Finanzkompetenz der Deutschen: Lückenhaft – und überschätzt

Finanzkompetenz der Deutschen

Lückenhaft – und überschätzt

Die Deutschen überschätzen ihre eigene Finanzkompetenz erheblich. Wie der aktuelle „Finanzplanungsindex“ des Bankenverbandes zeigt, glauben zwar viele Bundesbürger, sich in Finanzfragen gut auszukennen, tatsächlich aber hält diese Selbsteinschätzung der Wirklichkeit nicht stand.

09.01.2018

von inter/esse-Redaktion

Finanzkenntnisse sind eine wichtige Voraussetzung nicht nur für alltägliche Konsumentscheidungen aller Art, sondern auch für die finanzielle Zukunftsgestaltung jedes Einzelnen. Wie der aktuelle „Finanzplanungsindex“ des Bankenverbandes zeigt, glauben zwar viele Bundesbürger, sich in Finanzfragen gut auszukennen, tatsächlich aber hält diese Selbsteinschätzung der Wirklichkeit nicht stand. 

Die Deutschen überschätzen ihre eigene Finanzkompetenz erheblich. Das zeigt eine aktuelle Umfrage des Bankenverbands unter Erwachsenen. So interessieren sich die Bundesbürger nach eigenem Bekunden zwar durchaus für Wirtschaftsthemen – fast die Hälfte sogar stark oder sehr stark – und drei Viertel meinen auch, sie würden sich in Finanzangelegenheiten gut auskennen. Doch gleichzeitig muss die Hälfte der Befragten einräumen, dass sie von dem, was an der Börse geschieht, „keine Ahnung“ hat. Was für ein Widerspruch!

Auch andere Fragen zu wirtschaftlichem Grundlagenwissen offenbaren erhebliche Defizite. So weiß ein Viertel der Deutschen gar nicht, was „Inflation“ bedeutet, und lediglich die Hälfte kann ungefähr ihre gegenwärtige Höhe nennen. Ebenfalls nahezu die Hälfte der Befragten (44%) kann nicht sagen, was ein „Investmentfonds“ ist, und sechs von zehn Erwachsenen (59%) können überhaupt nichts mit dem Begriff „Gesetzliche Einlagensicherung“ anfangen.

Der Ende vergangenen Jahres erhobene „Finanzplanungsindex“ des Bankenverbandes wurde aus sechs Einzelfragen zu Wirtschaftsinteresse, Kenntnissen in Geld- und Finanzangelegenheiten sowie der Beschäftigung mit der eigenen Altersvorsorge gebildet. Im Ergebnis zeigt er, dass weniger als vier von zehn Befragten „gute“ (18%) oder „eher gute“ (19%) Finanzkompetenzen aufweisen. Entsprechend betrüblich fallen die übrigen Werte aus: Ein Viertel der Bevölkerung (26%) verfügt über kaum hinreichende („eher schlechte“) und mehr als ein weiteres Drittel (37%) gar über schlechte Voraussetzungen für eigene Finanz- und Vorsorgeentscheidungen.

Gegenüber einer auf der Basis gleicher Fragen durchgeführten Messung aus dem Jahr 2014 haben sich die Werte seitdem noch verschlechtert. Während damals insgesamt „nur“ 56 Prozent der Bundesbürger schwache und sehr schwache Finanzkenntnisse zeigten, liegt dieser Wert aktuell bei 63 Prozent. Gerade jüngere Erwachsene unter 30 Jahren zeichnen sich durch besonders große Wissenslücken aus.  

Die dem Index zugrunde liegenden Einzelfragen geben weiteren Aufschluss über die Einstellungen und Fähigkeiten der Deutschen hinsichtlich ihrer Finanzkompetenz. Für die Beschäftigung mit ihren eigenen Finanzen beispielsweise nimmt sich lediglich rund die Hälfte der Befragten regelmäßig Zeit. Die andere Hälfte gibt an, das nur unregelmäßig ab und zu (28%) bzw. selten oder nie zu tun (22%). Immerhin ist das Bewusstsein der Deutschen, sich mit der eigenen Altersvorsorge auseinanderzusetzen, ausgeprägt. Fast acht von zehn Befragten (78%) haben sich schon ernsthaft mit ihrer Altersvorsorge beschäftigt. Damit unternehmen viele in dieser Hinsicht zumindest einen ersten Schritt in die richtige Richtung. Dass die pure Beschäftigung mit diesem wichtigen Thema allerdings kein hartes Kriterium für die tatsächliche Vorsorge ist, zeigt ein anderes Faktum: Unter den Sparmotiven der Befragten spielt das Vorsorgesparen fürs Alter mit 24 Prozent lediglich eine untergeordnete Rolle. 

Insgesamt zeigen die Ergebnisse der Befragung, dass die Wirtschafts- und Finanzbildung der Deutschen sehr zu Wünschen übrig lässt. Sicher ist es nicht nur Aufgabe von Schule und Eltern, jungen Menschen frühzeitig Finanzwissen zu vermitteln. Als gesamtgesellschaftliche Aufgabe müssen sich hier Unternehmen und Wirtschaftsorganisationen ebenso angesprochen fühlen – und viele engagieren sich hier ja bereits auf vorbildliche Weise. Um Defizite im Wirtschafts- und Finanzwissen der Bevölkerung flächendeckend zu verringern, steht aber der Staat, in diesem Fall vor allem die Länder, in der Hauptverantwortung. Trotz einiger Fortschritte, wie zum Beispiel die Einführung eines Unterrichtsfachs Wirtschaft in Baden-Württemberg, spielen Ökonomie und Finanzen an deutschen Schulen immer noch oft nur eine Nebenrolle. Das wird den Erfordernissen einer grundlegenden Finanzbildung für die heranwachsende Generation nicht gerecht.

Alle Ergebnisse finden Sie hier.

Wie der „Finanzplanungsindex“ gebildet wird – Informationen zur Umfrage

Der Index wird aus sechs Einzelfragen zu Wirtschaftsinteresse, Kenntnissen in Geld- und Finanzangelegenheiten sowie der Beschäftigung mit der eigenen Altersvorsorge gebildet. Dabei wird die Häufigkeit der Nennungen der jeweils höchsten bzw. positivsten Antwortkategorien zur Einordnung der Finanzkompetenz des Befragten herangezogen: Wenn bei mindestens vier der sechs Fragen die höchste bzw. positivste Kategorie genannt wurde, erfolgt die Zuweisung in die erste Gruppe („gut“), bei drei Fragen mit entsprechenden Nennungen in die zweite Gruppe („eher gut“), bei zwei Fragen in die dritte Gruppe („eher schlecht“). Wurde nur bei einer oder gar keiner Frage die positivste Kategorie angegeben, erfolgt die Zuweisung in die vierte Gruppe („schlecht“). Die repräsentative Befragung wurde im Oktober 2017 von der Gesellschaft für Marktforschung (GfK) im Auftrag des Bankenverbandes unter 1.004 in Deutschland lebenden Erwachsenen durchgeführt.

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