Der Osten hinkt hinterher

Der Osten hinkt hinterher

Wachstum und Wohlstand

Die Demografie verschärft das Wohlstandsgefälle zwischen Ost und West in Deutschland, zeigt eine Studie. Besonders wichtig sind daher Maßnahmen, die die Produktivität der Wirtschaft signifikant steigern.

Laut einer Studie des Münchner Ifo-Instituts und der Bertelsmann Stiftung lag der Lebensstandard in den ostdeutschen Flächenländern 2017 um rund 29 Prozent unter dem gesamtdeutschen Niveau – gemessen als preisbereinigtes BIP pro Kopf. Von einer Angleichung der Lebensverhältnisse könne also auch fast 30 Jahre nach der Wiedervereinigung keine Rede sein, so die Autoren. Ein Grund hierfür ist der starke Rückgang der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter: Sie schrumpfte zwischen 1996 und 2017 in Ostdeutschland um fast 15 Prozent, im Westen legte sie hingegen um 1,4 Prozent zu.

Investitionsniveau muss zunehmen

Diese Entwicklung dürfte anhalten. Auch bis 2035 werden Demografie und Abwanderung den Osten laut Studienprojektion stärker treffen als den Westen; die Zahl der Erwerbstätigen dürfte dabei noch stärker sinken als die der Einwohner insgesamt. Vor diesem Hintergrund erscheint es kaum realistisch, dass das Wohlstandsgefälle zwischen Ost und West in absehbarer Zeit erkennbar reduziert wird. Tatsächlich müsste die Wirtschaft in Ostdeutschland teils doppelt so stark wachsen wie bisher, um auch nur den Lebensstandard der strukturschwachen Westländer zu erreichen. Umso wichtiger wäre es, dass das Investitionsniveau in den ostdeutschen Bundesländern zunimmt, um auf diesem Weg die Produktivität zu erhöhen; eine höhere Produktivität wird allgemein als ein Schlüssel zu mehr Wachstum angesehen. Ökonomen weisen allerdings darauf hin, dass es mehrere Ursachen für die schwache Produktivität im Osten gibt: die Branchenstruktur, die Produktpalette, die Unternehmensgröße, aber auch das Fehlen von Netzwerken zwischen Unternehmen untereinander oder Unternehmen und Wissenschaft.

Notwendig seien daher Investitionen in die Weiterbildung der Beschäftigten wie in neue Maschinen und Ausrüstung, um den technischen Fortschritt voranzutreiben. Gerade in strukturschwachen Regionen könne auch eine bessere Vernetzung von Unternehmen und Hochschulen die Innovationsfähigkeit steigern. Es gehe laut Autoren der Studie aber auch darum, die Erwerbsbeteiligung weiter zu erhöhen, selbst wenn die östlichen Bundesländer schon heute hohe Quoten verzeichneten.

Wohlstandszugewinne insgesamt schwächer 

Die Forscher gehen im Übrigen davon aus, dass nicht nur im Osten, sondern in Deutschland insgesamt der Produktivitätsanstieg nicht mehr ausreichen wird, um den Lebensstandard im gleichen Maße steigen zu lassen wie in der Vergangenheit. Dieser Anstieg liegt bundesweit im langjährigen Durchschnitt bei rund einem Prozent. Soll der Lebensstandard weiter steigen, müsste die Produktivität bis 2035 im Jahresdurchschnitt um 0,2 Prozentpunkte stärker wachsen. In Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Rheinland-Pfalz, Thüringen und dem Saarland gibt es im Augenblick allerdings eine „Produktivitätslücke“; sie rangiert zwischen 0,4 und 0,6 Prozentpunkten, am größten ist sie in Mecklenburg-Vorpommern mit 0,8 Prozentpunkten. In Deutschland insgesamt führt das Zusammenspiel aus Alterung und unzureichendem Produktivitätsfortschritt laut Ifo-Institut dazu, dass sich das jährliche Wirtschaftswachstum bis 2035 auf rund 0,6 Prozent ungefähr halbieren würde. Gleiches gilt für den Zuwachs beim Lebensstandard, also beim BIP pro Kopf.

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