Krautscheid digitale Suveränität

Krautscheid: „Libra ist Fluch und Segen zugleich“

Interview mit Andreas Krautscheid, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes, in der Wirtschaftswoche vom 31. Oktober 2019.

Herr Krautscheid, die weltweit führenden Staaten wollen Facebook am Start der globalen Kryptowährung „Libra“ hindern. Das freut Sie als Vertreter der deutschen Privatbanken doch bestimmt, oder?

Wir wollen nicht, dass unsere Währung privatisiert wird. Die Hoheit über Währungen muss bei den Notenbanken verbleiben, in der Euro-Zone also bei der Europäischen Zentralbank. Jenseits dieser Frage ist „Libra“ Fluch und Segen zugleich.

Warum?

Ein Segen ist das Vorhaben von Facebook, weil nicht nur die Politik endlich aufgewacht ist. Und der Fluch besteht darin, dass viele Politiker leider glauben, dass sich das Thema Digitalwährungen erledigt hat, wenn „Libra“ in der geplanten Form verboten wird – und deshalb nichts geschehen muss.

Sie sehen das anders: Der Bankenverband fordert nun den digitalen Euro.

Aus zwei Gründen: Erstens geht es um die Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie. Nehmen Sie die sogenannten Smart Contracts der Industrie 4.0, also Verträge, die ohne menschliches Zutun bei der Erfüllung bestimmter Voraussetzungen in Kraft treten. Wenn solche Entscheidungen automatisiert werden, braucht es auch einen entsprechenden Zahlungsverkehr.

Und was spricht noch für den E-Euro?

Wir müssen unsere technologische und geldpolitische Souveränität sichern. Was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert – also auch Geld. Und wenn wir es nicht machen, tun es andere. Wir sollten aber anderen nicht schon wieder das Setzen von Standards überlassen. Das Beispiel des chinesischen Netzausrüsters Huawei zeigt, in welche Diskussionen wir dann geraten. Einen digitalen Renminbi wird es bald geben. China droht also wieder voranzugehen. Deshalb geht es beim digitalen Euro auch um die Frage, ob wir dieses Thema überhaupt hinbekommen.

„Wir“ heißt für Sie Europa, oder?

Es wäre naiv zu glauben, dass Deutschland allein über ein so großes Thema entscheiden kann. Alle zentralen Fragen müssen europäisch beantwortet werden – von der Regulierung bis zur technologischen Infrastruktur.

Haben Sie denn schon mit der designierten Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen über den E-Euro gesprochen?

Das Thema wird bei ihr und den zuständigen Kommissaren sehr bald auf dem Schreibtisch liegen, da bin ich mir sicher.

Klingt nicht nach raschen Beschlüssen.

Entscheidend ist, dass wir möglichst schnell eine Kooperation aller Beteiligten – von der Europäischen Zentralbank über die Geschäftsbanken bis hin zur Politik – hinbekommen, damit es einen gemeinsamen Blick auf das Thema gibt. Und dann muss zügig entschieden werden. Die europäische Zahlungsverkehrsrichtlinie hat von der Idee bis zur Umsetzung fast acht Jahre gedauert. Wenn wir uns wieder so viel Zeit nehmen, verspielen wir unsere Wettbewerbsfähigkeit.

Apropos Zukunft: Fürchten Sie nicht, dass in einer Welt digitaler Währungen auch Banken überflüssig werden?

Das glaube ich nicht. So wie es weiter Zentralbanken als geldpolitische Wächter geben wird, braucht es auch weiterhin Geschäftsbanken, die ihrer Aufgabe als Intermediäre nachkommen. Aber wir müssen uns natürlich anstrengen: Für die Frage, ob die Geschäftsmodelle der Banken überleben, ist die entschlossene Digitalisierung viel wichtiger als die Dauer der aktuellen Niedrigzinsphase.

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