Konjunkturprognose des Ausschusses für Wirtschafts- und Währungspolitik

6. März 2017

I. Entwicklung der Weltwirtschaft

Talsohle durchschritten

Die Perspektiven für die Weltwirtschaft haben sich in den letzten Monaten deutlich aufgehellt. Die globalen Stimmungsindikatoren weisen inzwischen erkennbar nach oben. Gestützt wird diese Entwicklung einerseits von einem stabileren Wirtschaftswachstum in den meisten In­dustrieländern, anderseits von einer wirtschaftlichen Belebung in zahlreichen Schwellenländern.

Bei der sich gegenwärtig abzeichnenden Belebung in den Schwellenländern dürfte wiederum die Erholung der Energie- und Rohstoffpreise eine Rolle spielen. In vielen Emerging Markets setzt aber auch eine zyklische Wachstumsbelebung ein. Länder wie Russland oder Brasilien haben die Rezes­sion überwunden und dürften beim Wirtschaftswachstum auf einen Trendpfad zurückfinden.

Das Wirtschaftswachstum in den Industrieländern profitiert hingegen vor allem von der wachsenden Beschäftigung. Dies sollte den aufkommenden Gegenwind von den etwas anziehenden Teuerungsraten kompensieren. Von der bereits im vergangenen Jahr gelockerten Fiskalpolitik in den Industriestaaten dürften erneut leichte positive Impulse ausgehen.

Hohe politische Risiken

Ungeachtet der sich aufhellenden wirtschaftlichen Perspektiven sind die ohnehin schon hohen Risiken für die Weltwirtschaft in den letzten Monaten weiter gestiegen. Die Chefvolkswirte der privaten Banken machen vor allem deutlich höhere politische Risiken aus, allen voran den welt­weit wachsenden Nationalismus sowie die zunehmenden protektionistischen Tendenzen. Neue Risiken sind zudem dadurch entstanden, dass sich die möglichen protektionistischen Konflikte nicht mehr nur auf die Handelspolitik beschränken, sondern – unter anderem durch irreführen­de Vorwürfe der Währungsmanipulation von Vertretern der neuen US-Regierung – auch auf die Geld- und Wechselkurspolitik ausgedehnt werden könnten.

Aus diesen politischen Risiken kann rasch eine empfindliche Beeinträchtigung der Weltwirt­schaft erwachsen, die die wirtschaftliche Entwicklung in allen beteiligten Ländern – also auch in den USA – dämpfen würde. Hinzu kommen Risiken für die Weltwirtschaft, die sich zum Beispiel aus der hohen Auslandsverschuldung der Unternehmen in vielen Schwellenländern ergeben. Dieses Risiko könnte sich etwa durch eine weitere Aufwertung des US-Dollar oder rasch stei­gende US-Zinsen zuspitzen. Relativ groß bleibt zudem die Unsicherheit, ob die geplante wirt­schaftliche Umgestaltung in China ohne größere Verwerfungen gelingt. Zu den gestiegenen politischen Risiken gehören ferner die anstehenden Brexit-Verhandlungen – hier hat sich die Wahrscheinlichkeit eines „harten Brexit“ deutlich erhöht – sowie die zuletzt wieder merklich gestiegenen Zinsaufschläge für das politische Risiko in einigen Euro-Staaten.

USA: Es droht eine prozyklische Konjunkturpolitik

In ihrem Basisszenario gehen die Chefvolkswirte der privaten Banken davon aus, dass sich das Risiko eines eskalierenden Handelskonflikts nicht materialisiert. Vor diesem Hintergrund sollte sich das Wachstum der US-Wirtschaft in diesem Jahr auf 2,5 % beschleunigen und dieses Tempo im nächsten Jahr in etwa gehalten werden können.

