Dr. Hans-Walter Peters, Präsident des Bankenverbandes und Sprecher der persönlich haftenden Gesellschafter der Privatbank Berenberg

Bildung – systemrelevant! Deutschland vor neuen (und alten) Herausforderungen

Rede bei REFLEXIONEN - dem Deutschland-Dialog der privaten Banken am 3. November 2016 in Berlin

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
„Wohlstand für alle heißt heute und morgen: Bildung für alle.“

Mit diesen Worten – an Ludwig Erhard angelehnt – hat Bundeskanzlerin Merkel im Jahr 2008 den Stellenwert des Themas Bildung unterstrichen. Doch sie ist damals noch einen Schritt weiter gegangen und hat Politik und Öffentlichkeit auf die „Bildungsrepublik Deutschland“ eingeschworen. Noch im selben Jahr haben sich Bund und Länder auf ein umfassendes Paket von Bildungs- und Ausbildungsmaßnahmen geeinigt.

Ist Deutschland tatsächlich eine Bildungsrepublik?

Heute, acht Jahre später, stehen wir vor der Frage: Ist Deutschland tatsächlich eine Bildungsrepublik? Was ist Anspruch, was ist Wirklichkeit? Bildung ist eine der Zukunftsfragen der nächsten Jahre – diesen Satz wird jeder unterstreichen. Er war aber auch schon vor zehn, vor 20 Jahren oder vor noch längerer Zeit gültig. Was hat sich seitdem getan? Welche Herausforderungen sind neu? Und schließlich: Schenken wir der Bildung tatsächlich die Aufmerksamkeit, die wir ihr schenken müssten?

Meine Damen und Herren, Sie alle kennen die Themen, ich könnte auch sagen: die Krisen, die in den letzten Monaten und Jahren die Schlagzeilen beherrscht und die Ressourcen der Politik gebunden haben. Bildungsanliegen hatten es da nicht immer leicht, auf der politischen Bühne eine prominente Rolle zu spielen.

Zugleich aber hat die Bildungsfrage nichts an Bedeutung und nichts an Brisanz eingebüßt – ganz im Gegenteil. Ein offenkundiges Beispiel: Es ist für jedermann einsichtig, dass die Integration von Hunderttausenden Flüchtlingen in die deutsche Gesellschaft nur über Bildung und Ausbildung gelingen kann. Und genauso offenkundig ist, dass die fortschreitende Digitalisierung erhebliche Auswirkungen auf die Arbeitswelt von morgen haben wird. Lehrpläne und Arbeitsmethoden an Schulen, Fachhochschulen und Universitäten müssen an die digitale Gegenwart und Zukunft angepasst werden.

Zeit also, um über das Thema Bildung zu sprechen. Auf unserer heutigen Veranstaltung, zu der ich Sie im Namen der privaten Banken herzlich begrüßen darf, wollen wir genau dies tun. Mit dem Dialogforum „REFLEXIONEN“, meine Damen und Herren – Sie wissen das –, hat der Bankenverband einen Gesprächsrahmen für Experten aus Wissenschaft und Praxis geschaffen. Hier wollen wir über wirtschafts- und gesellschaftspolitisch relevante Fragen diskutieren. Dieses Mal tun wir dies gemeinsam mit einem Kooperationspartner: Ich freue mich darüber, dass wir die BDA mit ihrem spezifischen bildungspolitischen Know-how als Mitstreiter gewinnen konnten. Lieber Herr Kramer, lieber Herr Braun, herzlichen Dank für die gute Zusammenarbeit im Vorfeld dieser Veranstaltung und dass Sie heute hier sind, um das Thema gemeinsam mit uns und unseren Gästen zu diskutieren.
Gestatten Sie mir, dass ich auch in Ihrem Namen, im Namen der BDA, unsere heutigen Redner und Podiumsteilnehmer begrüße. Wir freuen uns zunächst auf Ihre Keynote, lieber Herr Kramer. Im Anschluss wird Professor Ludger Wößmann, Leiter des ifo Zentrums für Bildungsökonomik in München, über „Deutschland im internationalen Bildungsvergleich“ sprechen und danach an der Podiumsdiskussion teilnehmen.

Ebenfalls an der Podiumsdiskussion werden teilnehmen: Margret Rasfeld, Initiatorin des Projekts „Schule im Aufbruch“, Marlis Tepe, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, sowie Heinz-Peter Meidinger, Bundesvorsitzender des Deutschen Philologenverbandes. Meine Damen, meine Herren, ich begrüße Sie ganz herzlich. Die Runde komplettieren wird Gerhard Braun, Vizepräsident der BDA und dort zuständig für Bildungsfragen. Herr Braun, wir freuen uns, dass Sie die Diskussionsrunde bereichern.
Ganz besonders freue ich mich auf unsere jugendlichen Teilnehmer, die vor der Podiumsdiskussion im Gespräch mit unserem Moderator Jan-Martin Wiarda einiges zu ihren Wünschen an Schule und schulische Ausbildung sagen werden. Ich begrüße Louisa Deltchev vom Gymnasium Ohmoor in Hamburg und Clara Schick vom Wentzinger Gymnasium in Freiburg, beide diesjährige Preisträgerinnen unseres Schulprojektes „Jugend und Wirtschaft“, sowie Mustafa Ücbas, Auszubildender bei der Siemens AG hier in Berlin. Auch Ihnen ein herzliches Willkommen! Wir sind gespannt auf Ihre Diskussionsanstöße.

