Nächste Station: Einheitliche Taxonomie für nachhaltige Investitionen?

Nächste Station: Einheitliche Taxonomie für nachhaltige Investitionen?

09.02.2022

„Fostering global ambition“ ist zu Recht ein zentrales Element der EU-Sustainable-Finance-Strategie, die die Kommission im Juli 2021 veröffentlicht hat. Kein Wunder, dass sich oftmals die aktuellen regulatorischen Diskussionen daher auch auf konkrete Legislativ-Initiativen für den EU-Raum fokussieren. Allein die europäischen Vorhaben gehen aufgrund ihrer hohen Komplexität und zeitlich engen Taktung mit immensen Herausforderungen einher. Doch der Blick auf das globale Parkett darf darüber nicht verloren gehen. Gerade für die Europäische Union, die sich selbst als Vorreiterin in Sachen Klimaschutz versteht, ist es wichtig, mit Partnern in internationalen Foren zusammenzuarbeiten und damit eine noch größere Wirkung für mehr Nachhaltigkeit weltweit zu erzielen. 

Globale Unternehmen brauchen globale Standards 

Dies muss auch die globale Standardsetzung umfassen. Speziell für die Banken als internationale Player und Kreditgeber lautet das Credo: Globale Unternehmen brauchen globale Standards. Denn fragmentierte Ansätze können die Kosten erhöhen und internationale Kapitalströme ausbremsen – gemeinhin dürften sie daher als eine echte Belastung wahrgenommen werden. Bei der nicht-finanziellen Berichterstattung ist man daher mit dem International Sustainability Standards Board (ISSB) bereits einen großen Schritt in Richtung internationale Kooperation und Standards gegangen. 

Wie weit reicht jedoch die internationale Kooperation oder gar die Entwicklung gemeinsamer Standards, wenn es um eine Taxonomie für nachhaltige Investitionen geht? Der „Fostering global ambition“-Ansatz der Kommission berührt auch diese Frage. Konkret will die EU gemeinsame Ziele und Grundsätze für Taxonomien vereinbaren und die Vergleichbarkeit und Kohärenz von Parametern und Schwellenwerten verschiedener Taxonomien verbessern. Bereits 2019 hat die EU die International Platform for Sustainable Finance (IPSF) mit dieser Aufgabe beauftragt. 

EU und China vergleichen ihre Taxonomien

Die IPSF arbeitet inzwischen an der sogenannten „Common Ground Taxonomy“ – einer einheitlichen Basistaxonomie, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der EU- und chinesischen Taxonomien vergleicht. Bis zum 14. Januar 2022 konsultierte die IPSF eine umfassende Vergleichstabelle mit technischen Bewertungskriterien zu ca. 80 Wirtschaftsaktivitäten.  

Die im November vorgestellte Vergleichstabelle ist rechtlich nicht bindend, sondern stellt einen technischen Arbeitsstand dar. Auch ist die Common Ground Taxonomy keine übergreifende Taxonomie, die Änderungen bei der EU- oder chinesischen Taxonomie herbeiführt. Die Vergleichstabelle – und der begleitende Bericht zu ihrer Erarbeitung - bieten vielmehr eine Vergleichsmethode für Taxonomien, die künftig nach Vorstellung der IPSF als Blaupause für eine globale Harmonisierung genutzt werden kann.

80 Aktivitäten in sechs Sektoren werden gegenübergestellt

Insgesamt analysiert die Common Ground Taxonomy ca. 80 Aktivitäten in sechs Sektoren (Land-/Forstwirtschaft und Fischerei; Produzierendes Gewerbe; Elektrizität/Gas; Wasserver- und -entsorgung/Abfall; Bau; Transport und Lagerung). Zunächst wurden relevante Aktivitäten in beiden Taxonomien auf Basis der International Standard Industrial Classification (ISIC) gegenübergestellt. Daran anschließend wurden zum Vergleich der technischen Bewertungskriterien Szenarien entwickelt, die konkret herausarbeiten, inwiefern sich die Bewertungskriterien überlappen oder auch nicht bzw. bei welchen Kriterien die EU- bzw. die chinesische Taxonomie stringenter/detaillierter ist. Der Großteil der Aktivitäten - genau 30 - sind dem Szenario 2 zugeordnet. Demnach sind die EU-Kriterien strenger und/oder detaillierter. Die zweithäufigste Zuordnung (13 Aktivitäten) erfolgte zu Szenario 4, bei dem eine Überschneidung der Kriterien herausgearbeitet wurde. An dritter Stelle steht Szenario 3: die chinesischen Kriterien sind stringenter und/oder detaillierter als die EU-Kriterien mit 10 Aktivitäten. Nur wenige Aktivitäten zeigen konkrete Überlappungen (Szenario 1, 2 Aktivitäten). 24 Aktivitäten waren zur Zeit der Erstellung der Tabelle und eines begleitenden inception reports noch in der Überprüfung. 

Auch in anderen Regionen bestehen Taxonomien – und entwickeln sich

Neben der EU und China haben in den letzten zwei Jahren etwa 20 Länder und Regionen grüne, soziale und/oder Transitions-Taxonomien entwickelt oder mit der Entwicklung begonnen. Allerdings sind diese meist noch nicht in Legislativ-Initiativen überführt wurden. Nicht nur für die IPSF und die G20-Arbeitsgruppe zu Sustainable Finance, sondern auch für die Zentralbanken ist ein Vergleich der EU- und der chinesischen Taxonomie sowie länderspezifischer Taxonomien und der international ausgerichteten Climate Bonds Taxonomy relevant, wie eine Publikation aus dem Herbst 2021 zeigt. 

Ausblick auf die weiteren Entwicklungen der Common Ground Taxonomy 

Eine weitere Zusammenarbeit zwischen der EU und China wurde bereits angekündigt. Die Common Ground Taxonomy könnte auf andere Sektoren und Umweltziele ausgeweitet werden, die Do-No-Significant-Harm-Kriterien der EU-Taxonomie – die beschreiben, ob Wirtschaftsaktivitäten Umweltziele wesentlich beeinträchtigen - sind im aktuellen Vergleich noch nicht abgedeckt, weitere Taxonomien aus anderen Ländern können ebenso mit in den Vergleich einbezogen werden. Herausfordernd wird auch ein Vergleich der in beiden Taxonomien genutzten sozialen Mindeststandards. Es gibt also noch viel zu tun. 

Taxonomie-Vergleiche lohnen sich 

Fazit: Auch im Bereich der nachhaltigen Taxonomien findet ein internationaler Austausch statt und sind Kooperationen entstanden, die etwa zum Ziel haben, High-level-Prinzipien auszuarbeiten. Insgesamt sind Vergleiche der entstehenden Taxonomien lohnend, um Marktteilnehmern ein besseres Verständnis der unterschiedlichen Taxonomie zu ermöglichen, gemeinsame Grundsätze und Konsistenz zu fördern, Möglichkeiten des Zusammenspiels verschiedener Taxonomien aufzuzeigen und damit Transaktionskosten für die Marktteilnehmer zu reduzieren. Es bleibt abzuwarten, inwiefern sich in Zukunft darüber hinaus eine Harmonisierung nachhaltiger Taxonomien ausprägen wird. 

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Kontakt

Ann-Ulrike Henning

Bundesverband deutscher Banken e.V.

Associate Director

Tel. +49 30 1663 1527

ann-ulrike.henning@bdb.de

Torsten Jäger

Bundesverband deutscher Banken e.V.

Themengruppenleiter, Director

Tel. +49 30 1663 2160

torsten.jaeger@bdb.de

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