Fernglas

Konjunkturprognose des Bankenverbands: Am Tropf der Weltwirtschaft

Volker Hofmann

23.09.2019

von Volker Hofmann

  • Die internationalen Handelskonflikte sowie geopolitische und länderspezifische Risiken haben die globale Konjunktur spürbar gebremst.
  • Die besonders eng in die Weltwirtschaft integrierte deutsche Industrie wurde davon außerordentlich stark getroffen.
  • Die robuste Binnennachfrage in Deutschland verhindert ein tiefes Abrutschen der deutschen Konjunktur. 2020 dürften die weltwirtschaftlichen Belastungen abklingen. Für die deutsche Wirtschaft insgesamt bedeutet dies eine ausgeprägte Schwächephase mit einem nur sehr geringen Wirtschaftswachstum im nächsten Jahr.

Lange Bremsspuren in der Weltwirtschaft

Die Bremsspuren in der Weltwirtschaft werden immer deutlicher und länger. Maßgeblich sind die verschiedenen internationalen Handelskonflikte: Sie bremsen durch direkte Wachstumseinbußen – vor allem in China. Außerdem werden die globalen Produktions- und Lieferketten gestört. Hinzu kommt die große Verunsicherung von Produzenten und Investoren, die Investitionen zurückstellen.

Zusätzlich zu den Handelskonflikten gibt es verschiedene geopolitische und länderspezifische Risiken. Dazu gehören die Spannungen im Nahen Osten, der Brexit-Prozess sowie die Probleme in Ländern wie Argentinien, Brasilien oder der Türkei.

Kurzfristig, also noch in diesem Jahr, ist keine Besserung in Sicht. Das globale Wirtschaftswachstum dürfte sich im laufenden Jahr daher spürbar auf etwa 3 % verlangsamen. Das wäre gut ein halber Prozentpunkt weniger als noch im Vorjahr.

Das Abrutschen der Weltwirtschaft in eine Rezession ist aus heutiger Sicht aber nicht zu befürchten. So sollte es den USA und China im nächsten Jahr gelingen, ihre wirtschaftliche Dynamik auf einem immer noch akzeptablen Wachstumsniveau zu halten. In China dürfte sich die Wachstumsverlangsamung zwar auch 2020 fortsetzen, der Tempoverlust sollte aber schwächer werden. In den USA wird das BIP-Wachstum von rund 3 % im vergangenen Jahr auf 2,4 % in diesem und knapp 2 % im nächsten Jahr  zurückgehen. Niedrigere Leitzinsen der Fed, weitere defizitfinanzierte Ausgabensteigerungen des Staates und eine gewisse handelspolitische Kompromissbereitschaft im Präsidentschaftswahlkampf sollten dem US-Wachstum im Jahr 2020 aber zu einer allmählichen Bodenbildung verhelfen.

Wirtschaftswachstum weltweit

Vor diesem Hintergrund dürfte sich auch das globale Wirtschaftswachstum im nächsten Jahr auf der 3%-Marke fangen. Durch niedrigere US-Zinsen und stabile beziehungsweise wieder leicht steigende Rohstoffpreise besteht zudem die Chance, dass die Schwellenländer neues Investitionskapital anziehen und das Wachstumstempo dort wieder etwas zunimmt.

Euroraum: Deutlich schwächer, aber keine Stagnation

Im Vergleich zu anderen großen Wirtschaftsregionen ist im Euroraum der Anteil der Exporte und der Industrieproduktion an der Wirtschaftsleistung recht hoch. Die Handelskonflikte, die schwächere Weltkonjunktur und der bevorstehende Brexit belasten den Euroraum daher stark.

Das Wirtschaftswachstum im Euroraum dürfte sich von ordentlichen 2 % im vergangenen Jahr auf eine letztlich unbefriedigende Rate von 1 % in diesem Jahr halbieren. Mit der für 2020 prognostizierten Stabilisierung der Weltwirtschaft sollte das Wirtschaftswachstum allerdings auch im Euroraum einen Boden finden. Das Abrutschen in eine Rezession ist weiterhin unwahrscheinlich. Bei einer insgesamt verhaltenen BIP-Entwicklung im Jahresverlauf 2020 sollte das Wirtschaftswachstum im Jahresdurchschnitt auf dem diesjährigen Niveau verharren (rund 1 %).

Wirtschaftswachstum im Euro-Raum

Wichtige Konjunkturstütze im Euroraum bleibt die Binnennachfrage. Sie wird wiederum von der guten Arbeitsmarktentwicklung getragen. Die Arbeitslosenquote für den gesamten Euroraum ist im Juni dieses Jahres auf 7,5 % gesunken. Damit ist sie so niedrig wie zuletzt vor dem Ausbruch der Finanzkrise im Sommer 2008 und liegt nur 0,2 Prozentpunkte über dem historischen Tiefststand (März 2008) dieser bis Anfang 1993 zurückgerechneten Quote.

Mit der üblichen zeitlichen Verzögerung wird das deutlich eingebremste Wirtschaftswachstum zwar auch auf den Arbeitsmarkt ausstrahlen; der Rückgang der Arbeitslosigkeit sollte sich jedoch nur verlangsamen und auch im nächsten Jahr noch wichtige Impulse für die Binnennachfrage liefern.

