Forum Digital Banking: Deutschlands Platz in einer digitalen Weltordnung

17.09.2018

von Christian Jung

Es war kein Zufall, dass ‚Disruption‘ beim jüngsten Forum Digital Banking in Berlin als einer der am häufigsten verwendeten Begriffe auffiel. Denn der Bankenverband hatte kluge Köpfe aus Politik, Wissenschaft, der Bankenwelt und der FinTech-Szene zusammengerufen, um über Deutschlands künftigen Platz in einer digitalen Weltordnung zu sprechen. Und wo es um Digitalisierung, neue Technologien wie Blockchain, Robotik oder Künstliche Intelligenz geht, ist angesichts der heute erkennbaren Dynamik dieser Entwicklungen ziemlich klar, dass sie in wenigen Jahren, nicht nur in der Finanzbranche, aber auch dort, kaum mehr einen Stein auf dem anderen lassen werden. 

Doch dieses Mal ging es dem Gastgeber, wie Andreas Krautscheid, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes, anmerkte, weniger um die technische Seite der digitalen Innovationen als vielmehr um die Frage, welche geopolitischen Machtverschiebungen sich daraus ergeben. Denn die globalen Kräfteverhältnisse sind ohne Frage im Umbruch. Machtzentren verschieben sich, auch getrieben durch die Digitalisierung, wie nicht nur am Beispiel Chinas oder der USA zu beobachten ist. Damit steht die Frage im Raum: Wo werden sich Deutschland und Europa geopolitisch und technologisch positionieren? Oder haben sie diesen Wettlauf etwa schon verloren? Eine außergewöhnliche Veranstaltungslocation, das FATHER GRAHAM, direkt neben dem Quartier 110 der Deutschen Bank in der Berliner Friedrichstraße, bot eine anregende Kulisse für neue Gedanken, Einschätzungen und Anregungen. 

Digitalstrategie der Bundesregierung 

Den Reigen der Vorträge und Diskussionen eröffnete der Leiter der Abteilung Digital- und Innovationspolitik im Bundeswirtschaftsministerium, Ministerialdirigent Stefan Schnorr, mit Ausführungen zur Digitalstrategie der Bundesregierung. Deutschland bringe, so Schnorr, durchaus gute Voraussetzungen mit, disruptive Technologien frühzeitig zu erkennen und in neue Produkte umzusetzen, dennoch sehe er das Land – und Europa insgesamt – angesichts der neuen Geschwindigkeit, die die Digitalisierung mit sich bringe, vor großen Herausforderungen: „Auch wenn wir gerade erleben, wie die Digitalisierung fast alle Lebensbereiche erfasst, und sich die Kundenansprüche entsprechend wandeln, sind andere Länder da schon weiter.“ So sei es etwa in China inzwischen Standard mit dem Smartphone zu bezahlen, während hierzulande eher noch konservative Zahlungsgewohnheiten vorherrschten.  

Niemand wolle und könne den technologischen Fortschritt aufhalten, es müsse vielmehr darum gehen, die Früchte des Fortschritts für Deutschland nutzbar zu machen. Das sei weiterhin vor allem Aufgabe der Wirtschaft. „Die Quelle von Innovationen bleiben unsere Unternehmen“, bekräftigte Schnorr. „Was die Politik aber leisten kann und muss, ist ein klar umrissenes Leitbild und verlässliche Rahmenbedingungen für das digitale Zeitalter vorzugeben, insbesondere auch mit Blick auf ein faires level playing field.“

Daran arbeite die Bundesregierung mit Hochdruck, beispielsweise im „Kabinettsausschuss Digitalisierung", in dem die verschiedenen Aktivitäten aller Ressorts koordiniert würden und zurzeit eine nationale Umsetzungsstrategie entworfen werde. Neben den Gesprächen, die Bundeswirtschaftsminister Altmaier auf europäischer Ebene führe, seien auch Arbeiten an einer KI-Strategie der Bundesregierung im Gange. Diese solle noch im Herbst verabschiedet werden und lege ein Hauptaugenmerk auf den Aspekt des internationalen Wettbewerbs um Talente in diesem Bereich. Mit der vor kurzem gegründeten ‚Agentur für Sprunginnovationen“ versuche man zudem – parallel zur klassischen Innovationsförderung – das Potential Deutschlands bei disruptiven Technologien weiter zu verbessern. 

