Künstliche Intelligenz: Europa will investieren

Digitalisierung

USA und China führen bei der Entwicklung Künstlicher Intelligenz. Jetzt will die EU zusammen mit der Wirtschaft Milliarden mobilisieren, um den Anschluss zu halten.

Dass Künstliche Intelligenz (KI) die Wirtschaft ähnlich revolutionieren wird, wie es zuvor die Dampfmaschine oder die Elektrizität getan haben, ist inzwischen fast zu einem Grundkonsens geworden. Weil es bislang aber vor allem die USA und China sind, die massiv in diese Schlüsseltechnologie investieren, droht Europa auf einem, wenn nicht dem entscheidenden Zukunftsfeld abgehängt zu werden. Nun hat die Europäische Union reagiert: Die Kommission und die nationalen Regierungen haben einen Aktionsplan erarbeitet, um Europa zur „weltweit führenden Region“ bei Künstlicher Intelligenz aufsteigen zu lassen. Zusammen mit der Wirtschaft wollen sie bis 2020 rund 20 Milliarden Euro in die Zukunftstechnologie investieren. Anschließend soll die gleiche Summe jährlich in die Entwicklung und den Einsatz von KI fließen, sieben Milliarden davon aus den öffentlichen Haushalten.

Investitionsrückstand in Europa

Werden diese Summen und die geplanten Aktivitäten ausreichen, um zumindest Europas Rückstand aufzuholen? Laut einer McKinsey-Studie investierte Asien zuletzt zwei- bis dreimal so viel in KI wie die Europäer – und Nordamerika wiederum weit mehr als die asiatischen Staaten zusammen. Peking hat sich vorgenommen, die USA bis 2030 als globale Nummer eins zu überrunden, und nimmt dafür enorme Summen in die Hand. Fakt ist auch: In weiten Teilen der europäischen Wirtschaft spielt KI bislang noch keine große oder überhaupt keine Rolle. Nach einer neuen Umfrage der Boston Consulting Group (BCG) etwa wenden nur 20 Prozent der deutschen Firmen KI an. 30 Prozent sind in der Entwicklungsphase, während gut die Hälfte bislang noch komplett abseits steht. Im Nachbarland Frankreich sehen die Zahlen nicht anders aus, in China hingegen schon: Dort wird die KI sehr viel häufiger eingesetzt als in Europa. Das Reich der Mitte, so Experten, profitiere davon, dass die Unternehmen dort über alle Branchen hinweg vergleichsweise jung, agil und innovationsfreudig seien. Die deutschen Firmen zeigten hingegen eine gewisse Trägheit, die auch damit zu tun habe, dass sie schon seit Jahren durch ihren Erfolg verwöhnt seien.

Europas Stärken

In Europa mangelt es bislang vor allem an drei Dingen: an Geld, an Daten und zum Teil auch an Offenheit gegenüber dieser und anderen neuen Technologien. Auf allen drei Gebieten wollen EU-Kommission und Mitgliedstaaten nun gegensteuern. Zugleich sollen die Stärken des Kontinents ausgebaut werden. Zu diesen zählt etwa jene KI-Technologie, die bereits mit einer geringen Datenbasis, also Small Data, zurechtkommt. Auch bei der Robotik oder dem autonomen Fahren stehen europäische Unternehmen nicht schlecht da. Davon abgesehen könnte Europa dadurch punkten, dass vermeintliche Schwächen in Stärken umgewandelt werden. Beispiel Datenschutz. Die strenge Gesetzgebung in Europa wird dann zu einem Standortvorteil, wenn die Menschen dem Faktor Vertrauen eine große Bedeutung zusprechen. Hier könnten europäische Anbieter ihre Stärken nutzen. Die EU will obendrein Vorreiter bei dem Thema „ethische Grundsätze für die Nutzung der Algorithmen“ werden; eine Expertengruppe will hierzu erste Vorschläge vorlegen.

Digitaler Binnenmarkt notwendig

Dessen ungeachtet gilt aber auch für europäische Unternehmen: Sie benötigen Daten – und zwar möglichst viele. Ohne eine ausreichend große Datenbasis funktioniert maschinelles Lernen nicht. Chinesische Verhältnisse wird und will man zwar in Europa nicht erreichen: 1,3 Milliarden Einwohner und kaum existente Datenschutzregelungen sorgen dort für eine ausreichende Grundlage. Es würde europäischen Unternehmen aber schon helfen, wenn sie nicht mehr unter der Zersplitterung in 28 Einzelmärkte mit jeweils abweichenden Regeln leiden müssten. Ein digitaler Binnenmarkt würde diesem Zustand Abhilfe schaffen; bislang aber kam dieser nur schleppend voran. Andere geplante Maßnahmen der EU sind kleinteiliger, können aber dennoch Wirkung erzielen. So wollen Regierungen und Kommission den heimischen Forschern bei personenbezogenen Informationen die Arbeit erleichtern – etwa bei der Gesundheitsvorsorge, wo Künstliche Intelligenz bereits erstaunliche Leistungen erbracht hat. Talentierte Nachwuchsforscher sollen über ein Doktoranden- und Postdoc-Programm der Kommission in Europa gehalten werden. Damit auch kleinere Unternehmen Zugang bekommen, sollen KI-Technologien obendrein über Digital Innovation Hubs in den EU-Staaten zugänglich gemacht werden.

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