Im Fokus: Spanien – gestärkt aus der Krise?

Nach der ökonomischen Talfahrt im Zuge der Finanzkrise wächst Spaniens Wirtschaft inzwischen schon im dritten Jahr in Folge, auch die Arbeitslosigkeit ist deutlich gesunken. Ende gut, alles gut? Nicht ganz: Viele strukturelle Probleme des südeuropäischen Landes bleiben ungelöst.

Wie viele andere Länder auch rutschte Spanien nach Ausbruch der globalen Finanzmarktkrise Ende 2008 in die Rezession. Verschiedene Faktoren – u. a. die Immobilienblase und die hohe Zahl an faulen Krediten – führten allerdings dazu, dass der wirtschaftliche Abschwung besonders hartnäckig war und länger andauerte als in den meisten anderen europäischen Staaten. Inzwischen hat sich die spanische Wirtschaft wieder erholt; in den vergangenen drei Jahren ist das Bruttoinlandsprodukt um jeweils 3 Prozent gewachsen, auch 2018 wird das Wachstum wohl zwischen 2,5 und 3 Prozent liegen. Die Gründe: Der Tourismus boomt, die Bauwirtschaft zieht langsam wieder an, externe Faktoren (relativ günstige Erdölpreise, niedrige Zinsen) haben das Wachstum gestärkt – auch dürften sich Strukturreformen positiv ausgewirkt haben. Warum aber hat Spaniens Wirtschaft in den vergangenen Jahren so viele Federn gelassen? Und welche Herausforderungen müssen noch bewältigt werden?

Immobilienkrise

Neben den Auswirkungen der internationalen Finanzkrise nach 2008 hatte Spanien vor allem an einer geplatzten Immobilienblase zu knabbern. Was war geschehen? Ende der 1990er Jahre hatte die damalige Regierung das Bodenrecht liberalisiert, sodass jede Gemeinde problemlos Agrarland zu Bauland umwidmen konnte. Dies war damals eine Art Startschuss: Private Haushalte kauften Zweitwohnungen auf Pump; Unternehmen stießen überdimensionierte Hotel- und Infrastrukturprojekte an; Banken und vor allem viele Sparkassen gaben die nötigen Darlehen. Ergebnis: Das Gesamtvolumen der Immobilienkredite vervielfachte sich.

Als dann 2008 die Wirtschaft zusammenbrach, wurden viele Spanier arbeitslos und konnten ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen. Plötzlich fielen selbst solche Kredite aus, die als sicher gegolten hatten. Insgesamt saßen Spaniens Banken Schätzungen zufolge auf Ramschkrediten in Höhe von 180 Milliarden Euro. Weil es der Regierung trotz aller Anstrengungen nicht gelang, das Problem in den Griff zu bekommen, beantragte sie Mitte 2012 Hilfen aus dem europäischen Rettungsschirm ESM für die Bankensanierung. Insgesamt bekam das Land 100 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt, für die der spanische Staat haftete. Von diesem Geld rief Madrid in den folgenden Jahren rund 40 Milliarden Euro ab. Schon 2014 konnte Spanien einen ersten Teil seiner EU-Hilfen zurückzahlen. Im Zuge der Krisenbewältigung kam es zur Verstaatlichung verschiedener Institute.

Inzwischen hat es im Bankensektor eine tiefgreifende Konsolidierung gegeben; die Anzahl fauler Kredite wurde deutlich reduziert, die Kapitalisierung der Banken ist besser geworden. Gleichwohl hat der Internationale Währungsfonds (IWF) Spanien im Juni 2017 empfohlen, sich besser gegen die nächste Krise zu wappnen. Trotz der jüngsten Fusionen gebe es noch Raum für Zusammenschlüsse und weitere Maßnahmen, um die Profitabilität im Finanzsektor zu steigern, so der IWF.