Große Bedeutung für die digitale Innovationsdynamik messe die Bundesregierung den zahlreichen Start-up Unternehmen und den FinTechs im Finanzbereich zu. Schnorr würdigte die positiven Ansätze der Banken, FinTechs nicht nur als Wettbewerber, sondern zunehmend auch als Kooperationspartner zu sehen. Ausdrücklich lobte er den Bankenverband dafür, dass er sich bereits vor zwei Jahren für FinTechs geöffnet und ihnen eine außerordentliche Mitgliedschaft eingeräumt habe.

Banken und FinTechs sollten noch enger kooperieren 

Die Aufforderung an Banken und FinTechs noch enger miteinander zusammenarbeiten, war auch eine der zentralen Schlussfolgerungen, die Nasir Zubairi, CEO Luxembourg House of Financial Technology, in seinem Statement zog. Don‘t ignore, compete, invest, collobarate, acquire, coopetition – das war seine klare Empfehlung an die Banken, um die Dynamik der FinTechs für das eigene Unternehmen zu nutzen. Zuvor hatte Zubairi einen breiten Spannungsbogen wichtiger Zukunftsentwicklungen aufgezeigt, der vom bald schon marktreifen fahrerlosen Auto bis hin zu noch eher futuristischen Szenarien der Wasserversorgung aus der Atmosphäre oder der Entwicklung von Nanobots reichte, die im menschlichen Körper ferngesteuert Tumore entfernen können. 

Zubairis Credo: Von den dramatischen Veränderungen, welche die digitale Revolution in vielen Lebensbereichen auslöst, wird auch die Finanzbranche zwangsläufig und zunehmend umgekrempelt werden. Hinter dem intelligenten Kühlschrank, der selbsttätig Lebensmittel ordert, verbergen sich eben nicht nur ein einfacher Bestellvorgang, sondern auch neue Zahlungsverfahren und Finanzprodukte. Und welche Auswirkungen es auf den Konsum-, Kredit- und Versicherungsmarkt habe, wenn Menschen dank medizinischer Fortschritte in wenigen Jahren vielleicht sehr viel älter werden könnten als heute, sei noch gar nicht absehbar.

In der anschließenden Paneldiskussion, die wie die gesamte Veranstaltung von Daniel Finger von radioeins moderiert wurde, brachte Ulrich Coenen, Bereichsvorstand Unternehmerkunden und für die digitale Transformation bei der Commerzbank AG zuständig, weitere Aspekte des Themas aus Bankensicht ein. Für ihn und in seiner Bank sei nicht kontrovers, in welche Richtung man sich weiter entwickeln müsse, nämlich in die von seinen Vorrednern aufgezeigte, wohl aber werde darüber diskutiert, mit welcher Geschwindigkeit und in welchen Zeiträumen das geschehen solle. 

Das liege zum einen daran, dass es den Kunden schlechthin nicht gebe, sondern Bankkunden sehr unterschiedliche Präferenzen hätten. „Viele Kunden haben nach wie vor ein stabiles Grundvertrauen in die tradierten Zahlungsverfahren und Basisprodukte der Banken“, so Coenen, und bevorzugten in ihren praktischen Finanzfragen weiterhin die direkte und persönliche Ansprache. „Banken haben allerdings auch das Problem“, so Coenen, „dass sie zurzeit an vielen Fronten vieles gleichzeitig tun müssen.“ Massive Anforderungen aus der Regulierung seien ebenso das Thema wie die Verbesserung der Kundenansprache, die Erneuerung der IT, die Entwicklung neuer Apps oder anderer digitaler Produkte. 