Die Beschleunigung ist zu einem erheblichen Teil auf die bereits im zweiten Halbjahr 2016 eingeleitete Wende im Lagerzyklus sowie auf die wieder gestiegenen Rohölpreise zurückzu­führen. Während beim Lagerzyklus der wachstumsdämpfende Lagerabbau bis auf Weiteres offenbar beendet ist, führen die höheren Rohölpreise zu einer nennenswerten Erholung der Investitionen, insbesondere im „Fracking“-Bereich und den damit verbundenen Wirtschafts­sektoren. Die von der neuen Regierung in Aussicht gestellten wirtschaftspolitischen Maß­nahmen dürften hingegen in diesem Jahr nur vergleichsweise moderate Konjunkturimpulse liefern. Zum einen müssen mögliche Investitionsprogramme noch einen politischen Entschei­dungsprozess durchlaufen, in dem wohl auch die Finanzierungsseite noch einmal kritisch erörtert wird. Zum anderen ist zu bedenken, dass ein fiskalpolitischer Impuls in einer schon seit mehreren Jahren anhaltenden konjunkturellen Aufschwungsphase, also bei einer hohen Kapazitätsauslastung und einem hohen Beschäftigungsniveau, vor allem Preiseffekte auslösen und private Investitionen teilweise verdrängen wird.

Der längerfristige Wachstumstrend der US-Wirtschaft könnte vor allem dann gesteigert werden, wenn überzogene Regulierungen abgebaut oder eine überzeugende Steuerreform umgesetzt würden, die auch strukturelle Probleme beseitigen. Dies wäre „klassische“ Ange­botspolitik. Doch gerade bei der Deregulierung, wie zum Beispiel im Finanzsektor oder beim Umwelt- und Verbraucherschutz, muss sorgfältig darauf geachtet werden, dass man jetzt nicht in die Gegenrichtung überzieht und „alte“ Probleme wiedererweckt.

Von der Zinspolitik der US-Notenbank sollte in diesem und im nächsten Jahr kein nennens­wertes konjunkturelles Störfeuer ausgehen. Auch wenn kurzfristig bereits Mitte März 2017 eine weitere Zinserhöhung denkbar ist, werden für das gesamte Jahr 2017 maximal drei Zins­schritte um jeweils 25 Basispunkte prognostiziert. Mit Blick auf die konjunkturelle Entwicklung und die alles in allem vergleichsweise moderat bleibenden Preisperspektiven wären diese Schritte gerechtfertigt und nicht mit dem Risiko eines „Übersteuerns“ verbunden.

Zwischen Hoffen und Bangen

Nimmt man alles zusammen, dann sollte die Weltwirtschaft nach zwei Jahren mit sehr mageren Wachstumsraten von rund 3 % bereits zum Jahresbeginn 2017 wieder etwas an Fahrt gewon­nen haben. Im Jahresdurchschnitt des laufenden Jahres ist aus heutiger Sicht ein globales Wirtschaftswachstum von rund 3 ½ % möglich, das im nächsten Jahr noch einmal leicht auf 3 ¾ % anziehen könnte.

Zugleich dürfen aber auch die hohen politischen Risiken der Prognose nicht außer Acht gelas­sen werden. Sie sind teilweise elementar und können – auch wenn sie sich nur teilweise materialisieren – zu einem erheblichen Revisionsbedarf der Prognose führen. Vor diesem Hintergrund lässt sich der weltwirtschaftliche Ausblick für 2017 recht treffend mit der Formulierung „zwischen Hoffen und Bangen“ umschreiben.

II. Konjunktur und Geldpolitik im Euro-Raum

Aufschwung setzt sich fort

Die Wirtschaft in Euro-Raum bleibt auch in diesem und im nächsten Jahr auf einem Wachs­tumskurs. Mit einer Wachstumsrate von jeweils 1,6 % wird die Dynamik im historischen Ver­gleich zwar optisch niedrig ausfallen; gemessen am gegenwärtigen Wachstumspotenzial, das auf etwas über 1 % geschätzt wird, befindet sich die Währungsunion aber in einem veritablen Aufschwung.

Wirtschaftliche Störeffekte gehen allerdings weiterhin von den ungelösten strukturellen Wirtschaftsproblemen in vielen Euro-Staaten aus. Sie dürften auch in diesem Jahr vor allem die Investitionen dämpfen. Von der Fiskalpolitik werden leicht positive Effekte erwartet. Die Arbeitslosigkeit wird weiter sinken, aber auch im Durchschnitt des kommenden Jahres mit 9,2 % noch auf einem sehr hohen Niveau liegen.

Auch für den Euro-Raum werden vor allem politische Risiken gesehen. Die Parlamentswahlen in den Niederlanden, Frankreich und Deutschland sowie eventuell vorgezogene Wahlen in Italien haben bereits heute die Risikozuschläge bei den Staatsanleihen steigen lassen.

