Fernglas

Gedämpfte Konjunkturhoffnung

Deutsche Industrie in der Klemme

Die gesamtwirtschaftliche Leistung in Deutschland kommt nicht in Schwung. Im letzten Quartal 2019 stagnierte das Bruttoinandsprodukt (BIP) preis- und saisonbereinigt auf dem Stand des Vorquartals. Nach einem Rückgang der Wirtschaftsleistung von April bis Juni 2019 (-0,2 % gegenüber dem Vorquartal) und einem gleichstarken Anstieg von Juli bis September 2019 liegt das Wirtschaftswachstum in Deutschland seit drei Quartalen praktisch auf der Nulllinie. 

Maßgeblich für die schwache Wirtschaftsentwicklung in Deutschland ist der Industriesektor. Er steht gleich von zwei Seiten unter Druck: 

  • Zum einen wird die sehr exportlastige deutsche Industrie im besonderen Maße von der Weltkonjunktur getroffen, die – nicht zuletzt wegen verschiedener Handelskonflikte – inzwischen seit rund eineinhalb Jahren langsam, aber kontinuierlich an Fahrt verliert. 
  • Zum anderen werden zentrale Bereiche der deutschen Industrie mit grundlegenden technologischen Umbrüchen konfrontiert, allen voran der Automobilsektor und dessen umfangreiche Zulieferindustrie.

In der Klemme zwischen diesen beiden Druckpunkten ist die Industrieproduktion (Verarbeitendes Gewerbe ohne Bau- und Energiewirtschaft) im vergangenen Jahr deutlich gesunken. Im Jahresdurchschnitt lag das Output-Volumen 4 ½ % unter dem Vorjahresniveau.

Binnennachfrage hat 2019 Rezession verhindert

Dass es im Jahresdurchschnitt 2019 überhaupt noch ein Wirtschaftswachstum in Deutschland gab (0,6 % gegenüber dem Vorjahr), ist der insgesamt noch recht robusten Binnennachfrage zu verdanken. Der private Konsum (+1,6 % im Vorjahresvergleich), der Staatskonsum (+2,6 % gegenüber dem Vorjahr) und die Bauinvestitionen (+3,9 % im Vorjahresvergleich) stiegen 2019 sogar noch etwas stärker als in den beiden vorangegangenen Jahren.

Sehr gute Finanzierungsbedingungen, ordentliche Lohnabschlüsse, eine niedrige Inflationsrate und der anhaltende Beschäftigungsaufbau haben der Binnenwirtschaft Rückenwind gegeben. Dass extrem niedrige Zinsen kein Allheilmittel sind, verdeutlichen allerdings die Ausrüstungsinvestitionen: sie sind im vergangenen Jahr nur noch geringfügig gewachsen (+0,6 % gegenüber dem Vorjahr) und bleiben eindeutig die „Achillesferse“ der Binnenkonjunktur. 

Empfindlicher Dämpfer für die Konjunkturhoffnungen 

Zum Jahreswechsel 2019/2020 hatten sich die konjunkturellen Perspektiven sowohl für die Weltwirtschaft als auch für Deutschland etwas aufgehellt. Nach der Parlamentswahl in Großbritannien hat die jahrelange Unsicherheit in Sachen Brexit nachgelassen 
– auch wenn die künftigen Handelsbezieh-ungen zwischen dem Vereinigten Königreich und Europa noch geklärt werden müssen. Der Handelsstreit zwischen China und den USA hat mit einem vereinbarten Teilabkommen etwas an Schärfe verloren. Hierzulande machte sich dies vor allem in einer leichten Erholung der Stimmungsindikatoren bemerkbar.

Mit dem Ausbruch des Corona-Virus‘ in China haben diese Hoffnungen allerdings einen empfindlichen Dämpfer erhalten. Inzwischen werden nicht nur massive Belastungen im Tourismus- und Dienstleistungsgeschäft in China sichtbar, sondern auch ein Einbruch bei den Autokäufen sowie Ausfälle bei der Industrieproduktion. Über weltweite Handels- und Lieferketten schwappen diese Belastungen auf andere Länder über, auch und gerade auf die deutsche Industrie oder auf Rohstoff exportierende Schwellenländer.

Zwar lassen sich die konkreten Auswirkungen der Virus-Epidemie derzeit noch überhaupt nicht abschätzen; ein deutlicher Rücksetzer beim chinesischen Wirtschaftswachstum im ersten Quartal 2020 ist aber nicht mehr zu vermeiden. 

Mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung wird diese Entwicklung gleich von zwei Seiten Spuren in der deutschen Wirtschaft hinterlassen: Erstens durch den direkten Nachfrageausfall in China und zweitens durch Engpässe in den Lieferketten von Zwischenprodukten für die deutsche Industrie.

Abwärtsrevision der Prognosen sehr wahrscheinlich

Legt man die Muster vergangener Epidemien zugrunde, dann könnten die Auswirkungen der Corona-Infektion im zweiten Quartal wieder abflauen. Die zum Jahresbeginn prognostizierte Stabilisierung der Weltwirtschaft müsste dann zwar nicht abgesagt werden; sie würde sich aber deutlich verzögern und auf einem etwas niedrigeren Niveau erfolgen. Hoffnungen auf einen deutlichen „Nachholeffekt“ nach dem Abflauen der Epidemie müssten nämlich gedämpft werden, denn die Nachfrageausfälle im bislang stark getroffenen Tourismus- und Dienstleistungssektor können nur in einem recht geringen Umfang nachgeholt werden.

Für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung in Deutschland ist es derzeit noch zu früh, die möglichen Auswirkungen der Virus-Epidemie quantitativ abzuschätzen. Da die Befürchtungen zunehmen, dass der Virus länger grassiert, als vor kurzem noch gedacht, kann er die deutsche Konjunktur womöglich nicht nur im ersten Quartal 2020 belasten, sondern sich auf das gesamte Jahr auswirken. Die Abwärtsrisiken für die ohnehin recht moderaten Wachstumsprognosen in diesem Jahr sind aber inzwischen groß. 

Der Bankenverband hat in seiner bisherigen Wachstumsprognose von rund 1 % in diesem Jahr (ohne den im Jahr 2020 besonders vorteilhaften Arbeitstageeffekt würde diese Prognose einem Wirtschaftswachstum von lediglich 0,6 % entsprechen) für das erste Quartal ein Wirtschaftswachstum von 0,2 % gegenüber dem Vorquartal unterstellt. Geht man in den ersten drei Monaten dieses Jahres hingegen von einer gesamtwirtschaftlichen Stagnation aus, dann würde – unter sonst gleichen Annahmen – das BIP-Wachstum im Jahresdurchschnitt auf 0,8 % sinken. Ohne den günstigen Arbeitstageffekt wäre das Wirtschaftswachstum im Jahr 2020 dann mit 0,4 % sogar niedriger als im bereits sehr schwachen Vorjahr. Mehr noch: Diese Wachstumsrate wäre nur erreichbar, wenn sich die Effekte von Corona auf das erste Quartal beschränken lassen.

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