Zitat Jäger

„Nachhaltigkeit ist kein Nischenthema mehr“

Torsten Jäger, Leiter Nachhaltigkeit beim Bankenverband, im Redaktionsgespräch mit der „Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen“ vom 16. Februar 2021.

Herr Jäger, Deutschland hat das eigentlich schon abgeschriebene Klimaziel 2020 nun doch geschafft. Wenn man der Corona-Pandemie etwas Positives abgewinnen wollte, wäre das ein Punkt?

Mir fällt es schwer, der Corona-Pandemie etwas Gutes abzugewinnen - dazu sind die Folgen, für Gesellschaft wie Wirtschaft, viel zu gravierend. Aber Sie haben recht, 2020 sind die Treibhausgasemissionen zurückgegangen. Nur wurden die Klimaziele vor allem deshalb geschafft, weil wir das öffentliche Leben weitestgehend heruntergefahren haben. Nach einer dauerhaften und nachhaltigen Lösung sieht das für mich nicht aus.

Was müssen Ihrer Meinung nach die nächsten Schritte sein?

Aus meiner Sicht müssen wir die begonnene Entwicklung nachhaltig werden lassen: Am Anfang der Pandemie war fraglich, ob mehr Klimaschutz und damit auch die positiven Entwicklungen bei Sustainable Finance durch die Corona-Krise ausgebremst beziehungsweise aufgeschoben würde. Diese Debatte hat sich zum Glück schnell gelegt. Denn der Klimawandel lässt keine Zeit. Und mein Eindruck ist, dass das von der Politik und auch von großen Teilen der Wirtschaft so gesehen wird. Die EU hat inmitten der Pandemie die eigenen Klimaziele nochmals erhöht. Ein wichtiges Signal, wie ich finde.

Corona bietet die Chance, die Wirtschaft neu und nachhaltig auszurichten - das Aufbauprogramm der EU geht genau in diese Richtung. Im Kleineren wird auch der technologische Wandel bleiben. Dazu ein Beispiel: Ich gehe davon aus, dass Geschäftsreisen zwar nach Corona wieder stattfinden werden, aber nicht in dem Maß wie zuvor. Präsenzsitzungen werden vielfach über Videokonferenzen abgehalten. Corona hat gezeigt, was geht, aber auch was nicht so gut geht.

Ist Deutschland eher Bremser oder eher Motor einer europäischen klimafreundlichen Finanzpolitik?

Selbsterklärtes Ziel der Bundesregierung ist es, Deutschland zum führenden Sustainable-Finance-Standort auszubauen. Und das ist gut so. Die Messlatte liegt hoch, aber der Wille ist da, das Thema voranzutreiben. Auf europäischer Ebene unterstützt die Bundesregierung die Initiativen der EU-Kommission. Gleichzeitig nehme ich vermehrt wahr, dass in der deutschen Wirtschaft die Sorge vor zu viel Bürokratie und hohen Belastungen steigt. Einerseits müssen diese Sorgen ernst genommen werden, andererseits wollen und müssen die zahlreichen Sustainable-Finance-lnitiativen voranschreiten.

Der Klimawandel bleibt ein Thema, dass uns alle weiterhin beschäftigen wird. Für den Grünen-Politiker Sven Giegold „ist der Finanzsektor ein Gewinner einer strengen Klima- und Umweltpolitik". Würden Sie dem zustimmen?

Letztlich gewinnen wir alle, wenn die ambitionierten Ziele der EU zur Senkung der Treibhausgasemissionen erreicht werden. Nachhaltigkeit ist kein Nischenthema mehr und sehr viele Banken sehen nicht nur die Notwendigkeit, die Sustainable-Finance-Agenda zu unterstützen, sondern sie sehen vor allem auch die Chancen, die sich daraus ergeben.

Ich werbe bei unseren, den privaten Banken immer dafür, nicht nur auf das Mehr an Regulatorik, sondern auch auf das Mehr an Möglichkeiten zu schauen. Konkret: Mit Firmenkunden ergibt sich eine ganz andere Gesprächsbasis, wenn sie darüber sprechen, wie Geschäftsmodelle nachhaltig ausgerichtet werden können. Neue, nachhaltige Produkte verbreitern nicht nur die Kundenbasis, sie machen es auch für Bestandskunden interessant, neu über Geldanlage nachzudenken.

Trotz alledem darf aber natürlich nicht vergessen werden, dass die aus der Sustainable-Finance-Agenda abgeleitete Regulierung hohen Umsetzungs- und Anpassungsaufwand mit sich bringt. Viele, gerade kleinere Häuser kämpfen zurzeit ohnehin mit den Pandemie-Folgen. Da sind neue, zusätzliche Regulierungsvorhaben zunächst einmal die eine Zusatzbelastung zu viel. Hier wünsche ich mir, dass Aufseher und Prüfer das entsprechend berücksichtigen.

