Jürgen Fitschen, Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken e. V.

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Jürgen Fitschen: "Das kann zu einem bösen Erwachen führen"

26. September 2015

Interview mit Jürgen Fitschen in der F.A.Z.

Herr Fitschen, mehr als 200 kleine innovative Fintech-Unternehmen in Deutschland brennen darauf, den Banken Konkurrenz zu machen. Steckt die Bankfiliale der Zukunft im Smartphone?
 
Das glaube ich nicht, es würde den Bedürfnissen unserer Kunden auch nicht gerecht. Die Fintechs sind gut darin, die technische Entwicklung voranzutreiben. Sie setzen die Banken unter Druck, sich mehr um Innovationen zu kümmern. Dieser Herausforderung stellen wir uns. Ich erwarte allerdings, dass die Zukunft des Bankgeschäftes in einer Mischung aus technischen Angeboten und persönlicher Beratung bestehen wird.
 
Die Fintechs machen fast alles. Sie vermitteln höhere Tagesgeldzinsen, bringen auf Internetplattformen Sparer und Kreditnehmer zusammen und helfen beim elektronischen Bezahlen. Was bleibt den Banken?
 
Es ist richtig, dass es eine große Zahl von Fintechs gibt. Sie sind jeweils auf einem Gebiet gut, aber keines bietet das Bankgeschäft von A bis Z an. Es sind drei große Bereiche, die sie abdecken: den Zahlungsverkehr, das Kreditgeschäft, bei dem die Konkurrenz trotz aller technischen Möglichkeiten verblüffend gering geblieben ist, und die Geldanlage, etwa über Vergleichsportale. Letztere verschärfen den Wettbewerb durchaus. Wir stellen allerdings fest, dass noch keines dieser Fintechs mit dem Anspruch auftritt, alles abzudecken und eine echte Bank sein zu wollen. Die Fintechs geben Anstöße zu Veränderungen – aber sie werden die Banken nicht ersetzen.
 
Einlagen dürfen die Fintechs noch nicht annehmen?
 
Nein, das wäre Einlagengeschäft, das ist Banken mit Banklizenz vorbehalten. Dann würde auch für Fintechs die Regulierung greifen. In dem Moment, wo Fintechs anfangen, sich von einem Anbieter technologischer Leistungen zu einer echten Bank zu entwickeln, müssen sie ihr Vorgehen grundlegend ändern. Viele Vorteile, die sie als Start-up genießen, gingen damit verloren. Ich glaube deshalb: Es wird auch morgen noch Banken geben. Und die meisten Namen der Banken von morgen kennen Sie auch heute schon.
 
Wie lange geben Sie der Bankfiliale denn noch?
 
Es wird immer Bankfilialen geben – die Frage ist nur, wie viele. Das bildet sich gerade im Wettbewerb heraus. Wer zu viele Filialen schließt, verliert Kunden. Wer zu lange wartet, dem laufen die Kosten aus dem Ruder. Es ist ja offenkundig, dass jüngere Kunden seltener in die Bank kommen. Allerdings sind wir eine alternde Gesellschaft. Geldanlage oder Altersvorsorge werden mit zunehmendem Alter immer wichtiger. Die Erfahrung zeigt: Dann wird auch ein persönliches Gespräch bei der Bank viel interessanter.
 
Müssen Banken künftig auch samstags geöffnet sein, wenn sie der Konkurrenz aus dem Internet Paroli bieten wollen?
 
Hier setzen uns die tariflichen Vereinbarungen Grenzen. Richtig ist, sie müssen dann für ihre Kunden da sein, wenn diese Zeit haben – auch nach Feierabend oder am Samstag. Zumindest beim Online Banking können wir den 24h Service bieten.  
 
Auf welchen Gebieten sind denn die Fintechs besser, wo die Banken?
 
Die Fintechs haben sich sehr intensiv mit den technologischen Möglichkeiten beschäftigt. Sie stoßen aber auch an Grenzen. Nehmen Sie nur das „Peer to Peer Lending“ – also Internetplattformen, auf denen Anleger und Kreditnehmer direkt zusammengebracht werden. Es beeindruckt die Investoren vielleicht, dass die Zinsen dort für sie höher sind. Allerdings übernehmen die Anleger bei solchen Kreditplattformen Kreditrisiken, die sonst die Bank trägt. Viele sehen das nicht. Das kann noch zu einem bösen Erwachen führen. Einen Vertrauensvorsprung haben Banken bei den Themen Datenschutz und Sicherheit. Den müssen sich die Fintechs erst noch erarbeiten.
 
Wie attraktiv ist denn das Privatkundengeschäft in der Filiale für Deutschlands Banken überhaupt noch?
 