Staatsverschuldung

Nicht nur die private Verschuldung war in den letzten Jahren ein großes Thema, auch die staatliche ist zu einem solchen geworden. Inzwischen ist Spanien einer der am stärksten verschuldeten Staaten der EU. Das war in der Vergangenheit anders: Bis vor zehn Jahren galt Spanien noch als Vorbild für andere EU-Staaten. Die Staatsschulden betrugen mit 400 Milliarden Euro nur knapp 36 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Doch mit dem Ausbruch der Finanz- und Immobilienkrise rutschte der Staat tief in die roten Zahlen; fehlgeleitete Konjunkturprogramme verschlimmerten die Situation weiter. Was übrig blieb, waren ein riesiger Schuldenberg und ein Haushaltsdefizit von 11 Prozent gemessen am BIP.

Die Regierung Rajoy hat ab 2012 versucht, sich des Problems anzunehmen. Einige Reformen, vor allem des Arbeitsmarkts, bildeten die Grundlage für die konjunkturelle Wiederbelebung, die auch von der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank beflügelt wurde. Das jährliche Defizit konnte deutlich gesenkt werden. Dennoch: Die spanischen Staatsschulden sind nach wie vor ein drängendes Problem. Das Haushaltsdefizit war mit 4,7 Prozent des BIP 2016 das höchste der Europäischen Union. Die Staatsverschuldung, die Ende 2016 kurzzeitig unter die 100-Prozent-Marke fiel, ist wieder gestiegen. Die europäischen Maastricht-Kriterien erlauben maximal 60 Prozent, weshalb Brüssel ein Defizitverfahren gegen Madrid eingeleitet hat. Bis Ende 2018 soll die Regierung das Haushaltsdefizit unter 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts senken.

Arbeitsmarkt

Ein spanisches Spezifikum ist die traditionell hohe Arbeitslosigkeit im Land. Schon in Vorkrisenzeiten lag sie stets deutlich über dem EU-Schnitt; Anfang 2013 erreichte sie dann ein Rekordhoch von 26,9 Prozent. Mängel im Bildungssystem und verschiedene restriktive Regelungen im Arbeitsrecht waren mitverantwortlich dafür, dass so viele Menschen ohne Arbeit waren. Immerhin: Inzwischen ist die Arbeitslosigkeit auf unter 17 Prozent gefallen; in den vergangenen drei Jahren sind 1,5 Millionen neue Jobs entstanden – ein Ergebnis auch der Arbeitsmarktreformen aus den letzten Jahren. Diese zielten darauf ab, flexiblere Verhältnisse zu schaffen. So müssen Löhne inzwischen nicht mehr auf Branchen- oder regionaler Ebene festgelegt, sondern können häufiger auch für nur ein Unternehmen verhandelt werden. Bei Krisen können Arbeitgeber die Löhne zeitweise senken, ohne dass Gewerkschaften oder Betriebsräte vorab zustimmen müssen. Zudem ist der Kündigungsschutz gelockert worden. Die Flexi­bilisierung des Arbeitsmarkts hat allerdings auch zu einem Anstieg prekärer und in der Regel schlecht bezahlter Jobs geführt. Der Anteil der Zeitverträge ist zuletzt auf 27 Prozent gestiegen.

