Einweihung der neuen Gedenktafel, die am Gebäude des Bankenverbandes in Berlin an die nationalsozialistische Zeit des Grundstückes erinnert.

Ansprache von Dr. Hans-Joachim Massenberg, Stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Banken, anlässlich der Einweihung der historischen Gedenktafel am Gebäude des Bankenverbandes.

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Dr. Hanke,
sehr geehrte Frau Süsskind,
sehr geehrter Herr Hobrack,
sehr geehrte Damen und Herren,

Festzustellen, dass Berlin ein geschichtsträchtiger Ort ist, hieße Eulen nach Athen tragen. Viele Bauwerke und Denkmäler aus unterschiedlichen Epochen zeugen von wechselvoller deutscher Geschichte.

Die Burgstraße, in der wir uns befinden, ist ein spannender Ort, an dem historische Gegensätze auf engstem Raum aufeinander prallten. So lebte hier Ende des 18. Jahrhunderts der Bankier Daniel Itzig, der als erster Jude in Preußen die volle Staatsangehörigkeit bekam. Am selben Ort, dem einstigen Palais Itzig und später der Berliner Börse, wurde 1933 gegen Juden im Börsenvorstand demonstriert. Wo 1918 im damaligen Circus Busch die Arbeiter-und Soldatenräte die Provisorische Regierung bestätigten, sollten nur 20 Jahre später Teile der Vision von Hitlers und Speers „Germania“ errichtet werden. Nahezu zeitgleich trafen hier in den 30er Jahren politischer Widerstand linker Parteien und die Etablierung von NS-Institutionen zusammen.

Auch für den Bankenverband selbst ist dies ein historischer Ort, denn für uns war der Umzug nach Berlin 1999 auch eine Art Rückkehr.

Unser Vorgängerverband, der Centralverband des Deutschen Bank- und Bankiergewerbes, war im Jahre 1901 nicht weit von hier in der Niederlagstraße – d. h. im damaligen Bankenzentrum Deutschlands – gegründet worden.

Die Zeitläufe wollten es, dass der Bankenverband im Jahre 2001 zugleich die 100jährige Wiederkehr des Gründungsdatums des Centralverbandes und sein eigenes 50jähriges Jubiläum begehen konnte (Wiedergründung 1951 in Köln).

Im Vorfeld dieser besonderen Jahrestage haben wir uns mit unserer Geschichte vertieft auseinandergesetzt. Namentlich hat der weltbekannte amerikanische Historiker und Experte für Bankengeschichte im Nationalsozialismus, Prof. Harold James (Universität Princeton), die Rolle des Centralverbandes unter dem NS-Regime erforscht.

Die dabei entstandene Publikation „Verbandspolitik im Nationalsozialismus – Von der Interessenvertretung zur Wirtschaftsgruppe“ hat einen wichtigen Zugang zu diesem weithin noch verborgenen Strang der NS-Wirtschaftsge­schichte freigelegt.

Wir sind Prof. James für seine Arbeit, die die historischen Studien zu den Großbanken ergänzt und vervollständigt, sehr dankbar.

Meine Damen und Herren,

das Grundstück, auf dem der Bankenverband 1999 seinen Sitz in Berlin nahm, reflektiert wie die Burgstraße insgesamt die deutsche Geschichte in besonderer Weise.

Da ist zum einen die Zeit der Burgstraße als Teil des Finanzzentrums Berlins und Deutschlands. Ganz in der Nähe, in der Burgstraße 25, hatte – wie bereits erwähnt - die Börse ihren Sitz. Zeitweise – namentlich in den 1870er Jahren - residierte die Hauptverwaltung der Deutschen Bank im Haus Nr. 29. In diesem Haus verblieb mit der auf Initiative von Georg von Siemens gegründeten Depositenkasse der Deutschen Bank das erste nur auf Privatkunden ausgerichtete deutsche Bankgeschäft.

Das Nachbarhaus Nr. 28 war Teil des Gebäudekomplexes Burgstraße 27-30, das als Büro- und Geschäftshaus „Börse“ im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts erbaut wurde. Die Mieterschaft war eine bunte Mischung aus Zahntechnikern, Gastwirten, Kursmaklern und Verbänden, so auch dem „Reichsbund jüdischer Frontsoldaten“.

