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Globale Lieferketten: Deutschlands große Schwachstelle?

Globalisierung

Die globale Wirtschaftskrise, die infolge der Corona-Pandemie und der massiven Eingriffe in das öffentliche Leben ausgebrochen ist, hat offengelegt, wie sehr die europäischen und speziell die deutschen Unternehmen von internationalen Zulieferern abhängig sind. Dies hat Auswirkungen auf die wahrscheinlich bald einsetzende konjunkturelle Erholung: Wie stark diese im zweiten Halbjahr ausfällt, wird wesentlich vom Funktionieren der Lieferketten abhängen. Bleiben wichtige Zulieferteile oder Rohstoffe aus, weil Lieferanten noch im Lock-down-Modus sind, erst langsam den Betrieb wieder aufnehmen oder gar in Konkurs gegangen sind, können die hiesigen Unternehmen die Produktion nicht in dem notwendigen und gewünschten Maße wieder aufnehmen.

Das Aufkommen von globalen Wertschöpfungsketten ist eine der wichtigsten Entwicklungen für den Außenhandel des 21. Jahrhunderts. Von einer globalen Wertschöpfungskette spricht man dann, wenn eine Produktionsteilung zwischen zwei oder mehr Ländern stattfindet. Das bedeutet, dass Güter oft in einer Vielzahl von Produktionsstufen an einer Vielzahl von Standorten produziert werden und in jeder Stufe etwas Wert hinzugefügt wird.

Deutschland stark eingebunden

Zahlen verdeutlichen, wie stark Deutschland hier eingebunden ist: Laut Ifo-Institut entstehen 17 Prozent der hiesigen Produktion über internationale Wertschöpfungsketten, während der globale Durchschnitt lediglich 12 Prozent beträgt. An den deutschen Bruttoexporten haben ausländische Zulieferer sogar einen Anteil von mehr als einem Fünftel. Und knapp ein Drittel der Einfuhren entfallen auf Vorleistungsgüter. Selbst wenn die Binnennachfrage anzieht, könnte diese Abhängigkeit also den konjunkturellen Neustart empfindlich stören. Nicht zuletzt die ungleiche konjunkturelle Erholung in der EU – der wichtigsten Partnerregion – könnte in einigen Sektoren die Reaktivierung der Lieferketten verzögern.

Einschränkungen und Ausfälle in den internationalen Lieferketten dürften ein wesentlicher Grund für die bereits im März schlechten Zahlen aus der deutschen Industrie gewesen sein, deren Produktion gegenüber dem Vormonat um 9,2 Prozent zurückging. 73 Prozent der mittelständischen Unternehmen berichten in einer Umfrage des Beratungsunternehmens McKinsey von Ausfällen in der Lieferkette. Im World Business Outlook, einer halbjährlichen Umfrage der Außenhandelskammern unter 4.000 im Ausland tätigen Mitgliedsunternehmen, gaben 45 Prozent an sie hätten Probleme in Lieferkette und Logistik, in der Industrie seien es sogar mehr als 60 Prozent, heißt es in der Studie. Fast ein Drittel gab an, dass Waren und Dienstleistungen ausblieben, insbesondere in Asien, Russland und der Türkei.

Globale Lieferketten in der Kritik

Kein Wunder, dass globale Lieferketten durch die Covid-19-Krise nicht zum ersten Mal in die Kritik geraten sind. Nicht nur Globalisierungsgegner, auch Handelsexperten fordern Konsequenzen und erwarten eine Reform dieser Lieferketten, sobald die Covid-19-Krise überwunden ist. Sie sollten weniger krisenanfällig gemacht werden, was unter anderem bedeuten könnte, dass die Zulieferproduktion wieder näher an die Unternehmen herangeholt wird. Tatsächlich hat dieser Prozess in den letzten Jahren bereits eingesetzt. Ökonomen sprechen seit einigen Jahren von einer „De-Globalisierung“, die zumindest teilweise eingesetzt habe.

Weniger Just-in-Time?

Ein nahezu komplettes Verschwinden von globalen Wertschöpfungsketten sehen jedoch viele Ökonomen als höchst unwahrscheinlich und auch als kontraproduktiv an. Ein solches Verschwinden würde zu signifikanten Preiserhöhungen und zum Wegfall ganzer Produktlinien führen und wäre daher aus Unternehmenssicht unwirtschaftlich, gegenüber Konsumenten kaum vertretbar. Höchst wahrscheinlich ist jedoch, dass Unternehmen die Kosten von Produktionsverlagerungen ins Ausland im Vergleich zur eigenen Herstellung sowie die „Just-in-time-Produktion“ gegenüber Lagerhaltung neu bewerten. Unter „Just-in-time-Produktion“ versteht man eine Kostenreduktion sowie eine Steigerung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit durch geringere Lagerhaltungskosten. Viele Unternehmen haben diesen Weg in der Vergangenheit gewählt.

Der Produktionsstandort Deutschland ist neben China und den Vereinigten Staaten eines der wichtigsten Zentren der globalen Wertschöpfungsketten und profitiert erheblich davon. Der Ausbau von Lagerhaltung und eine Reduktion von Just-in-time-Produktion könnten daher zielführender sein als ein von Aktionismus getriebener Rückbau globaler Lieferketten, so die Meinung von Ökonomen. In jedem Fall aber habe Covid-19 gezeigt, dass es möglicherweise zu kurz gedacht ist, Entscheidungen über Produktionsstandorte allein auf Kostenvorteile zu stützen. Und ohne Zweifel werden Firmen unter einem erweiterten Begriff von Effizienz künftig auch eine verstärkte Diversifizierung ihrer Lieferketten fassen müssen.

Die McKinsey-Studie hat übrigens ergeben, dass ein Viertel der befragten Unternehmen erwägt, weniger Wertschöpfung an externe Firmen auszulagern. Zugleich will mehr als jedes zweite Industrieunternehmen die Zahl seiner internationalen Lieferanten ausbauen, um Risiken zu streuen, wie aus einer Studie der Unternehmensberatung Staufen AG unter 730 Firmen hervorgeht.

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