Preisentwicklung bleibt moderat

Die im vergangenen Monat auf 2,0 % gestiegene Inflationsrate im Euro-Raum ist vor allem auf den höheren Ölpreis sowie auf statistische Basiseffekte zurückzuführen. Bereits ab März 2017 sollte der Basiseffekt wieder etwas nachlassen. Im Durchschnitt des laufenden Jahres ist in der Währungsunion mit einer In­flationsrate von 1,5 % zu rechnen, die im kommenden Jahr nur geringfügig auf 1,6 % steigen wird.

Die um Energiepreise und Nahrungsmittel bereinigte Kerninflation sollte in diesem Jahr nur leicht anziehen und bei etwas über 1 % liegen. Auch im nächsten Jahr dürfte sie nur gering­fügig auf 1,3 % steigen. Mit diesen Prognosen bleibt die Lage an der Preisfront im Euro-Raum auch mittelfristig weiterhin entspannt. Zugleich sind die noch vor einem Jahr von der EZB stark betonten Deflationsrisiken inzwischen definitiv ausgestanden.

EZB vor kommunikativen Herausforderungen

Gemessen an der konjunkturellen Entwicklung und den Preisperspektiven könnte die EZB ihre extrem expansive Geldpolitik durchaus etwas drosseln. Das gilt erst recht, da mit ihr auch erhebliche Risiken und Nebenwirkungen für die Finanzstabilität verbunden sind, die im Zeit­verlauf erheblich zunehmen. Die Gefahr selbst bei einer nur leichten Drosselung der sehr ex­pansiven Geldpolitik besteht jedoch in einer möglichen Überreaktion der Kapitalmarktzinsen. So ist zu befürchten, dass Investoren die Rückkehr der Leit­zinsen auf ein historisch „übliches“ Niveau erwarten und es folglich zu einem kräftigen Anstieg der Kapitalmarktzinsen kommt. Dies könnte nicht nur die Konjunktur deutlich bremsen, sondern auch die öffentlichen Haus­halte in den hoch verschuldeten Euro-Staaten unter Druck setzen und würde bei institutionellen Anleiheinvestoren zu einem erhöhten Abschreibungsbedarf führen.

Um eine Überreaktion bei den Kapitalmarktzinsen zu verhindern, ist es wichtig, dass die EZB die früher oder später unvermeidliche Zinswende gut vorbereitet und mit einer überzeugenden Kommunikationsstrategie begleitet. Bei der Kommunikationsstrategie wird es dann ent­scheidend darauf ankommen, die auch längerfristig weiterhin recht moderaten Preisper­spektiven für den Euro-Raum in den Mittelpunkt zu stellen und einen realistischen langfristigen Ausblick für die Anpassung der Geldpolitik zu geben. Gegen in Zukunft wieder deutlich stärker steigende Verbraucherpreise im Euro-Raum sprechen nämlich nach wie vor die sehr hohe Arbeitslosigkeit, unterausgelastete Produktionskapazitäten und der intensive Wettbewerb im Euro-Raum. Ideal wäre es zudem, wenn die Kommunikationsstrategie der EZB durch wirt­schaftspolitische Reformbeschlüsse in den Euro-Staaten unterstützt würde, mit denen das sehr niedrige Wachstumspotenzial in den einzelnen Euro-Staaten endlich wieder steigen könnte. Dies würde die Aussichten auf auch längerfristig moderate Inflationsraten stärken und der EZB den Ausstieg aus dem geldpolitischen Krisenmodus erheblich erleichtern.

Die sorgfältige Vorbereitung der EZB auf eine allmähliche Drosselung der sehr expansiven Geldpolitik sollte nicht mehr länger aufgeschoben werden. Die Tabuisierung der Debatte um eine überzeugende Ausstiegspolitik erhöht letztlich das Risiko, dass die Kapitalmarktzinsen in einigen Monaten erst recht kräftig anziehen. Wohlgemerkt: Bei diesen Empfehlungen geht es nicht darum, dass die EZB nun zügig die geldpolitische Wende einleitet. Es ist aber wichtig und aus heutiger Sicht angemessen, den Marktakteuren zu erklären, wie und unter welchen Bedingungen die geldpolitische Wende beginnen würde. Eine solche weitsichtige Kommuni­kationsstrategie könnte das Risiko von Überreaktionen bei den Kapitalmarktzinsen erheblich reduzieren.

