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Finanzielle Bildung ist ein Beitrag zur Mündigkeit

Gastbeitrag

11.01.2022

Allgemeinbildung soll den Menschen helfen, ihr Leben zu bewältigen, die Welt besser zu verstehen sowie Probleme und deren mögliche Lösungen reflektieren zu können. Es ist heute kaum vorstellbar, dass dies ohne eine ökonomische und finanzielle Bildung hinreichend gelingen kann. 

Finanzielle Bildung ist mehr als Finanzwissen

Gerade die  finanzielle Allgemeinbildung hat in den letzten Jahren international viel Aufmerksamkeit erfahren, wobei Deutschland nicht an der Spitze der Bewegung steht. Die OECD führt in vielen Ländern im Rahmen der PISA-Studie ein Financial Literacy Assessment mit Schülerinnen und Schülern durch. Deutschland beteiligt sich daran bis dato noch nicht. Viele Länder – zuletzt Österreich – haben eine nationale Strategie für Finanzbildung entwickelt, Deutschland bis jetzt noch nicht. 

Möglicherweise beruht diese Zurückhaltung auf dem hierzulande verbreiteten Missverständnis, Finanzbildung sei eine Spezialbildung, die nicht jeder benötige, sondern nur Menschen, die bei Investmentbanken, in der Vermögensberatung, bei Wirtschaftsprüfungsgesellschaften  oder anderen Finanzmarktakteuren tätig sind. Das ist aber ein Trugschluss.

Das Leitbild allgemeiner Bildung in Deutschland ist Mündigkeit im Sinne einer Übernahme von Verantwortung sowohl gegenüber sich selbst als auch gegenüber den Mitmenschen und der Umwelt. Für den Einzelnen impliziert dies zunächst einmal die Fähigkeit zu selbstbestimmtem Handeln. Diese ist seit dem Zeitalter der Aufklärung als Grundgedanke im deutschen Bildungswesen verankert, und sie wird zunehmend wichtiger, weil das Leben in der modernen Gesellschaft dem Einzelnen immer stärker die Übernahme von Verantwortung für das eigene Handeln und die Fähigkeiten zu eigenen Entscheidungen abverlangt. Hier kann finanzielle Bildung helfen, denn wer in finanziell geprägten Lebenssituationen nichts oder nur wenig weiß, dem entgehen vielfältige Chancen (z. B. beim Vermögensaufbau) und drohen ebenso vielfältige Risiken (z. B. Überschuldung). Finanzielle Bildung ist daher eine Grundkompetenz zur Bewältigung des Lebens und zur reflektierten Teilhabe an Gesellschaft, Wirtschaft und Politik.

Finanzielle Bildung befähigt zu gesellschaftlicher Teilhabe

Vielfach begegnet man auch dem Vorurteil, Finanzbildung wolle Kinder und Jugendlichen zu Finanzmarktakteuren, Spekulanten oder – was auch immer damit gemeint sein mag – zum homo oeconomicus erziehen. In allen vorliegenden Konzepten zur finanziellen Bildung geht es hingegen „lediglich“ um die Befähigung zu ‚vernünftigen‘ Entscheidungen im Sinne des oben beschriebenen Mündigkeitsbegriffs. Dies umfasst sowohl die Befähigung zu rationalen (individuelle Dimension) als auch zu reflektierten Entscheidungen (soziale Dimension). Rationale Entscheidungen sind bedeutsam, weil sie in ökonomischen Kontexten stets unter Knappheitsbedingungen getroffen werden müssen und damit monetäre und nicht-monetäre Opportunitätskosten unvermeidbar sind. Dementsprechend sind Fehlentscheidungen immer mit spürbaren Konsequenzen verbunden. Reflektierte Entscheidungskompetenz ist in finanziell geprägten Lebenssituationen ein relevantes Bildungsziel, weil individuelle Entscheidungen oftmals Auswirkungen auf andere, mitunter unbeteiligte Personen haben. Entscheidungskompetenz in diesem Sinne zielt somit unmittelbar auf die Verbesserung der Teilhabechancen und das Zusammenleben der Menschen in einer Marktwirtschaft. 

