Dr. Hans-Walter Peters, Präsident des Bankenverbandes und Sprecher der persönlich haftenden Gesellschafter der Privatbank Berenberg

Peters: Vielfalt an Instituten tut dem deutschen Finanzmarkt gut

10. November 2016

Gastbeitrag in der Börsen-Zeitung von Dr. Hans-Walter Peters, Präsident des Bankenverbandes und Sprecher der persönlich haftenden Gesellschafter der Privatbank Berenberg

Trumpfkarte richtig ausspielen - Regulierung darf nicht zu einem Instrument der Bankenstrukturpolitik werden.

Wer von Vielfalt in den Unternehmen spricht, kommt gegenwärtig um das Wort "Diversity" kaum herum. Hinter dem Konzept von "Diversity" verbirgt sich die Annahme, dass Unternehmen mit Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern unterschiedlicher kultureller, religiöser und sozialer Herkunft über ein besonderes Potenzial an Innovationskraft verfügen. Vielfalt als Trumpfkarte: Wird sie richtig ausgespielt, fließen mannigfache Erfahrungsschätze in eine gemeinsame Firmenphilosophie und machen das Unternehmen stärker.

Der Mix macht es

Vielfalt als Trumpfkarte: Das gilt auch für die gesamtwirtschaftliche Ebene. Hier bedeutet Vielfalt ein Mehr an neuen Ideen, ein Mehr an Wettbewerb um die besten Ansätze, ein Mehr an Auswahlmöglichkeiten für den Verbraucher. Vielfalt ist ein Wesensmerkmal gerade der deutschen Wirtschaft mit ihren vielen mittelständischen Unternehmen. Vielfalt heißt dabei allerdings nicht zwangsläufig "Vielzahl". Auf den einzelnen Märkten werden nicht dadurch bessere Ergebnisse erzielt, dass eine unüberschaubare Anzahl von kleinen Anbietern miteinander konkurriert. Vielfalt bedeutet: Der Mix macht es. Größere Unternehmen, die höhere Skalenerträge erzielen, wetteifern mit kleineren Betrieben, die ihre ganz eigene Nische gefunden haben.

Bankenkultur in Deutschland

Auch das deutsche Kreditwesen zeichnet sich traditionell durch seine Vielfalt aus. Im sogenannten Drei-Säulen-Modell existieren private Banken neben genossenschaftlichen Kreditinstituten sowie öffentlich-rechtlichen Landesbanken und Sparkassen. Viele von ihnen agieren als Universalbanken, die grundsätzlich in allen Geschäftsfeldern aktiv sind. Daneben gibt es aber auch eine Reihe von Instituten, die sich auf ganz bestimmte Geschäfte spezialisiert haben, etwa auf das Private Wealth Management oder das Investment Banking.

Nicht nur in ihrem Geschäftsmodell unterscheiden sich die Institute, sondern auch in ihrer Größe und regionalen Ausrichtung. Während sich Genossenschaftsbanken, Sparkassen und kleinere private Banken in der Regel auf kleine und mittlere Unternehmen sowie auf private Haushalte als Kunden in regionalen oder lokalen Märkten fokussieren, gibt es zugleich Großbanken, die weltweit präsent sind und eine wichtige Rolle in der Außenhandelsfinanzierung spielen.

Geringe Krisenanfälligkeit

Vom Wettbewerb zwischen diesen vielen Instituten - auch wenn Genossenschaftsbanken und Sparkassen aufgrund des Regionalprinzips nicht mit ihresgleichen konkurrieren - hat die deutsche Wirtschaft profitiert. Insgesamt lässt sich sagen: Die Vielfalt an Instituten und Geschäftsmodellen hat Deutschland und dem deutschen Finanzmarkt gutgetan. Der Bankensektor hierzulande ist stabil, zeichnet sich durch eine geringe Krisenanfälligkeit und ein differenziertes Angebot für die Kunden aus, gerade auch für die mittelständischen Unternehmen.

Weil das so ist, überrascht es kaum, dass die Debatte über die Belastungen von Regulierungsmaßnahmen für kleinere Institute hierzulande besonders intensiv geführt wird. Dahinter steckt die Sorge, dass die Regulierung Geschäftsmodelle kleinerer Häuser in Frage stellt und zu vereinheitlichten Geschäftsmodellen führt, die zwangsläufig mit negativen Auswirkungen für Kunden und Marktstabilität verbunden wären.

Permanenten Wandel

Dabei ist es keineswegs so, dass es in den vergangenen Jahrzehnten keinen Wandel in der Bankenlandschaft gegeben hätte. Getrieben durch den technischen Fortschritt und einen schärferen internationalen Wettbewerb sind nicht wenige Institute ganz aus dem Markt ausgeschieden oder haben sich, um Kosten zu sparen, mit anderen Instituten zusammengeschlossen. Über alle Bankengruppen hinweg hat sich die Gesamtzahl der Institute von 1990 bis 2015 mehr als halbiert. Im Wesentlichen wurde diese Strukturbereinigung durch Fusionen innerhalb der Säulen des Bankensektors vorangetrieben, vor allem durch die Zusammenlegung kleinerer Genossenschaftsbanken und Sparkassen.