III. Konjunktur in Deutschland

Auf Autopilot

Für Deutschland prognostizieren die Chefvolkswirte des Bankenverbandes in diesem und im kommenden Jahr ein Wirtschaftswachstum, dessen jährliche Grunddynamik mit etwa 1,7 % mehr oder weniger auf dem Niveau der vergangenen beiden Jahre liegen wird. Bildlich gesprochen bleibt die Konjunktur in Deutschland im Hauptszenario für dieses und das nächste Jahr auf Autopilot.

Durch die unterschiedliche Anzahl von Arbeitstagen sollte das nicht kalenderbereinigte Wirt­schaftswachstum in Deutschland 2017 rein optisch mit 1,4 % zwar merklich niedriger ausfallen, ökonomisch ist die nicht arbeitstäglich bereinigte Darstellung des Wirtschaftswachs­tums jedoch von geringer Relevanz und trägt nicht gerade zur Erhellung der Prognose bei. Aus diesem Grund ist es international inzwischen auch üblich, die kalenderbereinigten Wachstums­daten hervorzuheben – ein Schritt, der in Deutschland vom Statistischen Bundesamt ebenfalls erwogen werden sollte.

Nur leichte Gewichtsverlagerungen im Wachstumsbild

Zentrale Wachstumsstütze in Deutschland bleibt der private Konsum. Er wird vor allem von dem sich fortsetzenden Beschäftigungsaufbau getragen. So dürfte die Zahl der Erwerbstätigen im Durchschnitt dieses Jahres um weitere rund 250.000 Personen zunehmen. Für das Jahr 2018 wird ein neuerliches Plus um etwa 200.000 Personen prognostiziert. Wegen der nach und nach wachsenden Zahl von Flüchtlingen, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, sollte die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland in den nächsten zwei Jahren zwar nicht mehr sinken; bedingt durch höhere Beschäftigungszahlen wird die Arbeitslosenquote in nationaler Ab­grenzung gleichwohl unter die 6 %-Marke fallen. Bezogen auf eine international vergleich­bare Definition der Arbeitslosigkeit wird die Quote für Deutschland sogar auf deutlich unter 4 % sinken.

Dass sich das Expansionstempo des privaten Konsums in diesem Jahr gleichwohl etwas ab­schwächen wird, dürfte ausschließlich am Comeback der Teuerung liegen. Für Deutschland wird im Jahresdurchschnitt 2017 und 2018 eine Inflationsrate von jeweils rund 1 ¾ % prognos­tiziert, was für sich genommen die reale Kaufkraft der privaten Haushalte reduziert bezieh­ungsweise die Reallohnzuwächse dämpft, die in den vergangenen Jahren dank der sehr niedrigen Inflationsrate relativ kräftig ausfielen und ein zusätzlicher Konsummotor waren.

Ebenfalls etwas schwächer als im Vorjahr dürfte der Staatskonsum expandieren. Dies liegt vor allem an den niedrigeren Flüchtlingszahlen. 

Bei den Ausrüstungsinvestitionen befürchten die Chefvolkswirte zunächst eine Fortsetzung der sehr schwachen Entwicklung. Vor allem die politischen Risiken werden die Investitionszurück­haltung verlängern. Auch die bevorstehende Bundestagswahl könnte in dem einen oder anderen Unternehmen ein Argument gegen rasche Investitionsentscheidungen sein. Etwas mehr Dynamik bei den Ausrüstungsinvestitionen ist daher erst zum Jahresende zu erwarten. Im nächsten Jahr sollten sich die Ausrüstungsinvestitionen dann sogar wieder etwas be­schleunigen – vor allem, wenn die politischen Unsicherheiten bis dahin nachlassen, die Kapazitätsauslastung weiter leicht steigt und eventuell auch schon über eine Wende in der Zinspolitik der EZB diskutiert wird.

Beim Expansionstempo der Exporte und Importe sind nur leichte Änderungen zu erwarten. Mit der sich etwas belebenden Weltwirtschaft und dem sich weiter stabilisierendem Wachstum im Euro-Raum dürfte das Exportwachstum in diesem und im kommenden Jahr wieder etwas stärker werden. Da die Beschleunigung bei den Importen jedoch etwas stärker ausfallen wird, wird der Außenhandel, wie auch schon im vergangenen Jahr, leicht negativ zur BIP-Ent­wicklung in Deutschland beitragen.

 

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