Schule als Ort für finanzielle Bildung

Damit diese Teilhabechancen allen zuteilwerden können, sollten sie nicht vom Elternhaus oder anderen zufälligen Faktoren abhängig sein, sondern im Pflichtkanon der allgemeinbildenden Schulfächer verankert werden. Die vielen Initiativen zur finanziellen Bildung, die es auch in Deutschland gibt, sind sehr wertvoll und für die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler in der Regel sicher ein Gewinn. Einen flächendeckenden Erwerb finanzieller Grundbildung sichern sie aber nicht. Dazu ist die Verankerung in der Schule erforderlich, und hierfür ist ein Schulfach Wirtschaft das systematisch passende Instrument. 

Seit mehr als fünf Jahrzehnten wird in Deutschland die Frage nach einem Schulfach Wirtschaft gestellt und im Laufe dieser Zeit wurden in den Bundesländern an den verschiedenen Schulformen die mannigfaltigsten Fachkonstrukte eingeführt oder auch wieder abgeschafft. Die Kernfrage dreht sich seither darum, ob man ökonomische Bildung als Teildisziplin in einem Integrationsfach oder als eigenständiges Schulfach unterrichten sollte. Vor dem Hintergrund voller Stundentafeln und – damit einhergehend – knapper Lernzeit in den Schulen hat sich ein breites Spektrum an Fächern etabliert: von Weltkunde, Politik, Erdkunde oder Verbraucherbildung über Gemeinschaftskunde, Gesellschaftslehre, Sozialwissenschaften, Politik/Wirtschaft oder Arbeitslehre bis hin zu Wirtschaft, Wirtschaftslehre, Wirtschaft und Berufs- und Studienorientierung oder Wirtschaft und Recht. 

Für die Entwicklung der ökonomischen Bildung in Schulen und Hochschulen ist diese curriculare Heterogenität ein relevantes Hemmnis und führt zum Teil zu fast schon homöopathischen Dosen an Finanzbildung in den Lehrplänen und Kerncurricula. Von einer flächendeckenden ökonomischen Grundbildung sind wir in deutschen Schulen vielerorts noch weit entfernt, von einer flächendeckenden finanziellen Bildung kann gar keine Rede sein. Im Kern sind es zwei wichtige Ansatzpunkte, dies zu ändern: mehr Kontingentstunden für ökonomische Bildung an den Schulen und einen höheren Stellenwert ökonomischer Bildung bei der Lehrkräfteausbildung. 

Mehr ökonomische Bildung in Schulen und bei der Lehrkräfteausbildung

Die ökonomische Bildung ist in den meisten Bundesländern das Nebenfach unter den Nebenfächern, weil sie in Integrationsfächern verankert ist und daher die für ein Fach zur Verfügung stehende Zeit oftmals auf verschiedene Domänen aufgeteilt werden muss. Ein normales Nebenfach Wirtschaft, das in der Sekundarstufe I bspw. für drei Schuljahre (z. B. Klassen 8-10) mit zwei Stunden pro Woche unterrichtet wird, ist in den 16 deutschen Bundesländern an den jeweiligen Schulformen nur sehr selten zu finden (siehe www.oebix-studie.de). 

Der zweite Ansatzpunkt ist die Lehrkräfteausbildung an den Hochschulen. Lehramtsstudierende studieren ihr Fach sowieso nur im Umfang von ca. einem Drittel eines Vollstudiums, weil ein zweites Fach und die erziehungswissenschaftlichen sowie schulpraktischen Studien hinzukommen. Wenn dieses Drittel nun wieder, wie in vielen Integrationsfächern, auf drei Disziplinen und ihre Fachdidaktiken aufgeteilt werden muss, dann bleiben mancherorts nicht mehr als ein bis zwei Module Wirtschaft im gesamten Studium. Wie Lehrkräfte, die so ausgebildet werden, seriös finanzielle Bildungsinhalte unterrichten sollen, bleibt völlig unklar. 

Auf individueller Ebene sind die Menschen tagtäglich in ökonomische Kontexte eingebunden und auf der gesellschaftlichen Ebene gibt es kaum Herausforderungen, die nicht auch eine ökonomische Dimension haben. Diesen Umstand muss das Bildungswesen im 21. Jahrhundert berücksichtigen und Kindern und Jugendlichen den Erwerb entsprechender ökonomischer und finanzieller Kompetenzen ermöglichen. Gelingt dies nicht in ausreichendem Maße, hat das Gemeinwesen an wichtiger Stelle versagt und beraubt junge Menschen damit wertvoller Chancen auf Teilhabe an Wirtschaft, Gesellschaft und Politik.

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Kontakt

Prof. Dr. Dirk Loerwald

Professor für Ökonomische Bildung, Universität Oldenburg; Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Ökonomische Bildung (IÖB)

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