Derweil bleibt die Preisentwicklung im Euroraum weiterhin sehr moderat. Über den Herbst hinweg dürfte die Inflationsrate bei rund 1 % verharren. Im Jahresdurchschnitt ergibt das eine allgemeine Preissteigerung von 1,3 % im Euroraum.

Nicht zuletzt wegen der nachlassenden Basiseffekte aus dem kräftigen Ölpreisrückgang im Herbst 2018 sollte die Teuerungsrate ab Dezember dieses Jahres wieder etwas anziehen. Im Jahresdurchschnitt 2020 dürfte sie gleichwohl mit 1,3 % auf dem gleichen Wert wie in diesem Jahr liegen. 

Damit bleibt die Preisentwicklung zwar nennenswert vom mittelfristigen EZB-Ziel entfernt (unter, aber nahe 2 %). Deflationsrisiken sind allerdings weit und breit nirgends zu erkennen.

Deutschland: Ausgeprägte Schwächephase

Das Wirtschaftswachstum in Deutschland hängt wie in keinem anderen Land am Tropf der Weltwirtschaft. Der hohe Exportanteil am Inlandsprodukt und der beachtliche Leistungsbilanzüberschuss sind nur zwei Hinweiszeichen dafür. Insofern ist die unterdurchschnittliche Entwicklung der deutschen Wirtschaft momentan keine wirkliche Überraschung, zumal hausgemachte Probleme in der für die deutsche Wirtschaft besonders wichtigen Automobilindustrie und drohende US-Zölle auf Autoimporte zusätzlich bremsen.

Wirtschaftswachstum in Deutschland

Inzwischen nehmen die Hinweise zu, dass sich die deutsche Industrie bereits in einer Rezession befindet. Die lebhafte Binnennachfrage sowie die robuste Konjunktur im Dienstleistungssektor hellen das gesamtwirtschaftliche Bild aber unverändert auf.

Eine Besserung im Industriesektor ist dieses Jahr kaum noch zu erwarten. Dazu müssten die Abschwächung der Weltwirtschaft ein Ende finden und die Belastungen durch den Brexit sowie durch drohende Zollerhöhungen abnehmen.

Nachdem die gesamtwirtschaftliche Leistung im zweiten Quartal dieses Jahres (saisonbereinigt gegenüber dem Vorquartal) sogar gesunken ist, ist im dritten Quartal ein weiteres geringes Schrumpfen zu befürchten. Auch wenn damit die Definition einer „technischen Rezession“ erfüllt wäre, spricht zum Beispiel das weiterhin für den Jahresdurchschnitt 2019 prognostizierte Wirtschaftswachstum von 0,5 % gegen eine „echte“ Rezession.

Die Prognose für das BIP-Wachstum im Jahr 2020 von rund 1 % wird durch einen günstigen Arbeitstageeffekt um etwa 0,4 Prozentpunkte beeinflusst. Die wirtschaftliche Grunddynamik, also das arbeitstäglich bereinigte BIP-Wachstum, dürfte dementsprechend bei 0,6 % liegen. Dieser Wert würde in etwa der Prognose für das laufende Jahr entsprechen und ist eine Halbierung der noch im Frühjahr vom Bankenverband erwarteten Rate.

Da das BIP im Jahr 2020 ohne Rückenwind (statistischer Überhang) aus dem Vorjahr auskommen muss, setzt die Wachstumsprognose von 0,6 % eine leichte Belebung im Jahresverlauf voraus. Anstoß für die leichte Belebung sollten die allmählich abflauenden weltwirtschaftlichen Risiken sein (s. vorne). Außerdem könnten dann auch die Belastungen durch den Brexit etwas nachlassen.

Für die konjunkturelle Entwicklung lässt sich daher festhalten:

  • Sie wird auch im nächsten Jahr am Tropf der Weltwirtschaft hängen; die Binnenwirt­schaft wird jedenfalls nicht zum maßgeblichen Antrieb werden.
  • Durch die prognostizierte Bodenbildung der Weltwirtschaft sollte eine wirklich scharfe Rezession in Deutschland verhindert werden. Ökonomisch kann man die vom 2. Quartal 2019 bis in das 1. Quartal 2020 hinein prognostizierte Durststrecke“ als ausgeprägte Stagnationsphase bewerten.
  • Das Wirtschaftswachstum wird in Deutschland mindestens bis Ende 2020 keine nennenswerte Zugkraft haben. Damit wird das BIP-Wachstum in Deutschland auch im kommenden Jahr unter dem Durchschnitt des Euroraums liegen.

Der private und der öffentliche Konsum sollten ihre Schlagkraft im Jahr 2020 halten, auch wenn die Entwicklung am Arbeitsmarkt als Stütze deutlich schwächer wird. Zwar dürfte im Durschnitt des kommenden Jahres noch ein weiterer Beschäftigungsaufbau zu verzeichnen sein; die Zahl der Arbeitslosen könnte aber im Jahresdurchschnitt ebenfalls leicht zunehmen – erstmals seit dem Jahr 2009.

