind. 

Für die Automobilindustrie stehen nun Krisenbewältigung und Transformation im Mittelpunkt. Hersteller und Zulieferer nehmen die Herausforderungen an und stellen die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft. So investiert die deutsche Automobilindustrie bis 2025 150 Mrd. Euro in E-Mobilität, in die Digitalisierung und die Hybridtechnik. Bis 2024 verdoppeln die deutschen Hersteller ihr Angebot an E-Modellen auf knapp 150. Und das alles trotz der Krise!

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