Börsen-Zeitung: Aus Daten konkreten Nutzen und Mehrwert für Kunden schaffen

Smart Data ist für Banken Voraussetzung dafür, mittendrin im digitalen Wandel zu sein

Gastbeitrag in der Börsen-Zeitung vom 29. Juni 2016


 

Andreas Krautscheid
Mitglied der
Hauptgeschäftsführung
Bundesverband deutscher Banken

Dr. Ibrahim Karasu
Geschäftsführer
Retail Banking, Banktechnologie
Bundesverband deutscher Banken

29. Juni 2016

Wir befinden uns mitten im digitalen Transformationsprozess. Diese Aussage trifft auf den Handel und die Industrie genauso zu wie für die Banken. Die allseits präsente Digitalisierung ist der wesentliche Treiber für neuartige Prozesse, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle. Die Dynamik dieser Entwicklung entfaltet disruptive Wirkungen und wird zu Recht als vierte
industrielle Revolution gesehen.

Die heutige Technik ist größtenteils mobil, hochleistungsfähig, preiswert und auf kleinstem Raum unterzubringen. Sie ermöglicht Kundengeschäfte rund um die Uhr. Zudem ist sie Teil eines komplexen Netzwerkes, das einen schnellen Austausch von Daten und deren Weiterverarbeitung nahezu in Echtzeit erlaubt sowie völlig neue Erkenntnisse ermöglicht. Diese Entwicklungen zusammen mit den abnehmenden Eintrittsbarrieren durch die fast flächendeckende Kundenerreichbarkeit und die leichte Skalierbarkeit der IT-Ressourcen aus der Cloud haben eine Vielzahl von neuen, innovativen Anbietern hervorgebracht. Sie beschleunigen den digitalen Transformationsprozess ganzer Industrien, indem sie sich bietende Möglichkeiten schnell aufgreifen und Geschäftsmodelle neu denken, im Bankgeschäft kurz Fintechs genannt. In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts waren die Banken selbst Vorreiter der Digitalisierung, als der Begriff noch für die Überführung analoger Größen in diskrete (digitale) Werte stand, um Daten automatisiert speichern und verarbeiten zu können. Die elektronische Datenverarbeitung hat die bankinternen Prozesse und die Schnittstelle zum Kunden grundlegend verändert, wie die Einführung des Online-Banking per BTX bereits im Jahre 1978 zeigt. Wenn in Banken digitalisiert wurde, so war dies meist effizienz- und kostengetrieben. Neben dem Zahlungsverkehr war es maßgeblich das Direkt-Banking, das durch die Digitalisierung in den späten 90iger und frühen Zweitausenderjahren einen Innovationsschub erhielt.

Banken haben es also durchaus früh verstanden, technische Innovationen für sich und ihre Kunden zu nutzen und den gesellschaftlichen Wandel mitzugestalten. Mit der Finanzkrise veränderten sich allerdings die Vorzeichen. Die Masse an folgender zusätzlicher Regulierung sowie das andauernde Niedrigzinsumfeld bremsten die Fähigkeit zur Innovation.

Um den digitalen Wandel zu verstehen, muss zwischen mehreren Dimensionen unterschieden werden: Durchgängig elektronische Endto-End-Prozesse, die zur Reduzierung der Kosten beitragen, und bei denen Banken über umfangreiche Erfahrungen verfügen, sind nur eine Komponente dessen, was wir heute als Digitalisierung begreifen. Als weitere Dimension ist die – insbesondere im Online-Banking praktizierte – Digitalisierung der Kundenschnittstelle hinzugekommen. Die dritte und für etablierte Anbieter wichtigste, aber auch kritischste Dimension ist die Schaffung neuer Wertschöpfungsansätze.

Vor allem in der dritten Dimension der Digitalisierung nimmt Smart Data eine tragende Rolle ein. Die Bedeutung von Smart Data ist vergleichbar mit der des Telefons für die globale Vernetzung. Auch hier wurde die Bedeutung erst später erkannt.

Smart Data ist der Nukleus zur Identifizierung von Kundenbedürfnissen, zur Individualisierung von Produkten und Dienstleistungen und zur Schaffung von Mehrwert für den jeweiligen Geschäftspartner. Andere Branchen lassen erahnen, wie weitgehend Smart Data künftig genutzt werden kann. Beispielsweise hat sich Amazon unter dem Namen „anticipatory shipping“ in den USA einen Dienst patentieren lassen, mit dem Bestellungen der Kunden prognostiziert und geliefert werden, ohne dass diese tatsächlich eine Bestellung ausgelöst haben. Dem Kunden werden Waren quasi als „Überraschung“ zugestellt. Es darf wohl bezweifelt werden, dass dieses Modell bei Kunden in Deutschland auf Zuspruch stieße.