Geopolitische Verschiebungen im 21. Jahrhundert

Wer bis dahin glaubte, dass Disruption eine Spezialität technologischer Entwicklungen sei, wurde eines Besseren belehrt, als Norbert Röttgen, MdB und Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Deutschen Bundestag, in Bezug auf die geopolitischen Verschiebungen im 21. Jahrhundert zu einer außenpolitischen tour d‘horizon anhob. „In den letzten vier bis fünf Jahren“, so Röttgen, „sind alte, früher als unverrückbar angesehene Sicherheiten auch auf dem Feld der Außenpolitik ins Wanken geraten, ja geradezu weggebrochen.“ Die lange Reihe disruptiver Ereignisse reiche von den innenpolitischen Veränderungen in der Ukraine und der russischen Reaktion darauf, über die technologische und mit Machtansprüchen verbundene Modernisierung Chinas, den Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Iran bis hin zu dem „Phänomen Trump“, das über die Person Donald Trump hinaus auch grundsätzlich Ausdruck einer transatlantischen Entfremdung sei. 

„Wir befinden uns in einer historischen Zwischenphase, nachdem erst jetzt, und nicht wie geglaubt schon 1989/90, die Nachkriegszeit endgültig zu Ende gegangen ist“, sagte Röttgen. Diese Zeit des Verfalls und der Neubegründung der globalen Machtverhältnisse bringe große Unsicherheiten mit sich und werfe die Frage auf, wo sich Deutschland und Europa in einer nicht mehr westlich dominierten Weltordnung am Ende wiederfinden. 

Bündelung europäischer Kapazitäten in der Außenpolitik …

Nicht zuletzt die durch militärische Konflikte und soziale Verwerfungen hervorgerufenen Flüchtlingsströme führten Europa vor Augen, dass der Kontinent seine Zukunft nicht mehr von diesen Konflikten trennen könne. Europa, so Röttgen, müsse daher stärker seiner weltpolitischen Verantwortung gerecht werden und dafür auch zu einem außenpolitisch relevanten Akteur zusammenwachsen. Nur durch eine Bündelung der außen- und sicherheitspolitischen Kräfte, übergangsweise vielleicht auch nur einer Gruppe der Willigen innerhalb der Europäischen Union, könne Europa überhaupt noch einen ernstzunehmenden Einfluss auf die Lösung internationaler Probleme nehmen.

… wie bei der digitalen Infrastruktur

Das Panel „Deutschland digital – auf verlorenem Posten?“ mit Philipp Sandner, Professor, Manufacturing Frankfurt School of Finance & Management und Toan Nguyen, Director Business Development & Cloud Platform, e-shelter services, führte die Frage des geostrategischen Rankings wieder zurück zur Digitalisierung. Beide Protagonisten, ausgewiesene Blockchain-Experten, waren sich darin einig, dass „das Rennen“ hier zwar noch nicht gänzlich gelaufen sei, es aber gewaltiger Anstrengungen bedürfte, wenn Deutschland und Europa den Anschluss halten wollten. Beide beklagten fehlende Investitionen in notwendige Infrastruktur. Europa liege in Sachen IT und bei der Anwendung der Blockchain-Technologie gegenüber den führenden Staaten um mehrere Jahre zurück. Das sei angesichts des Entwicklungstempos in diesem Segment eine sehr lange Zeit. 

Es fehle in Deutschland, bis auf wenige Ausnahmen, an einem Verständnis einerseits, wie Blockchain-Technologie tatsächlich funktioniere und andererseits, welche Anwendungschancen in ihr steckten. Während es etwa in Japan einen strukturierten Prozess gebe, in dem finanzstarke Funds, Unternehmen und Regierung Hand in Hand arbeiteten, mangle es in Deutschland zudem am strategischen Interesse, mit der Folge, dass hier jeder getrennt vor sich hin werkle. 

Während Stefan Schnorr die Banken noch eingangs ermuntert hatte, sich den Plattformgedanken für ihre eigenen Geschäfte zunutze zu machen, zeigte sich Nguyen hier eher skeptisch, weil er auf diesem Sektor kaum noch Chancen sehe, neben den großen, schon etablierten Playern zu bestehen. Hingegen böten dezentrale Strukturen wie die Blockchain noch sehr gute Einstiegsmöglichkeiten. 

Wo liegt Deutschlands Platz in einer künftigen digitalen Weltordnung? Das hängt, wie das Forum Digital Banking gezeigt hat, von vielen unterschiedlichen Faktoren ab. Nur eines ist gewiss: Ohne gewaltige Anstrengungen und die europäische Bündelung von Ressourcen wird er ziemlich weit unten sein.

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