Kurze Zeit später war das heterogene Miteinander zu Ende: Hitlers Architekt Albert Speer plante auf dem Gelände einen Museumsbau. Das „Bürohaus Börse“ wurde entmietet. Die Umsetzung der Baupläne verzögerte sich und so wurden ab 1938 verschiedene Behörden in den Räumen untergebracht.

Die Burgstraße 26-30 versammelte zahlreiche Institutionen zur Ausbeutung und Vertreibung der Ju­den auf engstem Raum: Polizei, Passamt, Finanzbehörde und das „Referat für Judenangelegenheiten“.

Im Haus Nr. 28 befand sich bis zu einem Bombentreffer im November 1943 diese Abteilung der Staatspolizeileitstelle Berlin, deren Aufgabe es war, die Deportation der Berliner Juden zu organisieren. Es begann mit der Erfassung jedes Juden in einer Kartei, der Fahndung nach versteckten Juden und der an­schließenden Festnahme und Vernehmung. Im Hof befand sich ein sogenanntes Schutzhaftgefängnis, aus dem grauenvolle Misshandlungen bei Verhör und Haft überliefert sind.

Schließlich endete es in der Unterbringung und Be­wachung in Sammellagern, der Erstellung von Transportlisten in die Konzentrationslager so­wie als letztes der Begleitung der Deportationszüge.

Die dunkle Vergangenheit des Ortes, an dem wir als Bankenverband in einem neuen und wiedervereinten demokratischen Deutschland unseren Sitz nehmen wollten, hat uns berührt und wir haben es als Verpflichtung begriffen, die Erinnerung zu teilen und wachzuhalten.

Unser Beitrag zur Aufarbeitung der Verbands- und Bankengeschichte im NS-Regime sollte nicht ausschließlich als wissenschaftliche Arbeit im Bücherregal stehen. Deshalb sind wir gerne der Anregung der Gedenktafelkommission des Bezirks gefolgt und haben im Jahre 2003 eine Gedenktafel eingeweiht, deren sprachliche Ergänzung uns heute zusammenführt.

Wir erleben täglich, wie flanierende Gäste der Stadt Berlin auf ihrem Weg vom Hackeschen Markt zur Museumsinsel die Gedenktafel studieren.

Hin und wieder kommt es zu einem Kontakt, zu Fragen oder Mitteilungen zum Inhalt der Tafel. Wir erfahren daher ganz unmittelbar, dass die Tafel ihre Funktion als Anstoß zur Erinnerung voll erfüllt.

Die Tafel wirkt aber auch „nach innen“: Sie mahnt uns, dass es zu den vornehmsten Aufgaben einer wirtschaftspolitischen Interessenvertretung gehört, die Grundlagen eines demokratischen Staatswesens, die Achtung der Menschenwürde, die Unverletzlichkeit der Person, Toleranz und Gerechtigkeit mit zu schützen und zu bewahren. Wir sind bestrebt, dieser Rolle gerecht zu werden.

Ich freue mich, dass Sie unserer Einladung zu dieser Einweihungsfeier im kleinen Kreise gefolgt sind und darf mich für Ihr Kommen zugleich herzlich bedanken.

Ein mir wichtiger Aspekt am heutigen Tage ist, dass die Würdigung der Historie des Verbandssitzes im Bankenverband von allen Mitarbeitern getragen wird.

So verdanken wir es der Anregung einer Mitarbeiterin, dass wir hier heute zusammen kommen. Frau Susanne Schulze hat den Vorschlag einer englischen Übersetzung der Gedenktafel unterbreitet und wir haben ihn gern aufgegriffen. Ich möchte Frau Schulze an dieser Stelle im Namen der Geschäftsführung und der Mitarbeiter des Bankenverbandes dafür noch einmal unseren herzlichen Dank aussprechen.

Danken möchte ich bei dieser Gelegenheit auch Herrn Hobrack und der Gedenktafelkommission sowie den historischen Beratern und last but not least dem akademischen Bildhauer Reinhard Jacob, der für die Herstellung der Tafel verantwortlich zeichnet. Ohne Ihren Beitrag wäre der heutige Tag ebenfalls nicht möglich.

Ihnen danke ich für Ihre Aufmerksamkeit und darf Sie nun bitten, sich mit zur Gebäudevorderseite zu begeben, um die neue, erweiterte Tafel in Augenschein zu nehmen und Herrn Hobrack Gelegenheit zu geben, das Wort an uns zu richten.
 

 

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