Tanja Beller, Pressesprecherin, Bundesverband deutscher Banken, Berlin

Beller: Robo-Advisor können Bankberatung noch nicht ersetzen

24. November 2016

Interviev mit Tanja Beller in finanzen.de

Die Finanzwelt wird zwar immer komplexer, doch die Anlagemöglichkeiten immer einfacher. Diesen Anschein machen zumindest die zahlreichen FinTechs mit ihren Angeboten zur Geldanlage. Tanja Beller vom Bundesverband deutscher Banken e.V. erklärt im Interview, warum Sparer ihr Geld dennoch nicht einfach in fremde Hände geben, sondern selbst aktiv werden sollten.

Bei der großen Anzahl von Möglichkeiten, wie Verbraucher mehr aus ihrem Geld machen können, verliert so mancher von ihnen den Überblick. Viele Menschen sind mit der Frage überfordert, welche Geldanlage zu welchem Zeitpunkt sinnvoll ist. Sogenannte Robo-Advisor versprechen Sparern seit einiger Zeit, ihnen diese Entscheidung teilweise abzunehmen. Sie investieren das Geld des Anlegers anhand eines zuvor ermittelten Algorithmus, der zu den Wünschen des Sparers passt. Tanja Beller vom Bundesverband deutscher Banken e.V. warnt jedoch davor, sich blindlings auf diesen Komfort bei der Geldanlage zu verlassen. Vielmehr sollten die Deutschen genau verstehen, wie sie ihr Geld investieren und was damit geschieht.

Wie steht es Ihrer Meinung nach um die Finanzkompetenz der Deutschen?

Tanja Beller: Leider nicht so gut. Nach unseren Umfragen, die wir regelmäßig hierzu in Auftrag geben, haben die Deutschen erhebliche Wissenslücken. Dabei ist aber eine fundierte Wirtschafts- und Finanzbildung die Voraussetzung dafür, richtige oder falsche Geld- und Anlageentscheidungen treffen zu können. Nach unserem „Finanzplanungsindex“ meinen zwar zwei Drittel der Deutschen – das sind 64 Prozent –, dass sie sich in Geld- und Finanzfragen gut auskennen würden. Doch zugleich muss jeder Zweite der Befragten zugeben, beispielsweise von dem, was an der Börse geschieht, „keine Ahnung“ zu haben.

Welche Anlageform würden Sie jemandem empfehlen, der jetzt gerade 10.000 Euro zur Verfügung hat?

Tanja Beller: Eine allgemeingültige Antwort gibt es leider nicht. Denn die Entscheidung hängt von der ganz individuellen Situation ab:

  • Welche Anlageformen hat der Anleger bereits? (Zum Beispiel Aktien, Anleihen, Immobilien)
  • Wie langfristig kann das Geld angelegt werden?
  • Mit welchem Ziel? Zum Beispiel für einen bestimmten Zweck, wie dem Kauf eines Autos oder der Ablösung eines Darlehens, oder langfristig für den Vermögensaufbau beziehungsweise die Altersvorsorge.

Ganz entscheidend ist natürlich zudem die eigene Risikobereitschaft, weshalb Banken bei einer Anlageberatung die Anleger auch nach ihrem Risikoprofil befragen.

Wie sollten Kleinanleger heutzutage bei der Wahl einer Anlage am besten vorgehen?

Tanja Beller: Sie sollten viele Informationsquellen nutzen und vergleichen. Zudem sollte man sich aber selbst die Zeit nehmen, um sich über seine eigenen Anlageziele und die persönliche Finanzlage im Klaren zu sein. Über welche Beträge verfügen Anleger einmalig oder regelmäßig frei? Über welchen Zeitraum soll sich die Vermögensanlage erstrecken? Wollen Sparer kurz-, mittel- oder langfristig anlegen? Wie wichtig ist es, dass Sparer jederzeit auf ihr angelegtes Kapital zugreifen können? Wie groß ist die Risikobereitschaft?

Grundsätzlich sollte man nur solche Finanzprodukte kaufen, deren Funktionsweise und Risiken man versteht. Als Faustregel gilt: Ersparnisse und Vermögen breit streuen. Niemals einseitig alles auf eine Karte setzen, auch wenn ein Angebot noch so attraktiv erscheint, und einen ausreichenden Betrag für unvorhergesehene Ausgaben schnell verfügbar zurücklegen – zum Beispiel auf einem Tagesgeldkonto.

