"Einige tausend Insolvenzen mehr als 2020"

"Einige tausend Insolvenzen mehr als 2020"

Interview mit Dr. Hans-Walter Peters, Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken, mit den Zeitungen der FUNKE Mediengruppe am 5.1.2021.

Für den Einzelhandel hätte das Jahr 2020 kaum schlimmer enden können als mit dem Weihnachts-Lockdown. „Das wird Folgen für die Innenstädte haben“, warnt Hans-Walter Peters, Präsident des Bundesverbands deutscher Banken (BdB). Die Krise trifft auch die Geldhäuser selbst, sagt Peters im Interview: Wer sich einmal mit Online-Banking angefreundet hat, kommt kaum noch in die Filiale. Das werde die seit Jahren laufenden Filialschließungen noch beschleunigen.

Herr Dr. Peters, die Banken wissen genau, wie es um die Wirtschaft in der Corona-Krise steht. Wie tief sind die Spuren?

Hans-Walter Peters: Nach dem ersten Lockdown hat sich die Wirtschaft zum Glück deutlich erholt. Wir waren zuletzt in einem wirtschaftlichen Aufschwung, der sicherlich auch noch länger angehalten hätte. Der aktuelle Lockdown tut weh – vor allem, weil unklar ist, wie lange er dauern wird. Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass die Wirtschaft auch im Januar noch getroffen wird. Sobald die Pandemie durch das Frühjahr und den Impfstoff zurückgedrängt wird, werden wir wieder in einen Aufschwung kommen.

Der Weihnachts-Lockdown bedeutete maximalen Schaden für den Einzelhandel. Überleben das unsere Innenstädte?

Der Lockdown wird deutliche Spuren hinterlassen. Für den Einzelhandel ist das der schlimmste annehmbare Fall gewesen. Das wird Folgen für die Innenstädte haben.

Wie groß ist die Gefahr einer Insolvenzwelle?

Hier müssen wir unterscheiden: Die meisten Unternehmen konnten weiterarbeiten und sind recht stabil. Im Einzelhandel, der Tourismusbranche und bei Restaurants werden wir sicherlich deutliche Probleme sehen. Wir müssen bedauerlicherweise davon ausgehen, dass die Zahl der Insolvenzen gegenüber diesem Jahr um einige tausend steigen wird.

Was können die Banken tun, damit die Wirtschaft 2021 wieder rund läuft?

Schon in der ersten Welle im Frühjahr haben die Banken an der Seite ihrer Kunden gestanden. Zu keinem Zeitpunkt gab es einen Kreditengpass. 2021 wollen wir diese Unterstützung natürlich fortsetzen. Gleichzeitig müssen wir den Strukturwandel durch Digitalisierung und Nachhaltigkeit in vielen Bereichen unterstützen und finanzieren. Dafür hat der Bankenverband einen Fünf-Punkte-Plan ausgearbeitet.

Was fordern Sie?

Zum einen sollen die Unternehmen durch einen Ausbau des steuerlichen Verlustrücktrags mehr Eigenkapital bilden können. Dann fordern wir Fortschritte bei der europäische Kapitalmarktunion, damit sich die Wirtschaft leichter Kapital besorgen kann. Außerdem sind mehr Aktivitäten im Bereich Forschung und Entwicklung nötig, ebenso wie Investitionen in Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Das rechnet sich aus kaufmännischer Sicht nicht immer unmittelbar. Deshalb wünschen wir uns von der Politik, dass der Staat zukunftsorientierte Investitionen fördert. Wir Banken können nicht alle Risiken allein finanzieren.

Was bedeutet der Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit für die Banken? Die Kreditinstitute haben bislang ja auch Geschäfte mit Kohle und Öl gemacht.