Bankenverband engagiert sich seit über 25 Jahren für eine bessere Bildung

Meine Damen und Herren, Bildung, das ist einerseits ein Gebiet, auf dem eine Menge geleistet wird und dauerhafte Werte entstehen: in den Schulen, bei der beruflichen Ausbildung, an den Universitäten, aber auch durch das Wirken zahlreicher privater und privatwirtschaftlicher Initiativen. Einige von Ihnen werden es wissen: Auch der Bankenverband engagiert sich nun schon seit über 25 Jahren für eine bessere Bildung, konkret: für eine bessere ökonomische Schulbildung. In Form von Schülerwettbewerben und Unterrichtsmaterialien leisten wir einen kleinen, aber von Lehrern und Schülern sehr geschätzten Beitrag zur Bildungsrepublik Deutschland. Viele andere Verbände – darunter die BDA –, aber auch Stiftungen, Projekte, gemeinnützige Einrichtungen aller Art haben sich der Bildung verschrieben. Sie alle eint der Wunsch, die Zukunft dieses Landes und seiner Menschen mitzugestalten.
Andererseits ist die Bildung aber auch ein Feld, auf dem hart gerungen wird, ja auf dem es immer wieder ideologische Grabenkämpfe gegeben hat. Ob über Lehrpläne, Schulformen oder Schuldauer, ob über Bologna, Pisa oder BAföG – Themen und Anlässe für Grundsatzdiskussionen gab und gibt es genügend.

Kontrovers diskutiert wird auch darüber, wie es überhaupt um das Bildungssystem in Deutschland bestellt ist. Eine gerade erschienene, vom Bankenverband in Auftrag gegebene repräsentative Umfrage zeigt, dass es hier kein einheitliches Bild gibt. Während immerhin 63 Prozent der Befragten der Meinung sind, Deutschland gehöre bei der Qualität von Bildung und Ausbildung in Europa zu den führenden Ländern, sieht ein Drittel der Bevölkerung dies dezidiert anders. Und noch weniger Einigkeit herrscht über die Frage, ob sich die Leistungsfähigkeit des deutschen Bildungssystems in den letzten Jahren verändert habe. 46 Prozent sagen, sie habe abgenommen, 32 Prozent sind der Meinung, sie habe sich nicht verändert, und nur 19 Prozent vertreten die Ansicht, die Leistungsfähigkeit des Bildungssystems habe sich verbessert.

All dieser Meinungsunterschiede zum Trotz gibt es bei vielen bildungspolitischen Zielen allerdings keinen Dissens, sondern sehr viel Übereinstimmung. Beispiele:

  • Deutschland muss jetzt und in Zukunft auf gut qualifizierte Arbeitnehmer setzen, um seinen Wohlstand zu bewahren – das ist unstrittig.
  • Die Schule muss der Ort sein, an dem die jungen Menschen auf das spätere Berufsleben vorbereitet werden, ohne dass Schulbildung deswegen auf berufsrelevantes Wissen reduziert wird.
  • Die Schulen sollten so ausgestattet sein, dass sie den Schülern ein zeitgemäßes Bildungsangebot unterbreiten können. Zumindest aber dürfen sie nicht baufällig sein und hygienische Mindeststandards unterbieten. Der Zustand vieler Schulgebäude ist eine Blamage für ein reiches Land wie Deutschland. 
  • Bildung darf keine Frage der sozialen Herkunft sein. Hier hat es in den letzten Jahren – wenn man den jährlichen Bildungsberichten Glauben schenken darf – zwar Fortschritte gegeben. Noch immer aber hängen die Bildungschancen der Kinder zu sehr von Status und Bildungsniveau der Eltern ab. Diese offene Flanke der deutschen Bildungswirklichkeit muss geschlossen werden.
  • Eng damit verbunden: Die Zahl der Schulabbrecher muss weiter reduziert werden, um damit auch den Anteil der Niedrigqualifizierten zu senken.
  • Und last but not least: Die Wirtschafts- und Finanzbildung muss an unseren Schulen eine größere Rolle spielen; sie ist noch immer deutlich unterrepräsentiert. Ökonomische Allgemeinbildung ist von zentraler Bedeutung für jeden Einzelnen. Bundespräsident Gauck hat dazu 2014 auf dem Bankentag in Berlin Folgendes gesagt: „Wer die Quellen unseres Wohlstands verstehen, wer persönliche Chancen nutzen und Risiken einschätzen will, der muss sich informieren und in Finanzfragen kompetenter werden.“

Meine Damen und Herren, diese Aufzählung ließe sich fortsetzen. Doch wenn bei vielen Zielen Einigkeit herrscht, bedeutet dies noch lange nicht, dass auch über die Mittel und Wege Konsens bestünde. Hier gibt es genügend Raum für Kontroverse. Und hier geht es auch um ganz grundsätzliche Fragen: Wie steht es um den Bildungsföderalismus in Deutschland? Blockiert er unsere Bildungsanstrengungen oder schafft er einen fruchtbaren Wettbewerb? Aber auch: Wer soll eigentlich für das Bildungssystem finanziell aufkommen? Dürfen Kita-Plätze etwas kosten, während das Studium kostenfrei ist? Nicht alle Fragen werden wir heute anschneiden können, aber doch so einige.

In diesem Sinne setzen wir darauf, dass die Diskussion über Bildung zukünftig einen noch höheren Stellenwert bekommt. Meine Damen und Herren, ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und freue mich, nun das Wort dem Präsidenten der BDA zu übergeben. Lieber Herr Kramer, the floor is yours.

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