Dass die Arbeitslosigkeit auf gut 16 Prozent gesunken ist, hat obendrein auch mit der Abwanderung vieler Spanier und ehemaliger Zuwanderer zu tun, die zu Zeiten des Baubooms ins Land gekommen waren. Ohnehin bleibt ein Problem virulent: die hohe Jugendarbeitslosigkeit. Laut spanischem Statistikamt lag sie im dritten Quartal 2017 bei knapp 36 Prozent, in einzelnen Regionen sogar bei über 60 Prozent. Zwar führen die Zahlen ein bisschen in die Irre, weil die meisten jungen Menschen unter 25 Jahren studieren; zum Teil tun sie dies allerdings auch notgedrungen. Hinzu kommt: Wenn die junge Generation tatsächlich arbeitet, dann häufig unter ihrer Qualifikation und mit schlechter Bezahlung. Befristete Arbeitsverträge sind bei jungen Spaniern fast dreimal häufiger als im OECD-Durchschnitt. Die Gründe für die hohe Jugendarbeitslosigkeit sind vielfältig. Als ein Hemmnis für Berufseinsteiger gilt, dass das spanische Bildungssystem vergleichsweise praxisfern ist; Jobanfänger bringen in der Regel wenig Arbeitserfahrung mit. Die schlechtesten Chancen haben Geringqualifizierte, aber auch Akademiker sind in Spanien überdurchschnittlich oft arbeitslos oder arbeiten unter ihrer Qualifikation.

Die Regierung ist sich dieser Probleme bewusst und hat bereits 2014 einen nationalen Aktionsplan aufgestellt. Durch verschiedene Maßnahmen ist die hohe Zahl der Schulabbrecher zuletzt leicht gesunken. Der Schlüssel für mehr qualifizierte und besser bezahlte Jobs liegt in der Ausbildung, wo Spanien im internationalen Vergleich ziemlich hinterherhinkt. Mit Hilfe einiger deutscher Bundesländer und Unternehmen soll das duale System der Berufsausbildung gefördert werden. 

Spanische Wirtschaft/Unternehmen

Der Schlüssel für ein dauerhaft robustes Wachstum der spanischen Wirtschaft wiederum liegt in der globalen Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. Hier gibt es Licht und Schatten. Zum einen ist Spaniens Wirtschaft so international wie nie und die Ausfuhren wachsen seit 2009 stetig. Die Iberer sind heute nach Deutschland der zweitgrößte Autofabrikant Europas. Ehemalige Baukonzerne wie ACS, die Mutter von Hochtief, sind verstärkt im Dienstleistungsbereich tätig und betreiben wichtige Infrastrukturen weltweit. Hatten sich die Spanier früher wegen der sprachlichen und kulturellen Nähe vornehmlich auf Lateinamerika beschränkt, so spielen sie heute von den USA bis Australien ganz vorne mit.

Zum anderen aber gibt es neben einer ganzen Reihe von Großkonzernen vor allem Klein- und Kleinstunternehmen, darunter etliche Familienbetriebe, die in der Regel weniger weltoffen, weniger internationalisiert und vor allem weniger produktiv sind. Was fehlt, ist der Mittelstand: Firmen mit mehr als 50 Mitarbeitern, die auch das Auslandsgeschäft ins Auge fassen können. Die Regierung will die Entstehung solcher Unternehmen nun stärker fördern, etwa mit Maßnahmen zur Entbürokratisierung, steuerlichen Vergünstigungen, Exportförderung oder auch arbeitsrechtlichen Schritten. Der Staat versucht auch, mehr in die Grundlagenforschung zu investieren.

Tourismusboom

Erfreulich ist, dass Spanien seit 2013 regelmäßig einen Leistungsbilanzüberschuss erzielt (siehe Grafik). Dabei spielt der Tourismus eine wichtige Rolle, aber auch andere Dienstleistungen, die – neben dem ebenfalls steigenden Warenexport – ins Ausland verkauft werden: So ist das Land ausgesprochen stark bei internationalen Infrastrukturprojekten. Der Tourismus macht ungefähr die Hälfte der Dienstleistungsbilanz aus; er beschert dem Land Einnahmen von 119 Milliarden Euro im Jahr. Der Zuwachs in den letzten Jahren ist allerdings nicht nur ein Verdienst der spanischen Hoteliers und Gastronomen. Die Krisen von wichtigen Konkurrenten wie Ägypten, Tunesien oder der Türkei haben viele Urlauber auf die Iberische Halbinsel getrieben. Egal ob der Tourismusboom anhält oder nicht – auf ihn allein kann sich die spanische Regierung nicht verlassen.

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