Welche Rolle können, welche Rolle müssen Banken beim Thema Sustainable Finance spielen?

Die privaten Banken haben sich im Herbst vergangenen Jahres dazu deutlich mit ihrem Papier „Sustainable Finance -
der Beitrag der privaten Banken
" positioniert. Die Banken spielen eine große Rolle bei der Bekämpfung des Klimawandels. Denn sie haben einen wichtigen Hebel in der Hand, indem sie die Transformation der Wirtschaft finanzieren. Und diesen Hebel wollen sie auch nutzen. Klar ist aber auch: Der Finanzsektor allein wird diese Mammutaufgabe nicht stemmen können. Transformieren muss sich die gesamte Wirtschaft und dazu bedarf es eines passenden Regulierungsrahmens und der richtigen Anreize.

Haben Sie den Eindruck, dass dieses wichtige Thema inzwischen in allen Bankvorständen angekommen ist?

Ja, bei uns ist das auf jeden Fall so. Da haben sicherlich auch Regulierungsvorgaben, wie etwa das BaFin-Merkblatt, ihren Teil zu beigetragen. Die Zeiten sind meiner Ansicht nach vorbei, wo so mancher glaubte, dass das Thema wieder verschwindet - das wäre auch keine aussichtsreiche Strategie. Ein Institut nachhaltig auszurichten braucht auch einen starken Rückhalt durch die oberste Führungsriege.

Allerdings ist doch der Begriff „Sustainable Finance" leider immer noch etwas vage formuliert, sodass darunter Unterschiedliches verstanden werden kann. Ist das ein Hindernis auf dem Weg zu mehr Klimaschutz?

Es wird doch immer konkreter. So finde ich es gut und richtig, dass der Finanzsektor die drei großen Buchstaben ESG, also Environment, Social und Governance, immer stärker bei seinen Aktivitäten berücksichtigt. Die Richtung stimmt. Sicher sehen wir in der aktuellen Regulierung nach wie vor Inkonsistenzen und eine stärkere Harmonisierung gerade auf internationaler Ebene wäre sehr zu begrüßen. Doch Sustainable Finance ist ja immer noch eine recht junge Disziplin. In vielen Bereichen gibt es nach wie vor noch mehr Fragen als Antworten. Hier müssen sich Standards und gute Lösungen vielfach erst noch entwickeln. Gleichzeitig sollte man nicht versuchen, alles bis ins letzte Detail zu regeln. Ohne „trial and error" wird es am Anfang nicht gehen. Auch eine schlanke Lösung kann gut und wirksam sein.

Gleichzeitig steigen auch die regulatorischen Anforderungen durch die ESG-Ziele weiter. Sehen Sie darin eine Gefahr?

Die EU hat mit dem Sustainable-Finance-Aktionsplan und den dahinter liegenden Initiativen die richtigen Weichen gestellt. Mit den Leitfäden von BaFin und EZB zu den ESG-Risiken wurden gute Impulse gegeben. Allerdings enthalten sie oft noch keine dezidierten Lösungen.

Um an guten Lösungen arbeiten zu können, brauchen unsere Banken nun Zeit. Sie wollen mehr „machen" als „verwalten". Die Regulierung sollte die Leitplanken setzen, aber gleichzeitig Luft zum Atmen lassen. Dieses Jahr kommen sehr umfassende Vorschläge zur Offenlegung auf uns zu. Hier muss man sicher sehr genau hinterfragen, welche Informationen für welchen Adressaten als Information notwendig sind.

Ihr Verband spricht sich recht deutlich für eine pauschale Absenkung der Eigenkapitalanforderungen für nachhaltige Finanzierungen aus. Das ist nicht unumstritten. Warum ist es trotzdem der richtige Weg?

Wir brauchen das klare und starke Signalaus der Politik, dass nachhaltiger finanziert werden soll - das wirkt in die Realwirtschaft und in die Bank hinein. Wenn im Kreditrisikostandardansatz die Kapitalanforderungen für solche Finanzierungen pauschal reduziert werden, erhöht sich der Finanzierungsspielraum der Banken. Die Rentabilität von Investitionen verbessert sich und die massiven Folgen von „Basel IV" werden gemildert. Wenn man den Umbau der Wirtschaft über den Finanzsektor beschleunigen will, braucht man mutige Entscheidungen. Eigenkapitalanforderungen pauschal zu senken, wäre ein Beispiel dafür. „Wasch mich, aber mach mich nicht nass", ist aus meiner Sicht nicht zielführend. Und mit der Position stehen wir als deutsche Banken ja nicht allein; Anreizsetzung durch niedrigere Eigenkapitalanforderungen ist zum Beispiel auch eine Forderung des Europäischen Bankenverbandes EBF - nur die Implementierungswege unterscheiden sich.