Das wird sich auf das Geschäftsmodell der Banken auswirken. Unsere Kunden sind mehr und mehr interessiert an nachhaltigen Investments. Um die Klimaziele zu erreichen, muss die Gesellschaft in diesem Bereich dringend etwas tun. Dem kann sich keiner verschließen. Wir Banken haben dabei eine Schlüsselrolle, wenn es um Kredite für Investitionen geht.

Sind immer mehr Kredite in der aktuellen Krise das richtige Mittel? Die müssen auch irgendwann zurückgezahlt werden.

Das ist richtig. Aber wenn wir einen wirtschaftlichen Aufschwung und einen Strukturwandel haben, sind Investitionen erforderlich und sie werden auch Gewinne abwerfen – daher sehe ich das sehr positiv für die Gesamtwirtschaft. Im Übrigen fordern wir genau deshalb Maßnahmen, die den Zugang zu Eigenkapital für Unternehmen erleichtern.

Als im Frühjahr die Banken schließen mussten, liefen Beratungsgespräche per Videochat, es gab einen Schub beim Online-Banking. Beschleunigt das in den kommenden Jahren den Filialabbau?

Bereits 2019 ist die Zahl der Filialen um viereinhalb Prozent gesunken. Im Lockdown haben die Kunden erfahren, dass sie auch anders mit ihrer Bank in Kontakt treten können. Letztlich werden die Kunden durch ihr Verhalten entscheiden, was mit den Filialen passiert. Ich möchte hier realistisch sein: Es wird weniger Filialen geben und der Abbau verläuft vielleicht auch schneller als in den vergangenen Jahren.

In Hessen gibt es Gemeinschaftsfilialen von Sparkassen und Volksbanken. Ist das auch ein Modell für die Privatbanken?

Die Privatbanken unterscheiden sich sehr stark in ihren jeweiligen Geschäftsmodellen. Daher sehe ich das für uns momentan nicht.

Die Europäische Zentralbank (EZB) wirft in der Krise hunderte Milliarden Euro frisches Geld auf die Märkte zur Stabilisierung der Wirtschaft. Macht Ihnen das Sorgen?

Sorgen macht mir das schon. Die EZB will die Märkte mit Liquidität stützen – ob sie dabei nicht übers Ziel hinausschießt, werden wir sehen. De facto hilft das Geld im Moment, um die Probleme zu übertünchen. Aber es bedeutet, dass es bei der Verzinsung von Sparguthaben in den nächsten ein bis zwei Jahren keine Bewegung geben wird. Die Zinsen werden auf dem sehr niedrigen Niveau bleiben. Damit müssen wir leider leben.

Wann könnten die Zinsen wieder steigen?

Die Zinswende ist nicht in Sicht. Das wird sich so bald auch nicht ändern. Für Sparer und Anleger wird die Suche nach Rendite im nächsten Jahr noch schwerer.

Damit bleibt auch der Negativzins auf hohe Spareinlagen. Hat das Methode?

Die EZB möchte natürlich, dass die Banken den Negativzins auf hohe Spareinlagen an die Kunden weitergeben. Sie erhofft sich dadurch mehr Konsum und steigende Preise. Für die Banken sind die Negativzinsen eine enorme Belastung. Wir wollen diese auf den Kopf gestellte Zinswelt nicht. So wie es momentan aussieht, werden wir aber nicht darum herumkommen, dass die Negativzinsen mehr und mehr bei privaten Kunden ankommen.

Darunter leidet auch das Geschäftsmodell der Banken. Um Einnahmen zu generieren, steigen jetzt zunehmend die Gebühren. Wird sich dieser Trend 2021 fortsetzen?

Diese Frage muss jedes Institut für sich selbst beantworten. Die Bankenaufsicht hat dies schon länger gefordert. Die Auswirkungen der Pandemie spielen sicherlich eine Rolle. Wird das Geschäft einer Bank belastet, wird sie auch über Preiserhöhungen nachdenken.

Wird weiterhin kostenlose Girokonten geben?

Auch das muss natürlich jede Bank für sich entscheiden. Ich persönlich glaube, solche Angebote passen im aktuellen Umfeld einfach nicht.

