Wären Nobelpreisträger die besseren Politiker?

Wären Nobelpreisträger die besseren Politiker?

In den politischen Wirren unserer Tage kommen Menschen, die wissen, wo es lang geht, und die unseren Politikern Rat geben können, gerade recht. Und wer könnte dazu besser berufen sein als eine unzweifelhaft hoch intelligente Schar von Nobelpreisträgern, die sich vor einigen Wochen am Bodensee versammelt hat, um der Politik in Sachen europäischer Gemeinschaftswährung die Leviten zu lesen.

Die meisten der angelsächsischen Topökonomen unter den Nobelpreisträgern geben dem Euro überhaupt nur eine Überlebenschance, wenn sich Europa, erstens, zu einer stärkeren politischen Integration und, zweitens, zu einer gewaltigen Entschuldung durchringen könnte. Beide Forderungen sind allerdings nicht gerade neu. Mit der ersten waren schon Helmut Kohl und die Bundesbank konfrontiert, als sie dem politischen Drängen (vor allem Frankreichs) nach einer einheitlichen europäischen Währung nachgaben. Und die zweite hört sich ebenso vernünftig an, allein die Umsetzung der einen wie der anderen Idee fehlt jegliche realistische Perspektive. Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis besteht eben oft darin, dass die Theorie sehr gut und die Praxis eher mangelhaft daherkommen.

Sehr idealistisch klingt denn auch der Appell des britischen Wirtschaftsnobelpreisträgers von 2007, Roger Myerson, in einem WELT-Interview Ende August: „Alle gemeinsam haben die hohen Schulden zugelassen, nun müssen auch alle gemeinsam die Verantwortung übernehmen“. Einmal abgesehen davon, dass durchaus die einen mehr und die anderen weniger Schulden zugelassen haben, dürfte das Ansinnen ziemlich unrealistisch sein. Schon aus politischen Gründen - gar zu Zeiten, in denen nationaler Egoismus an Boden gewinnt -, aber auch aus rechtlichen. Denn die Vergemeinschaftung staatlicher Schulden schließen die europäischen Verträge gerade definitiv aus; es doch zu tun, wäre somit ein unverhohlener Bruch geltenden Europarechts.

Dieses Problem müssten eben die Juristen lösen, denkt da wohl der Ökonom. „Die EZB oder eine andere europäische Behörde“ solle Staatsanleihen aufkaufen und so die notwendige Entschuldung herbeiführen, meint Myerson. Wenn das mal so einfach wäre! Erstens, stellt sich die Frage, welche „andere europäische Behörde“ dafür außer dem EU-Organ EZB in Frage käme. Gewiss nicht die europäische Arzneimittelagentur. Zweitens, kauft die EZB nicht schon Staatsanleihen wie ein Weltmeister, mit inzwischen unabsehbaren Folgen für die Finanzstabilität? Schließlich drittens, verschwinden die Staatsschulden damit auf wundersame Weise wie in Schwarzen Löchern, wo sie keinen Schaden mehr anrichten können? – Und selbst wenn das so wäre, hätte das vor allem doch nur Eines zur Folge: Politiker aller Euro-Länder würden sofort und ausgiebig damit beginnen, neue Schulden zu machen.

Der Wirtschaftsnobelpreisträger des Jahres 1996, James Mirrlees, sieht indes ein Hauptproblem der Europäischen Währungsunion in ihrem „viel zu starren Regelwerk“. Seinem ebenfalls in der WELT geäußerten Rat, die Vorschriften zu lockern, fügt er noch den Hinweis an: „Vielleicht wäre es besser, wenn Deutschland die Euro-Zone verlässt“. Dass er diesen Gedanken nicht ganz zu Ende gedacht hat, räumt er dann selbst noch ein. Das könnte nicht vorhersagbare Kosten mit sich bringen, meint er, und man müsse sich „genau überlegen, wie man das anstellen will.“ Nicht ganz falsch, möchte man da ergänzen.

Fazit: Auch in einer hoch komplexen Gesellschaft wie der unsrigen bewährt sich die historisch herausgebildete Arbeitsteilung zwischen Wissenschaft und Politik ganz gut. Ein stärkerer inhaltlicher Austausch zwischen beiden Sphären wäre sehr willkommen und könnte beide wechselseitig bereichern. Ein Grund von vermeintlich höherer Warte der Wissenschaften aus auf die sich mühende Politik herabzuschauen, ist aber nicht ersichtlich.

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Christian Jung

Bundesverband deutscher Banken e.V.

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