Welche Spartipps haben Sie für Beschäftigte, die pro Monat etwa 200 Euro zur Verfügung haben und das Geld gewinnbringend anlegen möchten?

Tanja Beller: Für eine Chance auf Gewinn beziehungsweise Rendite kommt man an Aktien nicht vorbei. Für Anleger, die regelmäßig einen kleineren Betrag sparen können, bieten sich Fondssparpläne an. Für eine breite Risikostreuung sind Fonds, die auf ertragsstarke Unternehmen aus verschiedenen Branchen und Regionen setzen, eine gute Wahl. Zurzeit werden oftmals Indexfonds, die Börsenindizes nachbilden, sogenannte ETFs, als besonders kostengünstig empfohlen. Sie bilden einen Index ab, wie den Deutschen Aktienindex DAX oder den europäischen Leitindex EuroStoxx. Aber auch gemanagte Fonds kommen infrage. Als Anleger hat man die Qual der Wahl, da die Auswahl sehr groß ist. Bei gemanagten Fonds sollte man die regelmäßig anfallenden Kosten berücksichtigen.

Welche Vor- und welche Nachteile sehen Sie bei klassischen Sparoptionen wie Tagesgeld- und Festgeldkonten?

Tanja Beller: Es gibt zurzeit einen sehr großen Nachteil: Sparer bekommen nur noch minimale bis gar keine Zinsen. Dabei war es viele Jahre eine gute Idee, Geld, das man nicht langfristig anlegen wollte, auf Tages- oder Festgeldkonten zu parken. Gerade das Tagesgeldkonto bietet als Plus noch die jederzeitige Verfügbarkeit. Beide Angebote gelten als sehr sicher, wenn der Anleger die Einlagensicherung vorher geprüft hat.

Für Kleinanleger werden mittlerweile zahlreiche alternative Anlageformen angeboten. Wie geeignet sind in Ihren Augen beispielsweise Geldanlagen, die von FinTechs angeboten werden?

Tanja Beller: Die ganz unterschiedlichen Angebote lassen sich nicht pauschal bewerten. Und auch „den Kleinanleger“ gibt es nicht. So gibt es zum Beispiel auch beim sogenannten Robo-Advice verschiedene Ausprägungen, die sich an unterschiedliche Anlegertypen richten: von Online-Tools, die Selbstentscheider bei der Auswahl von passenden Produkten unterstützen, bis hin zur digitalen Vermögensverwaltung, bei der das Kundendepot automatisiert zusammengestellt und aktualisiert wird. Charakterisierend ist beim Robo-Advice, dass es stets ein Algorithmus ist, der zum Kunden passende Produkte identifiziert. Ein persönliches Gespräch mit einem Anlageberater, der gezielte Fragen zur persönlichen Situation des Anlegers stellt, kann dies aber sicher (noch) nicht ersetzen.

Wird die Anlagewelt Ihrer Meinung nach durch die Innovationen der FinTechs aktuell einfacher oder undurchsichtiger?

Tanja Beller: FinTechs zielen darauf ab, möglichst einfache und komfortable Anwendungen zu entwickeln. Und auch Banken arbeiten mit FinTechs zusammen oder haben eigene Unternehmen gegründet, um neue Produkte zu entwickeln. Denn durch die Digitalisierung ändert sich das Anlegerverhalten weiter und auch die Ansprüche der Kunden an die Komfortabilität und Übersichtlichkeit von Online-Angeboten steigen. Von diesem Trend können Kleinanleger durchaus profitieren.

Zugleich gibt es aber ein immer größeres Angebot auf dem Finanzdienstleistungsmarkt, dadurch wird es für den Verbraucher nicht einfacher, den Überblick zu bewahren und zu vergleichen. Letztlich kommt es auf jeden selbst an, aktiv zu werden und die passende Entscheidung zu treffen: Möchte ich mich bei meiner Bank beraten lassen, informiere ich mich selbst und treffe via Online-Banking die Anlageentscheidung, oder nutze ich neue Angebote wie Robo-Advice? Eine pauschale, für alle passende Antwort auf diese Fragen gibt es nicht. 

Vielen Dank für das Interview, Frau Beller. 

Das Gespräch führte Cora Christine Döhn.

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