Im Banking finden sich bereits echte innovative Ansätze. Derzeit machen sich vor allem Fintech-Unternehmen Smart Data zunutze, um beispielsweise die Kreditwürdigkeit von Neukunden zu bewerten, etwa da, wo es keine Kreditauskunfteien gibt. So gibt es Ansätze, bei denen die Bonitätsbewertung ausschließlich auf Daten gestützt wird, die bei der Verwendung vom Smartphone oder Computer durch den Nutzer generiert werden, sei es beim Surfen im Netz, der Kommunikation in sozialen Medien oder bei Online-Einkäufen.

Angenommen werden solche Dienste vor allem in den Ländern, wo der Kreditzugang für weite Teile der Bevölkerung ausgeschlossen ist. Nicht nur in Deutschland stoßen derartige Ansätze jedoch mitunter auf erhebliche Skepsis und sind Teil einer kontroversen Debatte um Chancen und Risiken von Smart Data.

Es hat also einen guten Grund, dass sich die Banken auf diesem Terrain zunächst vorsichtig bewegen. Hier ist Fingerspitzengefühl gefordert. Denn: Banken genießen einen deutlichen Vertrauensvorsprung in puncto Sicherheit und Vertraulichkeit von Kundendaten, den es nicht zu verspielen gilt. So gaben in einer Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung im Auftrag des Bankenverbandes 80% der Befragten an, der Schutz persönlicher Daten bei Banken sei gut oder sehr gut. Auf die Frage, inwieweit andere Unternehmen in der Lage sind, die Daten ihrer Kunden vor Zugriffen Dritter zu schützen, meinten dies nur 16%.

Vertrauen in die Sicherheit von Kundendaten und Smart Data muss und darf aber kein Widerspruch sein. So nutzen bereits heute Banken Kunden- und Nutzerdaten dazu, um die Qualität ihrer Angebote zu verbessern, zum Beispiel in Form von übersichtlichen Informationen über die individuelle Finanzsituation einschließlich Einnahmen- und Ausgabenvergleichen (Stichwort „persönlicher Finanzmanager“). Künftig können Banken ihre Kenntnis über das Zahlungsverhalten auch dazu nutzen, um ihren Kunden attraktive Angebote Dritter zu unterbreiten. Denkbar sind zum Beispiel Tankrabatte für wechselbereite Vielfahrer oder Eventangebote an unternehmungslustige, einkommensstarke Singles oder Familien. Hierbei fungieren Banken als Garant für die Vertraulichkeit, während Kunden profitieren. Voraussetzung ist immer, dass der Bankkunde vorab einwilligt und dass der Umfang der Datennutzung transparent ist.

Aber auch bei „klassischen“ Bankdienstleistungen eröffnen sich mit Blick auf die Individualisierung zusätzliche Möglichkeiten, etwa bei der Preissetzung oder in personalisierten Angeboten, die Angebote von Dritten mit einbeziehen können; hier werden neue Fragestellungen zu Daten- und Verbraucherschutz neue Antworten brauchen, die den Kundenschutz sicherstellen, ohne innovative Geschäftsmodelle zu verhindern.

Mit der neuen europäischen Datenschutzgrundverordnung werden die Rahmenbedingungen hinsichtlich der Nutzung von Kundendaten weiter vereinheitlicht. Heutige Standortunterschiede sollen damit abgebaut werden auch für Unternehmen außerhalb der EU, die ihre Leistungen hier anbieten. Damit ein echtes Level Playing Field für Banken und andere Anbieter entstehen kann, ist darauf zu achten, dass die Vorgaben auch EU-weit einheitlich umgesetzt und ausgelegt werden. Zudem sollte die Politik dafür Sorge tragen, dass nicht an anderer Stelle höhere Anforderungen an Banken gestellt werden.

Banken sind also dabei, den digitalen Wandel mitzugestalten. Die Potenziale der Digitalisierung lassen sich allerdings nur dann voll ausschöpfen, wenn aus den vorhandenen Daten konkreter Nutzen und Mehrwert für den Kunden geschaffen werden kann. Für Banken ist Smart Data daher ein strategisches Thema und eine der wesentlichen Voraussetzungen dafür, „mittendrin“ zu sein.

Damit dies gelingen kann, sind vor allem drei Dinge erforderlich.

Erstens: Banken müssen nach wie vor sorgsam agieren und die Sensibilitäten ihrer Kunden achten.

Zweitens: Politik und Regulator müssen die Innovationen zulassen und dafür Sorge tragen, dass an Banken und Nichtbanken gleiche Anforderungen gestellt werden.

Und drittens: Kunden müssen mit ihren persönlichen Daten bewusst umgehen und den Mehrwert der Nutzung ihrer Daten erkennen können.
Transparenz über die Datennutzung ist dabei unabdingbar, um ihre Bereitschaft dafür zu gewinnen.

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