Geld-Geschichte(n) – Teil 22: Börsenboom durch die erste „Volksaktie“

In unserer Reihe blicken wir auf die Geschichte der Finanz- und Wirtschaftswelt zurück. Welche Ereignisse haben in dieser Kalenderwoche einst Märkte und Menschen bewegt? Heute: Wie der Staat in den Wirtschaftswunderzeiten die Träume deutscher Aktienanleger beflügelte.

9. Oktober 1959: Preussag setzt auf den kleinen Mann als Teilhaber

Mit viel Tamtam und einer gigantischen Werbekampagne brachte die Telekom 1996 ihre T-Aktie an die Börse – gern angepriesen als „Volksaktie“. Weniger bekannt ist, dass es eine solche Volksaktie schon 37 Jahre vorher gab: die Papiere der Preußischen Bergwerks- und Hütten-Aktiengesellschaft (kurz: Preussag), seit 2002 bekannt als TUI. Der damalige Wirtschaftsminister und spätere Kanzler Ludwig Erhard verband mit der Emission der Aktien zwei Anliegen. Zum einen bekam Preussag neues Kapital, ohne dass der Bund als (Haupt-)Eigentümer gefordert war; zum anderen sollten Arbeitnehmer eine private Anlagemöglichkeit erhalten, die sie unabhängiger von der staatlichen Rente machte.

Um die Teilprivatisierung zu fördern, galten besondere Konditionen: Abgesehen von Betriebsangehörigen durften nur Kleinverdiener mit höchstens 8.000 D-Mark Jahresverdienst (beziehungsweise 16.000 D-Mark für Verheiratete) Aktien erwerben – und zwar maximal fünf Stück. Allerdings erzeugte die Aussicht auf Kursgewinne und Dividenden einen solchen Run auf die Papiere, dass sich zum Ende der Zeichnungsfrist am 31. März 1959 mehr als 215.000 Interessenten gemeldet hatten. Da eigentlich nur 300.000 Aktien ausgegeben werden sollten, wurde die Höchstmenge auf 4 pro Kopf begrenzt. Dennoch kamen schließlich so viele Papiere in Umlauf, dass plötzlich mehr als drei Viertel der Anteile in Privathand lagen.



Der Ausgabepreis betrug 145 D-Mark pro Aktie; die erste Notierung am 9. Oktober 1959 (dem 36. Jahrestag von Preussag) bescherte dann gleich einen Kurssprung auf 212 D-Mark – also einen Gewinn von mehr als 46 Prozent. Tatsächlich schien das Timing gut gewählt, denn die Börse befand sich damals in einer Hausse, die noch rund zwei Jahre währte. Wer also auf Gewinnmitnahmen setzte, war mit den Preussag-Papieren blendend bedient. Das Unternehmen selbst nutzte die Kapitalspritze, um sich vom Bergbau- zum Mischkonzern zu entwickeln.

Wieso VW den Wettlauf gegen Preussag verlor

Eigentlich hätte nach den ursprünglichen Plänen der Regierung mit Volkswagen (VW) ein wesentlich bekannteres – und namentlich passenderes – Unternehmen für die erste „Volksaktie“ stehen sollen. Doch nicht zuletzt aufgrund verzwickter Eigentumsfragen bei VW waren dort erst 1961 die Voraussetzungen für den Börsengang geschaffen. Als die zweite „Volksaktie“ im April an der Börse startete, war sie heillos überzeichnet und konnte ihren Kurs bereits am ersten Handelstag mehr als verdoppeln. Doch schon bald machten sich politische Zuspitzungen wie der Mauerbau im August 1961 oder die Kuba-Krise im Folgejahr auch wirtschaftlich bemerkbar: Die Kurse brachen ein, viele Aktionäre wandten sich verunsichert wieder von der Börse ab.

Auch beim Börsengang der Telekom in den 90ern zeigte sich, dass eine Volksaktie keine Garantie auf Gewinne bietet: Zwar vervielfachten die ab 1996 ausgegebenen Telekom-Aktien in den ersten vier Jahren zunächst ihren Wert, was die Nachfrage nach weiteren Papieren steigen ließ. Doch die Ausgabekurse des zweiten und dritten Börsengangs von 1999/2000 waren so hoch, dass sie seit dem Platzen der New-Economy-Blase im Jahr 2000 bis heute nicht mehr erreicht worden sind.

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