China und Blockchain

Chinesische Standards prägen die Zukunft der Blockchaintechnologie

11.05.2021

„Made in China 2025“ – so hat die chinesische Regierung im Jahr 2015 ihre neue Zukunftsstrategie benannt, mit der sie das Land zu einem globalen High-Tech-Produzenten entwickeln will. Konkrete Ziele, Meilenbausteine und Schwerpunktbereiche geben dabei vor, wie die Volksrepublik von einer arbeitsintensiven Volkswirtschaft in eine hochmoderne Ökonomie mit eigener technologischen Wertschöpfung transformiert werden soll. Der klar formulierte Anspruch lautet, zur hundertjährigen Staatsgründung im Jahr 2049 die global führende Industrienation zu sein und in ökonomischen Schlüsselbereichen unabhängig von ausländischem Know-how agieren zu können. Explizit nennt die Strategie neue Informationstechnologien als zentrale Bausteine für die Transformation zur Industriemacht. In dieses Bild passt, dass die chinesische Regierung aktuell massiv in Forschung und Ausbau im Bereich Blockchain investiert. So wurde im Oktober 2019 das Blockchain-based Service Network (BSN) und damit der systematische Aufbau einer global operierenden digitalen Infrastruktur ins Leben gerufen.  

Blockchain Service Network: Eine globale digitale Infrastruktur

Blockchain – was genau verbirgt sich dahinter? Die Blockchain beschreibt eine Art Datenspeicherung, in der Blöcke mittels Konsensalgorithmen einer Datenkette (der „chain“) hinzugefügt werden können. Diese dezentrale Art der Datenbankführung erlaubt es, Informationen durch alle Netzwerkteilnehmer validiert und somit transparent zu speichern. Dadurch entsteht eine Vielzahl an innovativen Geschäftsmodellen, da zum Beispiel Zahlungen ohne einen Intermediär und folglich mit geringeren Transaktionskosten abgewickelt werden können. Die Volksrepublik scheint sich diese Vorteile zu Nutzen machen zu wollen und will deshalb das BSN implementieren. Dieses ist selbst kein Blockchain-Protokoll, sondern ein Rechenzentrumsnetzwerk, auf welchem öffentliche Blockchains wie Ethereum, EOS and Tezos integriert werden können. 

Um das Fundament für das BSN zu legen, werden nun in chinesischen Städten, aber auch in verschiedenen Schwellenländern insgesamt 200 sogenannte Public City Nodes installiert. Public City Nodes stellen Backend-as-a-Service (BaaS) und einen einfachen cloudbasierten Ansatz bereit, mit dem sich auch kleine Unternehmen schon für 300 bis 400 US-Dollar pro Jahr an das DLT-Netzwerk anschließen und die Vorteile der Vernetzung genießen können. Das BSN-Projekt kann im Zusammenhang mit der von der chinesischen Regierung ins Leben gerufenen Belt-and-Road-Initiative („Neue Seidenstraße“), die von Peking bis Duisburg verschiedenste Wirtschaftsräume verbinden soll, betrachtet werden. Das zur Belt-and-Road-Initiative komplementäre BSN-Projekt zeigt, dass die chinesische Führung die Einflussmöglichkeiten mittels informationeller Infrastrukturmacht über Daten und technologische Standards erkannt hat und Investitionen beabsichtigt, mit der sie diese Macht in den nächsten Jahrzehnten festigen will. 

Souveränität durch ein unabhängiges Zahlungsnetzwerk

Im Rahmen des BSN plant die chinesische Regierung auch im Bereich Zahlungsverkehr eine global wirksame digitale Infrastruktur aufzubauen. So soll das Universal Digital Payment Network (UDPN) noch in diesem Jahr mit einer Beta-Version starten. Das UDPN ist blockchain-basiert und soll die chinesische digitale Zentralbankwährung – den digitalen Yuan – abwickeln. Dieser befindet sich bereits seit April 2020 in der Testphase. Die Kontrolle des digitalen Yuan liegt allein in den Händen der chinesischen Zentralbank, jede Transaktion ist von ihr nachvollziehbar. Auf der Grundlage des BSN und des UDPN ist geplant, ein internationales digitales Zahlungsnetzwerk aufzubauen, das digitale Zentralbankwährungen verschiedener Länder einschließt. 