Alle haben zu kämpfen. Die Erträge sind in der Niedrigzinsphase geringer, zugleich gibt es zusätzliche Kosten durch Regulierung. Alle Banken müssen an der Kostenschraube drehen. Filialen zu schließen wird nicht ausreichen. Es geht darum, Geschäftsmodelle zu überprüfen, Prozessketten zu analysieren und die Banken zu verschlanken.
 
Was passiert, wenn die Zinsen noch 20 Jahre so niedrig bleiben?
 
Die expansive Geldpolitik der EZB darf kein Dauerzustand sein. Bei einer hinreichenden Stabilisierung von Wirtschaft und Finanzsystem muss sie schrittweise zurückgefahren werden. Auch wenn eine Wende derzeit noch nicht abzusehen ist, gehe ich nicht davon aus, dass wir 20 Jahre darauf warten müssen. Aber ein paar Jahre kann es noch dauern. 
 
Sind die Deutschen eigentlich ängstlicher als andere Nationen, was Online-und Smartphone-Banking betrifft?
 
Nein, vielleicht etwas konservativer. Insgesamt sind die Kunden in Finanzfragen bei neuen Technologien vorsichtiger als beispielsweise in der Automobilindustrie. Das technisch modernste Auto will schließlich jeder haben.
 
Der frühere amerikanische Notenbankchef Paul Volcker hat einmal gesagt, die einzige sinnvolle Innovation in der Bankenbranche in den letzten 20 Jahren sei der Geldautomat gewesen. Hat er Recht?
 
Nein, das weise ich zurück. Nehmen Sie zum Beispiel nur unsere Digitalangebote oder die von uns eingesetzte Sicherheitstechnologie. Bei den Banken gibt es viele Innovationen in den unterschiedlichsten Bereichen. Aber natürlich zeigen die Fintechs auch, dass gerade im Retail-Geschäft noch viel Potential für Innovationen besteht.
 
Wie lange werden wir denn noch Bargeld benutzen?
 
Das Bargeld wird so schnell nicht verschwinden. Wir Banken hängen gar nicht so sehr daran, denn es verursacht erhebliche Kosten. Solange aber unsere Kunden vor allem in Deutschland nicht darauf verzichten wollen, werden wir es auch nicht. In anderen Ländern wird schon lange viel mehr mit Karte bezahlt.
 
Sie sagen, das Vertrauen sei ein Wettbewerbsvorteil der Banken gegenüber den Fintechs. Haben die Banken es denn geschafft, das Vertrauen, das viele Menschen in der Finanzkrise verloren haben, zumindest etwas zurück zu gewinnen?
 
Umfragen zeigen, dass viel mehr Menschen ihrem Bankberater vertrauen, als man es den Schlagzeilen in den Zeitungen nach glauben könnte. Neun von zehn Kunden sind mit der Beratungsleistung zufrieden. Das Image der Branche insgesamt hat aber gelitten. Wir arbeiten daran, das weiter zu verbessern. Wenn wir aus den Schlagzeilen kommen, wird sich das Image erholen  – davon bin ich überzeugt.
 
Was waren aus Ihrer Sicht denn die schwersten Fehler der Banken?
 
Vor allem bis 2008 herrschte in den Banken und auch bei den Kunden die Stimmung, dass alles möglich sei. Auf die Risiken wurde zu wenig geachtet. Das Risikomanagement in den Banken wurde oft nicht so weiterentwickelt, wie es erforderlich gewesen wäre. Außerdem haben wir versäumt, den Menschen zu erklären, warum unser Geschäft auch einen volkswirtschaftlichen Nutzen hat. Ein gängiges Vorurteil lautet, dass nur ein Bruchteil aller Transaktionen im globalen Devisengeschäft der Realwirtschaft dienen. Dabei wird übersehen, wie viele Transaktionen auf dem Devisenmarkt notwendig sind, um für einen einzigen Firmenkunden ein Geschäft gegen Währungsrisiken abzusichern. Wenn man das bedenkt, sieht das Verhältnis ganz anders aus.

 

Wie geht es denn im Bankenverband dort nach Ihrem Ausscheiden im nächsten Jahr weiter?


Wir müssen vor allem schauen, wie sich die Regulierung der letzten Jahre auf unser Tagesgeschäft auswirkt. Wo hakt es? Wo müssen Anpassungen vorgenommen werden? Der Bankenverband führt dabei die Erfahrungen großer und kleiner Institute zusammen. Dies gehört zu den Herausforderungen auf die der zukünftige Bankenverbandspräsident Hans-Walter Peters von der Berenberg Bank achten wird. Natürlich werden auch weiterhin die großen Häuser ihre Erfahrungen einbringen. Für unser Haus wird John Cryan ab Mai 2016 diese Aufgabe im Vorstand des Bankenverbandes übernehmen. Die Deutsche Bank bleibt also auch weiterhin im Bankenverband stark vertreten.

Das Gespräch führten Markus Frühauf und Christian Siedenbiedel

 

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