Carsten Klude, Vorsitzender des Ausschusses für Wirtschafts- und Währungspolitik des Bankenverbandes und Chefvolkswirt von M.M. Warburg

Börsen-Zeitung: Interview mit Carsten Klude anlässlich der Konjunkturprognose 2016/2017

1. Oktober 2016

Herr Klude, die Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds steht bevor. Die deutsche Finanzpolitik wird dort wieder in der Kritik stehen, sie müsse expansiver sein, um die Konjunktur anzukurbeln. Welchen Rat geben die Chefvolkswirte der privaten Banken dem Bundesfinanzminister mit auf den Weg?.

Klar ist, allein mehr deutsche Steuergelder auszugeben, bringt nichts. Die deutsche Wirtschaft ist nicht das Problem, sie liegt auf einem recht stabilen Wachstumspfad. Nach einem sehr guten ersten Halbjahr haben wir in diesem Jahr unsere Wachstumsprognose um zwei Zehntel auf 1,8 % angehoben. Auch mit Blick auf das geringe Potenzialwachstum haben wir einen kleinen Konjunkturboom in den vergangenen drei Jahren gehabt. Den muss man nicht durch eine noch expansivere Fiskalpolitik unterfüttern.

Sieht es für das nächste Jahr auch noch so gut aus?

Jein. Wir haben die Prognose etwas nach unten angepasst. Denn die wirtschaftliche Dynamik wird bereits in der zweiten Jahreshälfte 2016 etwas geringer ausfallen. Wir werden daher mit etwas weniger Schwung in das neue Jahr gehen. Ihre Prognose haben die Chefvolkswirte um drei Zehntel auf 1,2 % reduziert.

Das klingt nach einem deutlichen Dämpfer. Welche Gründe gibt es?

Es ist vor allem ein statistischer Effekt. 2016 liegen viele Feiertage an einem Wochenende, 2017 haben wir den umgekehrten Fall. Kalenderbereinigt fällt der Tempoverlust wesentlich geringer aus, von 1,7 % in diesem auf 1,5 % im nächsten Jahr. Wachstumsraten in dieser Höhe hatten wir auch in den vergangenen Jahren.

Wenn nicht expansive Fiskalpolitik betreiben, was muss die Politik dann tun?

Europaweit haben wir eine gewisse Müdigkeit bei Strukturreformen. Und das gilt auch für Deutschland. Reformen, die hierzulande das Wachstum unterstützt haben, liegen schon einige Jahre zurück. Uns macht der Blick nach vorn Sorgen. Wir haben an Wettbewerbsfähigkeit verloren, dieser Trend setzt sich fort. Dabei sollten gerade wir Deutschen wissen: Es ist gefährlich sich auszuruhen. Bis 2005 hatten wir noch die rote Laterne in Europa, dann haben wir uns an die Spitze vorgearbeitet. Das kann sich schnell wieder ändern, weil die Entwicklung sehr dynamisch ist.

Was gibt es konkret zu reformieren? Mehr Investitionen, mehr Ausgaben für Forschung und Bildung?

Investitionen sind sehr wichtig. Hierzulande ist in den vergangen Jahren viel zu wenige investiert worden, von Seiten der öffentlichen Hand wegen der Haushaltskonsolidierung, aber auch von der privaten Wirtschaft. Lange Planungs- und Genehmigungsverfahren bei Großprojekten sind ein Hindernis. Wir haben aber auch keine Patentrezepte. Die Investitionsschwäche bei Unternehmen liegt sicherlich auch an der niedrigen Kapazitätsauslastung und an politischen Unsicherheiten. Geopolitische und hausgemachte Probleme gehören dazu, aber auch die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB).

Eigentlich ist es bei niedrigen Zinsen günstig, zu investieren.

Eigentlich ja, die Finanzierungskosten sind gering. Aber die Unternehmen müssen  Investitionsprojekte finden. Das ist ein Problem in einer Welt mit geringem globalem Wachstum von jährlich gerade einmal 3<ET>% in den vergangenen fünf Jahren. Viele Unternehmen haben keine lukrativen Projekte vor Augen. Außerdem haben wir in Europa einen gestörten Transmissionsmechanismus der Geldpolitik: Eine extrem expansive Geldpolitik gepaart mit einer stark restriktiven Regulierung der Kreditwirtschaft führt dazu, dass der Bankensektor nicht die Kredite vergeben kann, auf die die EZB hofft.

EZB-Präsident Mario Draghi hat gerade im Bundestag die Niedrigzinspolitik der Notenbank verteidigt. Wie sollte die EZB verfahren?

Wir halten einen langsamen, sorgfältig kommunizierten Einstieg in den Ausstieg für nötig. Ein erster Schritt wäre es, das Ankaufprogramm zurückzufahren. Die Liquidität, die die EZB damit in die Märkte pumpt, verpufft wirkungslos. Denn sie landet 1:1 in der Überschussreserve der Banken bei der EZB und wird mit negativen Zinsen belastet. Die Banken im Euroraum zahlen dafür zurzeit jeden Monat fast 350 Mill. Euro. Statt mehr Kredite für die Unternehmen gibt es eine Sondersteuer für gesunde, liquide Banken.

Negative Zinsen – ist das nur eine Größe, die auf das Ergebnis drückt, oder reichen die Folgen weiter?

Die Auswirkungen sind immens. Uns fehlt die Erfahrung mit negativen Zinsen. Unser System ist auf wirtschaftliches Wachstum und auf positive Zinsen ausgerichtet. Etwa die gesamte Altersvorsorge hängt daran. Die Sparer leiden, Versicherungsunternehmen haben zu kämpfen und Stiftungen haben große Probleme. Die negativen Zinsen belasten schon heute alle Bereiche der Kapitalanlage.