Auch die Geschäftsmodelle der Banken, speziell der größeren Institute, haben in den zurückliegenden 20 Jahren einen fundamentalen Wandel durchlaufen. Durch neue Computertechnik und Deregulierung wurden grenzüberschreitende Geschäfte möglich, die es bis dahin nicht gegeben hatte. Finanzinnovationen und Derivate entstanden, mit denen rund um den Globus Anleihen und Kreditrisiken an den Kapitalmärkten ausgetauscht werden konnten. Die Internationalisierung hatte die Bankenwelt voll erfasst.

Die weitere Geschichte ist bekannt: Die Finanzkrise beendete zunächst die auf den Kapitalmarkt und das Investment Banking ausgerichtete Expansionswelle der größeren Banken. Das Finanzsystem konnte nur durch teilweise massive staatliche Intervention gerettet werden. Auch hier aber hat sich die Vielfalt des deutschen Bankensystems bezahlt gemacht: Regionalbanken wirkten stabilisierend und trugen entscheidend dazu bei, eine Kreditklemme zu verhindern. Dabei gilt nach der Krise mehr als je zuvor: Nur Banken mit einem tragfähigen Geschäftsmodell können langfristig ihre Finanzierungsfunktion in der Volkswirtschaft vollumfänglich wahrnehmen.

Wandel ist also etwas Normales in der Welt der Banken. Alles andere als normal hingegen sind die Herausforderungen und Belastungen, denen sich die Institute gegenwärtig ausgesetzt sehen. Als Konsequenz aus der Finanzmarktkrise wurde weltweit damit begonnen, die Regulierung der Banken zu verschärfen, um die Stabilität des Finanzsystems zu erhöhen. Das war richtig und unvermeidbar. Regulierung darf aber nicht dazu führen, dass kleinen und mittleren Banken die Luft zum Atmen genommen wird. Wenn als Ergebnis kleine Institute mit ihren spezifischen Geschäftsmodellen Gefahr laufen, überfordert zu werden, könnte das im Endeffekt auf weniger Vielfalt hinauslaufen.

In der Realität liegen die durchschnittlichen Regulierungskosten bezogen auf die Bilanzsumme bei kleinen Banken um ein Vielfaches höher als bei großen Instituten. Vor allem die fast schon unübersichtliche Anzahl an Regelungen und die Zunahme des Detailgrads stellen eine erhebliche Belastung für die kleinen Institute dar, ohne dass dadurch ein wirklicher Beitrag zu mehr Finanzstabilität geleistet würde. Beispiel Meldeanforderungen: Hier stehen Aufwand der Datenerhebung und Nutzen der Informationen oftmals in einem - vorsichtig gesagt - ungünstigen Verhältnis zueinander. Das bindet Zeit und Ressourcen und hält die Institute davon ab, im Sinne ihrer Kunden aktiv zu sein. Hier muss kritisch hinterfragt werden, welche Informationen die Aufsicht und die anderen Adressaten wirklich brauchen.

Zwar gibt es das Proportionalitätsprinzip, das ein weitreichendes Maß an Verhältnismäßigkeit in der Bankenregulierung sicherstellen soll. In der Praxis sind Proportionalitätsaspekte bisher aber nicht im erforderlichen Maße berücksichtigt worden. Um Missverständnissen vorzubeugen: Proportionalität bedeutet für die privaten Banken nicht, dass unterschiedliche Anforderungen an die Höhe und die Qualität von Eigenkapital oder andere Liquiditätsregeln gestellt werden. Das Proportionalitätsprinzip muss aber dazu führen, dass die administrativen Belastungen für kleinere Institute deutlich reduziert werden.

Begrenzte Ertragspotenziale

Die Niedrigzinsen tun gegenwärtig ihr Übriges, um die wirtschaftliche Situation vieler Banken noch einmal zu erschweren. An und für sich können wettbewerbsfähige Institute auch in einer Phase sinkender Zinsmargen erfolgreich agieren. Den sinkenden Ertragsmöglichkeiten stehen jedoch weiter steigende Aufwendungen aus der Umsetzung der regulatorischen Anforderungen gegenüber.

Hinzu kommt die Digitalisierung, die ebenfalls Investitionen erfordert und über neue Wettbewerber die Margen unter Druck setzt. Angesichts begrenzter Ertragspotenziale und erhöhter Investitionserfordernisse müssen die Institute alle Kostensenkungsmöglichkeiten ausnutzen. Man muss kein Hellseher sein, um zu sagen, dass die Konsolidierung des deutschen Bankenmarktes noch lange nicht abgeschlossen ist.

Gegenwind muss nachlassen

Der deutsche Bankenmarkt verträgt eine weitere Konsolidierung, er hat sie sogar nötig. Dieser Prozess sollte allerdings nicht durch die Regulierung getrieben werden. Regulierung muss auf die Sicherung der Finanzmarktstabilität ausgerichtet sein, sie darf nicht zu einem Instrument der Bankenstrukturpolitik werden. Um auch weiterhin eine heterogene und stabile Bankenlandschaft in Deutschland zu bewahren, sind zwar nicht zuletzt die Institute selbst gefordert. Sie müssen Kosten senken, Komplexität reduzieren und sich noch stärker der Digitalisierung öffnen. Aber es ist zugleich notwendig, dass der teils heftige Gegenwind aus Regulierung und Niedrigzinspolitik bald nachlässt. Sonst ist womöglich bald mehr an Bankenvielfalt eingeebnet, als es dem Wirtschaftsstandort Deutschland gut tut.

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