Position des Bankenverbandes

  • Die Wirtschaft im Euroraum, erst recht in Deutschland, wird von externen Belastungen besonders stark getroffen. Die Binnennachfrage ist hingegen weiterhin robust. 
  • Geldpolitische Impulse sind vor diesem Hintergrund unwirksam. Aber auch kurzfristige Konjunkturprogramme sind weder nötig noch zu empfehlen. 
  •  Auf internationaler Ebene ist es wichtig, dass sich Europa intensiv für offene und integrierte Märkte einsetzt. Die neue EU-Kommission muss ferner intensiv daran arbeiten, den europäischen Integrationsprozess voranzubringen, zum Beispiel durch Fortschritte in Richtung eines echten Finanzbinnenmarktes.
  • Vor allem in Deutschland ist zudem ein überzeugendes Programme zur Investitionsförderung (privaten und öffentlichen Investitionen) nötig. Hierzu gehören auch schnelle Lösungen für die knappen öffentlichen Planungs- und Genehmigungskapazitäten und die Beseitigung von föderalen Investitionshemmnissen, sei es beim Ausbau der Verkehrs- und Netzinfrastruktur, bei der Schaffung eines leistungsfähigen Bildungssystems oder bei der Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung. 

Prognoseübersicht

Deutschland

    Prognose
  2018 2019 2020
 Bruttoinlandsprodukt 1) 1,5 0,5 1,0
kalenderbereinigt 1,5 0,5 0,6
 Konsumausgaben priv. Haushalte 1) 1,3 1,4 1,2
 Konsumausgaben des Staates 1) 1,4 1,7 1,7
 Ausrüstungsinvestitionen 1) 4,4 2,2 1,6
 Bauinvestitionen 1) 2,5 3,7 2,4
 Exporte 1) 2,1 0,7 1,1
 Importe 1) 3,6 2,5 2,2
 Entwicklung der Verbraucherpreise 2) 1,8 1,5 1,5
 Zahl der Arbeitslosen (Millionen) 2,340 2,270 2,300

Euro-Raum

    Prognose
  2018 2019 2020
Bruttoinlandsprodukt 1) 1,9 1,0 1,0
Entwicklung der Verbraucherpreise (HVPI) 2) 1,8 1,3 1,3
Kernrate 2) 1,0 1,0 1,2

Finanzmärkte und Rohstoffe

    Prognose
  20. September 2019 2019 2020
USD/EUR 1,10 1,13 1,18
Rendite Staatsanleihen Deutschl. (10 J.) -0,51 -0,55 -0,10
Ölpreis (USD/Barrel) 64,60 61,00 62,50

1) Reale Veränderung in % gegenüber dem Vorjahr.
2) Veränderung in % gegenüber dem Vorjahr im Jahresdurchschnitt

Die Konjunkturprognose des Bankenverbands wird halbjährlich durchgeführt und beruht auf einer Umfrage unter den 13 Chefvolkswirten von privaten Banken, die Mitglieder des Ausschusses für Wirtschafts- und Währungspolitik sind. Mitglieder sind:

Stefan Schneider, Chief German Economist, Head of Strategic Research, DEUTSCHE BANK AKTIENGESELLSCHAFT - Vorsitzender -
Burkhard Allgeier, Chief Investment Officer, H&A Global Investment Management GmbH; Frankfurt am Main
Dr. Marco Bargel, Chefinvestmentstratege Postbank, DB Privat- und Firmenkundenbank AG, Bonn
Dr. Klaus Bauknecht, Chefvolkswirt, IKB Deutsche Industriebank AG, Düsseldorf
Dr. Jan Bottermann, Chefvolkswirt, NATIONAL-BANK Aktiengesellschaft, Essen
Carsten Brzeski, Chefvolkswirt, ING-DiBa AG, Frankfurt am Main
Dr. Felix Hüfner, Chefvolkswirt Deutschland, UBS Europe SE, Frankfurt am Main
Carsten Klude, Chefvolkswirt, M.M. Warburg & CO (AG & Co.) KGaA, Hamburg
Dr. Jörg Krämer, Chefvolkswirt, COMMERZBANK Aktiengesellschaft, Frankfurt am Main
Dr. Andreas Rees, Chefvolkswirt Deutschland, UniCredit Bank AG, Frankfurt am Main
Stefan Schilbe, Chefvolkswirt, HSBC Trinkaus & Burkhardt AG, Düsseldorf
Dr. Holger Schmieding, Chefvolkswirt, Joh. Berenberg, Gossler & Co. KG, London
Dr. Dirk Schumacher, Senior European Economist and Managing Director, NATIXIS Zweigniederlassung Deutschland, Frankfurt am Main

Geschäftsführung:
Dr. Christian Ossig, Hauptgeschäftsführer, Bundesverband deutscher Banken e.V., Berlin
Markus Becker-Melching, Mitglied der Geschäftsführung, Stab der Hauptgeschäftsführung, Politik, Internationale Beziehungen, Wirtschaft, Bundesverband deutscher Banken e.V., Berlin

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