Ist eine globale Regulierung in diesem Bereich vorstellbar angesichts der stark unterschiedlichen Positionen einzelner Länder? Nur eine solche würde aber doch wirklich helfen, oder?

Ich bin froh, dass wir seit dem 20. Januar eine amerikanische Regierung haben, für die der Kampf gegen den Klimawandel wieder wichtig ist. Mit einem seiner ersten offiziellen Tweets als Präsident hat Joe Biden verkündet, dass das Pariser Klimaschutzabkommen für die USA wieder in Kraft ist. Deshalb nehmen die Diskussionen auf internationaler Ebene, im FSB oder im Baseler Ausschuss, jetzt auch wieder Fahrt auf. Globale Banken brauchen globale Regeln und keinen Flickenteppich. Europa hat sich bei Nachhaltigkeit gut und frühzeitig positioniert. Jetzt muss es darum gehen, möglichst weltweit Konvergenz zu schaffen, zum Beispiel im Bereich der nichtfinanziellen Berichterstattung.

Der Finanzsektor wird es trotz seiner zentralen Rolle nicht allein richten können: Welche Unterstützung vonseiten der Bundesregierung würden Sie sich noch wünschen?

Wichtig sind zunächst Anreize: Die Banken sind bei der Transformation wichtig, keine Frage. Unternehmen ändern sich aber nicht, weil die Bank das will, sondern wenn dahinter ein attraktives Geschäftsmodell steckt. Wenn eine C02-arme Wirtschaftsweise profitabler ist, wird sich das Rad der Innovationen schnell drehen. Genau da setzen der C02-Preis als Lenkungsmechanismus und das Europäische Emissionshandelssystem an. 

Zudem braucht die Wirtschaft Planungssicherheit: Wo will die Bundesregierung verlässlich in den einzelnen Sektoren in den nächsten 30 Jahren hin? Hier sollten Klimapfade klar definiert werden.

Und: Viele neue Technologien werden sich nicht von allein rechnen, mitunter ist das Risiko zu hoch oder schlecht kalkulierbar. Da kann der Staat mit Investitionen und Investitionsförderung ansetzen, durch Förderprogramme, Garantien oder auch Subventionen.

Gleichzeitig fehlen den finanzierenden Banken an vielen Stellen noch verlässliche, vergleichbare und aussagekräftige Daten aus der Wirtschaft. Wie kann dieses Problem behoben werden?

Wenn Sie über Sustainable Finance sprechen, kommen Sie immer, wirklich immer auf die Problematik fehlender oder
schlechter Daten. Im ersten Schritt muss also erst einmal festgelegt werden, was überhaupt sinnvolle und brauchbare Daten für welchen Zweck sind. Selbst da hapert es noch, aus meiner Sicht ist das Zielbild noch nicht komplett. Wir sollten mit einem einfachen, klar definierten Set an Daten und Kennzahlen beginnen. Sicher kann es nicht Ziel sein, dass jedes kleine Unternehmen zukünftig umfangreiche Nachhaltigkeitsberichte erstellt.

Eine gute Idee ist es aber, auf EU-Ebene ein zentrales Datenregister zu schaffen, in dem Nachhaltigkeitsinformationen gesammelt werden. Das würde zu einer gewissen Standardisierung führen und helfen, dass Kunden nicht bei jeder Bank unterschiedliche Informationen bereitstellen müssen.

Welches sind aus Ihrer Sicht die nächsten wichtigen EU-Initiativen zu Sustainable Finance?

Ein Meilenstein wird die neue Sustainable-Finance-Strategie der EU-Kommission sein, die wahrscheinlich im zweiten
Quartal veröffentlicht und die Weichen für die nächsten Jahre stellen wird. In diesem Jahr steht die Überarbeitung der Non-Financial Disclosure Directive und die restlichen vier Umweltziele bei der Taxonomie auf dem Programm - um zwei große Blöcke zu nennen. Bezüglich des Risikomanagements und der Eigenkapitalunterlegung haben wir vor allem die Überarbeitung der CRR und der CRD mit Interesse im Blick. Und schlussendlich wird es spannend zu sehen, was die Europäische Bankenaufsicht EBA beim Thema ESG-Risiken zu Papier bringen wird.

Die Fragen stellte Philipp Otto.

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