Die Kartenzahlung hat durch Corona einen massiven Schub erhalten. Kommt jetzt der Abschied vom Bargeld?

Das Bargeld hat durch die Pandemie an Bedeutung verloren. Nur noch jeder zweite Einkauf wird bar bezahlt. Wer sich jetzt an Kartenzahlung oder Onlinebanking gewöhnt hat, wird dabei bleiben. Wer einmal angefangen hat mit Karte oder dem Smartphone zu bezahlen, der wird es nicht mehr anders machen wollen. Daher wird sich der Trend eher noch verstärken. Das Bargeld wird deshalb aber nicht morgen verschwunden sein.

Facebook hat seine Pläne für die weltumspannende Digitalwährung Diem zurückgeschraubt. Das Angebot hätte die Banken massiv belastet, denn sie leben gut vom internationalen Zahlungsverkehr. Atmen Sie auf?

Das Projekt von Facebook war für die Finanzbranche ein Weckruf, der allen deutlich vor Augen führte, dass technologische Innovationen auch vor dem Geldwesen nicht halt machen. Dass Diem nun allem Anschein nach etwas kleiner ausfallen wird, ist kein Grund zur Entwarnung. Ich bin überzeugt davon, dass die dahinterstehende technologische Innovation zumindest den Zahlungsverkehr dramatisch verändern wird. Ich stütze mich dabei auch auf die Vorbereitungen vieler Notenbanken, darunter auch der EZB, eine digitale Währung einzuführen. Im Übrigen habe ich mich schon vor einem Jahr bei der Weltwährungskonferenz für einen digitalen Euro stark gemacht.

Was bedeutet ein digitaler Euro eigentlich konkret für Verbraucher?

Der digitale Euro hat zunächst für unsere Wirtschaft große Bedeutung. Aber auch beim Bezahlen kann er einiges verändern. Ein Beispiel: Ihr E-Auto zahlt das Aufladen an der Ladesäule selbständig. Direkt an der Ladesäule, ohne dass sie als Fahrer noch etwas tun müssen.  

Im September haben Investigativjournalisten die „FinCEN“-Files veröffentlicht. Sie zeigen, wie groß das Ausmaß von milliardenschwerer Geldwäsche und anderen krummen Geschäften mit Hilfe oder zumindest mit Wissen von Banken in der Vergangenheit war. Im Zentrum standen auch deutsche Banken. Was hat die Branche dagegen unternommen?

Dies waren bereits bekannte Fälle aus der Vergangenheit. Fakt ist: Das Verhindern von Geldwäsche hat bei uns höchste Priorität. Daher sind in diesem Bereich massiv Kapazitäten aufgebaut worden, die Mitarbeiter sind inzwischen sehr gut geschult. Das zeigen auch die Geldwäsche-Verdachtsmeldungen: 2019 ist die Zahl der Verdachtsmeldungen um 50 Prozent auf 150.000 gestiegen. Rund 90 Prozent davon kommen von Banken. Das zeigt, welche Bedeutung der Kampf gegen Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung in den Banken erlangt hat.

Wie wird das Jahr 2021 für die Banken und ihre Mitarbeiter?

2021 wird für die Banken ein sehr hartes und anspruchsvolles Jahr. Die Mitarbeiter werden zunächst weitgehend im Homeoffice arbeiten. Sicherlich werden dann relativ schnell die ersten Zahlungsausfälle aus der Wirtschaft kommen und schwierige Entscheidungen anstehen: Kann ich einen Kunden weiterhin finanzieren oder ist das nicht mehr möglich? Das werden in manchen Fällen sehr harte Gespräche.

Wie steht es beim fortschreitenden Filialabbau um die Arbeitsplätze?

Da wird es wegen der Filialschließungen einen Rückgang geben, zudem muss die Branche ganz allgemein die Kosten senken – das bleibt leider so.

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