Digitale Bildung: Mit WLAN ist es nicht getan

Mit dem „Digitalpakt D“ will der Bund zusammen mit den Ländern in den kommenden Jahren u. a. den Ausbau der IT-Infrastruktur an Schulen vorantreiben. Erfolgreich wäre das Projekt vor allem dann, wenn es gelänge, in diesem Kontext auch ein gemeinsames pädagogisch fundiertes Verständnis von digitaler Bildung zu entwickeln, und somit die Digitalisierungsoffensive nicht nur bei leistungsstärkerem WLAN oder zusätzlichen Geräten in den Schulen stehen bleiben würde.

24.10.2017

von Wolfgang Haaß

Bis die neue Bundesregierung im Amt ist, wird noch einige Zeit ins Land gehen. Auf dem Merkzettel für den Koalitionsvertrag steht indes mindestens ein Posten schon fest: Der sogenannte „Digitalpakt D“ des Bundesbildungsministeriums aus der vorigen Legislaturperiode wartet noch auf Konkretisierung und Umsetzung. Zusammen mit den Ländern soll der Bund damit in den kommenden fünf Jahren u. a. den Ausbau der IT-Infrastruktur an Schulen durch Investitionen von 5 Mrd. € vorantreiben.

Im Bundestagswahlkampf wurde vielfach bemängelt, dass Bildung - auch und gerade mit Blick auf das Metathema Digitalisierung – kaum eine Rolle spielte. Dabei gab es durchaus Beiträge, die die Diskussion voranbringen können. So setzte zum Beispiel das Münchener ifo Institut mit seinem aktuellen Bildungsbarometer zu den Einstellungen der deutschen Bevölkerung zur Digitalisierung im Bildungsbereich einen wichtigen Impuls.

Gesellschaftlicher Rückenwind für den Digitalpakt

Die Ergebnisse verdeutlichen, so das Team um den Bildungsökonomen Ludger Wößmann, dass den Deutschen die zunehmende Bedeutung der Digitalisierung im Bildungsbereich durchaus bewusst ist. Für den Digitalpakt gibt es gesellschaftlichen Rückenwind: So spricht sich eine überwältigende Mehrheit von 80 Prozent der Befragten dafür aus, dass der Bund möglichst alle Schulen mit Breitband-Internetzugang, WLAN und Computern ausstattet. Ähnlich viele befürworten, dass der Bund auch Schüler weiterführender Schulen mit Tablets ausstattet. Positiv stehen die Deutschen mehrheitlich auch der digitalen Kommunikation zwischen Lehrern und Schülern gegenüber, um beispielsweise über bevorstehende Tests oder Prüfungsergebnisse zu informieren; auch verpflichtende Fortbildungen für Lehrkräfte zu Digital- und Medienkompetenzen werden mehrheitlich unterstützt.

Negativ ist die Meinung der Deutschen hingegen zur Nutzung von Smartphones im Unterricht. Weniger als die Hälfte der Bevölkerung (42 %) spricht sich dafür aus, dass Schüler ab der 7. Klasse ihr eigenes schlaues Telefon für schulische Zwecke (z. B. Internetrecherchen) im Unterricht benutzen dürfen, 52 Prozent sind dagegen.

Am Smartphone im Unterricht scheiden sich die Geister

Natürlich ist die Entscheidung für die Nutzung von Smartphones im Unterricht immer eine Ermessensfrage, die vor allem davon abhängt, wie die „schulischen Zwecke“, die damit erreicht werden sollen, definiert werden. Für Unterrichtsinhalte, die in digitaler Form einen Mehrwert schaffen, sind auch nicht zwingend Smartphones nötig, meist dürften andere Geräte (Tablets, Boards oder durchaus auch noch PCs oder Laptops) das Mittel der Wahl dafür sein.

Andererseits lohnt es sich aber, wie auch in anderen Lebenszusammenhängen, über Ausnahmen von der Regel nachzudenken. So lassen sich zum Beispiel Schülerwettbewerbe digitalisieren, indem die Aufgabenstellung am Board mit den Lösungen durch die Schülerinnen und Schüler via Smartphone verzahnt werden. Ein Echtzeit-Ranking nach jeder Frage-Antwort-Runde motiviert die Schüler dabei auf spielerische Weise.

Eine solch fokussierte Nutzung von Netzwerkmedien im Klassenzimmer als eine Art Educative Social Media ermöglicht die Einbindung jener Geräte, zu denen Jugendliche auch außerhalb der Schule ein meist inniges Verhältnis haben. Dem pädagogischen Petitum, sich möglichst an der „Lebenswelt der Schüler“ zu orientieren, käme man damit zumindest ein Stück näher.

Ebenfalls in Richtung Pädagogik, aber deutlich über das skizzierte Anwendungsbeispiel hinaus, zielt der Befund einer zweiten Studie mit einer Bestandsaufnahme zur Digitalisierung an deutschen Schulen: Die dritte Sequenz des „Monitors Digitale Bildung“ der Bertelsmann Stiftung basiert auf einer Befragung der Akteure im Bildungswesen – neben Schülern, Lehrkräften und Schulleitern auch Vertreter aus Politik und Verwaltung.

„Zwar sind gut drei Viertel der Lehrer und Schulleiter der Überzeugung, dass digitale Medien die Attraktivität der Schule steigern. Trotzdem erkennen und nutzen nur wenige das didaktisch-methodische Potenzial von Digitalisierung im Unterricht – zum Beispiel mit Blick auf Inklusion, individuelle Förderung oder Ganztagsgestaltung“, so Bertelsmann-Vorstand Jörg Dräger. Die Mehrheit der Lehrer und Schulleiter sieht die Chancen des digitalen Wandels stattdessen hauptsächlich darin, Aufgaben der Schulverwaltung besser bewältigen zu können.

Derweil erwarten die befragten Experten aus Ministerien, von Schulträgern und Verbänden den größten Nachholbedarf im Kontext der Digitalisierung bei noch fehlenden pädagogischen Konzepten. Nur damit aber, so die Studienautoren, kann das Kollegium einer Schule ein gemeinsames didaktisches Verständnis von digitalem Lernen entwickeln. Bislang hingegen müssen Lehrer ihre Weiterbildung in diesem Kontext zumeist selbst organisieren.

Digitale Bildung darf sich nicht in der technischen Ausstattung erschöpfen

Letztlich wird es also darauf ankommen, ob sich die Schulen durch den Digitalpakt auch konzeptionell-strategisch weiterentwickeln oder ob die bildungspolitische Digitalisierungsoffensive bestenfalls bei leistungsstärkerem WLAN und mehr Geräten in den Schulen stecken bleibt. Die föderale Aufgabenteilung jedenfalls sieht vor, dass für „die Umsetzung entsprechender pädagogischer Konzepte, die Gestaltung der Lehreraus- und -fortbildung und die Unterstützung der notwendigen Strategieentwicklung bei Schulen und Schulträgern“ weiterhin und ausschließlich die Länder zuständig sind. Auf der Prioritätenliste der Koalitionsverhandlungen im Bund stehen diese Themen damit, wenn überhaupt, wohl eher weiter unten.

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