Das Vorhaben eines neuen Zahlungsnetzwerks geht einher mit dem Freihandelsabkommen, das die chinesische Führung erst kürzlich mit anderen Staaten im asiatischen und pazifischen Raum abgeschlossen hat. Das Regional Comprehensive Economic Partnership (RCEP) vereint etwa 30 % des Welthandels sowie 30 % der Weltbevölkerung. Im Gespräch ist auch die Einführung der East Asia Digital Currency, einer regionalen digitalen Zentralbankwährung, die mittels eines Währungskorbs mehrere asiatische Währungen vereint. Konkret soll der Währungskorb den chinesischen Yuan, den japanischen Yen, den südkoreanischen Won und den Honk Kong Dollar widerspiegeln und so eine supranationale Digitalwährung bilden. Im internationalen Devisenmarkt im Jahr 2019 stellten diese vier Währungen aggregiert einen Anteil von 26,6 % dar. Im Vergleich dazu war der Euro an 32,3 % aller Devisentransaktionen beteiligt

Damit könnte das UDPN bald in Konkurrenz zu den aktuell vorrangig genutzten westlichen Netzwerken für Zahlungsverkehr wie VISA oder SWIFT stehen. Wie wichtig der Zahlungsverkehr für die ökonomische Unabhängigkeit ist, hat die chinesische Regierung 2018 im Rahmen der Iran-Sanktionen seitens der US-Regierung vor Augen geführt bekommen, als SWIFT iranische Banken vom Netz nahm und der Iran über Nacht effektiv vom internationalen Zahlungsverkehr ausgeschlossen wurde.

Die chinesische Regierung fordert die Hegemonie des Dollars heraus

Die chinesische Regierung verheimlicht keineswegs, dass es ihr langfristiges Ziel ist, die internationale Zirkulation des Yuan zu erhöhen und die Hegemonie des Dollars herauszufordern. So wird im Parteiorgan „Global Times“ ein Industrieinsider aus Peking damit zitiert, dass die Zeit gekommen sei,dem digitalen Yuan den US-amerikanischen Unilateralismus herauszufordern (hier und hier).  Die Regierung will vermutlich auf diesem Wege die Autonomie von den USA weiter erhöhen. Dies kann auch vor dem Hintergrund des seit etwa vier Jahre andauernden Handelskriegs mit den USA gesehen werden. 

Früher als Europa und die USA hat die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) den Bedarf für digitale Währungen in einer immer stärker automatisierten Welt richtig eingeschätzt und ein interoperables Blockchain- und Zahlungsnetzwerk entwickelt. Aber auch das geopolitische Potenzial dieses Netzwerks hat sie früh erkannt. Informationelle Infrastrukturmacht erzeugt schließlich Abhängigkeiten anderer, die wiederum Einflussmöglichkeiten eröffnen und gleichzeitig verhindern, aus der Gruppe des weltweiten Handels ausgeschlossen zu werden. Es scheint, dass die chinesische Regierung frühzeitig vom First-Mover-Advantage profitieren will, indem sie Technologiestandards definiert und globalisiert, bevor andere es tun. 

Die Annahme, die chinesische Politik könne den US-Dollar als Weltleitwährung absetzen, wäre wohl zu weit gegriffen. Im Februar 2021 wurden etwa 38 % aller internationalen Zahlungen von Konsumenten und Institutionen in US-Dollar und 37 % in Euro über SWIFT abgewickelt. Diesen Werten stehen gut 2 % an Geschäften gegenüber, die in Yuan getätigt wurden. Zudem muss eine Weltleitwährung in alle anderen Währungen uneingeschränkt konvertierbar sein, was beim chinesischen Yuan angesichts strenger Kapitalverkehrskontrollen nicht der Fall ist.

Digitale Souveränität Europas stärken

Dennoch: Um seine Souveränität und Wirtschaftskraft zu sichern, sollten die technologischen Entwicklungen in Europa deutlich an Fahrt gewinnen. Nicht nur China, auch Länder  wie Thailand und Singapur scheinen in der Entwicklung der Blockchaintechnologie weit vorangeschritten. Während Thailand im Oktober 2020 die erste Staatsanleihe auf einer IBM-Blockchain  platziert hat, wurde in Singapur bereits eine hoch skalierbare Open-Trade-Blockchain veröffentlicht.  Die EZB geht in Europa bedacht vor. Mitte des Jahres entscheidet sie, ob sie ein Projekt zum digitalen Euro starten wird.

In den 1990er Jahren schafften es US-amerikanische Firmen, die Platzhirsche im Web 2.0 zu werden; zu Beginn der 2020er Jahre wird in Asien und insbesondere in China eine wegweisende Blockchaininfrastruktur implementiert. Schafft es Europa nicht, eine neue Innovationskultur zu entwickeln und eigene Standards zu setzen, besteht angesichts des Potentials der Blockchain die Gefahr, dass Europa weiter an digitaler Souveränität einbüßt.

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Bundesverband deutscher Banken e.V.

Leiter Digitalisierung, Associate Director

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tobias.tenner@bdb.de

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