Was steht auf Ihrem Wunschzettel für die EZB?

Wir wünschen uns eine Zinswende. Aus deutscher Sicht ist dies geboten – bei einem ausgeglichenen Staatshaushalt und in stabiler wirtschaftlicher Lage. Allerdings muss die EZB den gesamten Euroraum im Blick haben. Den deutschen Komfortstatus haben andere Länder nicht. Wir gehen deshalb nicht davon aus, dass eine Zinswende vor 2018 oder 2019 kommen wird – wenn überhaupt.

Was heißt Zinswende genau?

Ein Einlagenzins von Null oder leicht darüber würde Sparern wie Banken schon etwas helfen. Allerdings: 3 % bis 4 % Rendite, die Anleger benötigen, – das werden wir so schnell nicht wiedersehen. Dazu brauchen wir eine ganz andere Geldpolitik.

Sind Änderungen am Ankaufprogramm der EZB nötig?

Staatsanleihen mit negativer Rendite vernichten Geld. Ein praktikabler Weg heraus aus dem Programm, das in den nächsten Monaten noch einmal verlängert werden dürfte, hat die US-Notenbank Fed gewiesen. Die EZB müsste zumindest signalisieren, es gibt eine Grenze und wir werden das Programm wieder auslaufen lassen. Die Prognosen zu Inflation und Wirtschaftswachstum würden diesen wünschenswerten Einstieg in den Ausstieg erlauben.

Ist das Inflationsziel der EZB von 2 % noch angemessen?

Wir hielten es für falsch, an der Zielgröße etwas zu ändern, nur weil sie nicht erreicht wurde. Richtig wäre, das Ziel erstens nicht als „Punktziel“ zu interpretieren und zweitens deutlicher zu erklären, warum es verfehlt wurde. Die niedrige Preisentwicklung ist stark von Sonderfaktoren bestimmt, wie die Entwicklung der Rohstoff- und Ölpreise.

Deflationsgefahren sehen Sie nicht?

Nein. Die Deflationsgefahr bezog sich nur auf einen sehr kleinen Teil des Warenkorbs von 10 % – den Energiebereich. Die übrigen Güter lagen bei rund 1 % Preissteigerung. Damit ist die Zielabweichung nicht groß. Im nächsten Jahr erwarten wir 1,2 % Inflation im Euroraum, einen Punkt mehr als in diesem Jahr. 2018 rechnen wir damit, dass das Ziel fast erreicht wird. Spätestens dann wäre es Zeit für eine Zinswende.

Müsste die EZB intensiver kommunizieren?

Das wäre wünschenswert. Wir würden gern genauer wissen, was die EZB will.

Über Deutschland hinausgeblickt: das globale Wachstum ist schwach, aber die Schwellenländer erstarken wieder?

An den realwirtschaftlichen Zahlen zeigt sich, dass die Schwellenländer das Tal der Tränen langsam hinter sich lassen. Es sieht wirklich nach einer Trendwende aus.  In den vergangen zwei Jahren sind sie nur um rund 4<ET>% gewachsen sind. 2017 werden sie etwas darüber liegen. In Brasilien, Russland und Argentinien gibt es deutliche Verbesserungen. Indien ist auf der positiven Seite. Auch in China haben sich die Frühindikatoren und wichtige volkswirtschaftliche Kennzahlen zuletzt besser gezeigt. Die spannende Frage ist, ob sich die Entwicklung stabilisiert. Bislang ist es eine Verbesserung auf niedrigem Niveau. Wenn die Rohstoffpreise moderat bleiben – bei Öl rechnen wir mit 50 Dollar/Barrel in diesem und 55 Dollar/Barrel im nächsten Jahr – sind die Chancen gut. Dies hätte auch positive Auswirkungen auf die Weltwirtschaft.

Europa hat das Brexit-Votum einen Schlag versetzt. Welche Folgen wird der Brexit haben?

Die Eurozone ist im Mittelmaß gefangen. Aber die Entwicklung ist heterogen. Frühere Krisenländer wie Irland und Spanien entwickeln sich gut, Deutschland wächst überdurchschnittlich. Andere erledigen ihre Hausaufgaben unzureichend. Als gesamte Eurozone werden wir aus der Mittelmäßigkeit nicht so schnell herauskommen. Derzeit rechnen wir mit einem Wirtschaftswachstum von 1,3 % für das kommende Jahr. Den Einfluss des Brexit auf Europas Wirtschaft kann niemand derzeit genau quantifizieren. Die kleine Katastrophe ist erst einmal ausgeblieben. Positiven Einfluss auf Großbritannien hatten die Abwertung des Pfundes und die Ankündigung der Notenbank, dass sie zur Unterstützung bereit ist. Wir erwarten Schleifspuren für die britische Wirtschaft, wenn der Austritt nach Artikel 50 EU-Vertrag erklärt ist. Die Eurozone wird das aber ganz gut wegstecken können.

Wie schätzen Sie die politische Signalwirkung für Europa ein?

Sorgen machen uns die populistischen Tendenzen und die Gefahr der Abschottung. Da muss die Politik Antworten finden. Das wird nicht leicht sein, gerade in einer Zeit, in der europaweit eine Reihe wichtiger Wahlen und Abstimmungen bevorstehen.

Mit Blick auf die USA: welche ökonomischen Folgen sind aus dem Wahlausgang im einen oder anderen Fall zu erwarten?

Über den Wahlausgang in den USA spekulieren wir nicht. Klar ist aber auch: Unsicherheiten sind immer Gift für Wirtschaft und Finanzmärkte.

Das Interview führte Angela Wefers.

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