Dr. Elga Bartsch, Vorsitzende des Ausschusses für Wirtschafts- und Währungspolitik des Bundesverbandes deutscher Banken und  Chefvolkswirtin Europa bei Morgan Stanley.

„Schattenseiten der Verschuldungspolitik zeigen sich langfristig“

7. März 2018

Interview mit Elga Bartsch in der Börsen-Zeitung.

An den Finanzmärkten geht aktuell die Zinsangst um: Kann die Inflation zur großen Überraschung 2018 werden, in dem Sinn, dass sie weltweit stärker anzieht als bislang erwartet – und ist dann mit einer schnelleren geldpolitischen Normalisierung durch die Zentralbanken zu rechnen?

Nach Einschätzung der Chefvolkwirte beim Bankenverband sollte die Inflation im Toleranzbereich der Notenbanken bleiben. Allerdings ist aus zyklischen Gründen mit  etwas höheren Kerninflationsraten zu rechnen. Diese Aufwärtsbewegung sollte aber gegen Jahresende an Schwung verlieren. Die Geldpolitik kann sich daher auf die Normalisierung ihres Kurses beschränken. Aggressive Maßnahmen gegen eine übermäßig rasch anziehende Inflation halten wir nicht für notwendig.

In den USA gibt es auch in der Notenbank Fed prominente Stimmen, die dafür plädieren zu tolerieren, wenn die Inflation zeitweise über 2% steigt – nach vielen Jahren darunter. Was halten Sie von dieser Strategie?

Grundsätzlich sollten die Inflationsziele der Notenbanken nicht als Punktziele verstanden werden. Sie sind vielmehr eine mittelfristige Orientierungsgröße und erlauben es, temporär auch Inflationsraten über 2 % zu tolerieren. Entscheidend ist, dass die Inflationserwartungen auf dem Niveau des Inflationszieles verankert sind. Die aktuelle Herausforderung für die Geldpolitik in den USA liegt darin den Expansionsgrad marktverträglich zu drosseln. Dazu bedarf es keiner Strategieänderung.

Wie groß ist die Gefahr einer ausufernden Verschuldungsdynamik in den USA durch die Ausgabenpläne von Präsident Donald Trump?

Die Fiskalpolitik in den USA ist derzeit prozyklisch ausgerichtet und führt kurzfristig zu einer weiteren Beschleunigung des Wirtschaftswachstums. Die Schattenseiten der Verschuldungspolitik dürften sich vor allem längerfristig bemerkbar machen, insbesondere wenn sich die Konjunktur irgendwann merklich abschwächen sollte.

Droht der US-Wirtschaft eine Überhitzung als Folge der Steuerreform und des geplanten Infrastrukturprogramms? Oder besteht eher die Gefahr einer Rezession, weil der Aufschwung schon so lange anhält?

Akute Überhitzungsgefahren können wir derzeit in den USA nicht erkennen. Zum einen befinden sich andere Wirtschaftsregionen, darunter auch der Euro Raum, noch in einer vergleichsweise frühen Phase des Konjunkturzyklus. Darüber hinaus wirken strukturelle Faktoren, wie die Digitalisierung und – trotz protektionistischer Entwicklungen – auch die Globalisierung, preisdämpfend. Eine Gefahr ist aber, dass sich die Haushalts- und Leistungsbilanzdefizite in den USA verfestigen.

Wie groß ist diese Gefahr einer Überhitzung für Deutschland?

Diese Gefahr ist ebenfalls relativ gering. Zwar ist die  Kapazitätsauslastung überdurchschnittlich und auch über Fachkräftemangel wird geklagt, aber die deutsche Konjunktur läuft unserer Ansicht nach immer noch in ihrer Komfortzone. Anziehende Ausrüstungsinvestitionen sollten zur Entspannung beitragen und der Außenhandel wird wohl aufgrund des stärkeren Euro konjunkturdämpfend wirken.

Sehen wir am deutschen Immobilienmarkt bereits eine Blase?

Die Immobilienpreise entwickeln sich in Deutschland regional sehr unterschiedlich. Dem starken Preisanstieg in den Großstädten steht eine gemäßigte Preisentwicklung in den ländlichen Regionen gegenüber. Für die Finanzstabilität ist es zudem entscheidend, dass die Hauspreisentwicklung in Deutschland bislang nicht mit einer übermäßigen Ausweitung der Kreditnachfrage einhergeht.

Was sollten die wirtschaftspolitischen Prioritäten der neuen Bundesregierung sein?

Die Wirtschaftspolitik der neuen Bundesregierung es sollte sich vor allem darauf konzentrieren, den Aufschwung auf ein nachhaltiges Fundament zu stellen. Dazu gehören neben günstigen Rahmenbedingungen für Investitionen, auch ein effektives Bildungssystem und leistungsfähige Daten- und Energienetze.

Wie schätzen Sie die Lage in Italien nach der Wahl ein? Bleibt Italien auf Dauer das Sorgenkind der Eurozone?

Wir gehen davon aus, dass Italien den Wahlkampfmodus schnell hinter sich lassen kann. Es gilt die wirtschaftlichen Herausforderungen zu adressieren. Für Italien ist es entscheidend den Aufschwung zu nutzen, um unterliegende Strukturprobleme anzugehen und das leider recht niedrige Potenzialwachstum des Landes zu erhöhen. Dazu sollten auch Altlasten in den Bankbilanzen rasch bereinigt werden. Das Beispiel Frankreich zeigt, dass überzeugende und mutige Reformkonzepte die Stimmung schnell verbessern.

Hinkt die Europäische Zentralbank (EZB) der positiven realwirtschaftlichen Entwicklung im Euroraum nicht längst hinterher?

Im vergangenen Jahr ist die EZB, wie viele Prognostiker, von der positiven realwirtschaftlichen Entwicklung im Euro Raum überrascht worden. Dennoch kann sie nicht außer Acht lassen, dass die Inflation immer noch unter der von ihr angestrebten Größe liegt. Wir empfehlen daher das Ankaufprogramm nicht noch einmal zu verlängern. Auch für das Ende der Negativzinspolitik sollten Perspektiven aufgezeigt werden. Ein Ende der als Sondermaßnahme angelegten Negativzinspolitik bedeutet aber nicht den Beginn von automatischen Zinserhöhungen.

Wann werden die Leitzinsen im Euroraum wieder steigen?

Für das laufende Jahr prognostiziert der Bankenverband keine Leitzinserhöhung.  Der Hauptrefinanzierungssatz dürfte zur Mitte des nächsten Jahres leicht angehoben werden. Das gleiche gilt für den derzeit bei -0,4 %liegenden Einlagesatz. Voraussetzung wäre allerdings, dass der Brexit keine merklichen Rückwirkungen auf die Entwicklung im Euro Raum hat.

Was würde es für den Normalisierungskurs der EZB bedeuten, wenn Bundesbankpräsident Jens Weidmann Ende 2019 Nachfolger von EZB-Präsident Mario Draghi werden würde?

An Personalspekulationen beteiligen wir uns nicht. Wir gehen davon aus, dass für die Nachfolge von Herrn Draghi eine gute Regelung gefunden wird und dass wie bisher der gesamte EZB Rat seine geldpolitischen Entscheidungen an den Rahmenbedingungen des Euroraums ausrichtet.

Die Fragen stellten Alexandra Baude und Mark Schrörs.

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