Krautscheid: Die Wirtschaft braucht endlich Klarheit

Brexit – die Wirtschaft braucht endlich Klarheit

Gastbeitrag im Weser Kurier vom 1. August 2018

Der Brexit ist zum Sommertheater geworden. Und zwar eher als Tragödie denn als Komödie. Die Kapriolen der britischen Politik mit Ministerrücktritten und chaotischen Szenen im Parlament lösen Kopfschütteln aus. Ein Stück wie aus der Feder von William Shakespeare. Ausgang offen. Denn immer deutlicher wird, wie unvorbereitet die Briten den Brexit angegangen sind. Dabei steht viel auf dem Spiel. Bereits im März des nächsten Jahres werden die Briten die Europäische Union verlassen. Ob es danach zu einer Übergangsphase kommen wird, ist weiterhin offen. Aus Sicht der Wirtschaft wäre solch eine Verlängerung zwingend erforderlich, denn wichtige Fragen sind immer noch ungeklärt. Unabhängig von den großen Knackpunkten wie der irisch-nordirischen Grenze stellt sich für viele Unternehmen immer dringender die grundsätzliche Frage, wie der EU-Austritt Großbritanniens problemlos überstanden werden kann. Die Wirtschaft braucht endlich Klarheit. Verträge müssen angepasst und Kapazitäten neu geplant werden. Und weil bisher so wenig erreicht wurde, geht es mittlerweile nicht mehr darum, das Beste zu bekommen, sondern das Schlimmste zu verhindern.

Die Banken sind massiv betroffen, droht doch mit dem Brexit die Nabelschnur zum wichtigsten europäischen Finanzplatz zu reißen. Schon jetzt ist klar: Einen Gewinner wird es durch den Brexit nicht geben. Geschäfte mit Großbritannien werden teurer und umständlicher. Banken nutzen den Brexit, um Kapazitäten in London abzubauen und Geschäfte wieder in ihre Heimatmärkte zu verlagern – nach New York, Hongkong oder Singapur. Nicht nur Großbritannien, auch der Finanzplatz Europa könnte somit an Bedeutung verlieren.

Dass sich die jüngsten Vorschläge der britischen Regierung auf Waren konzentrieren und für Dienstleistungen aus dem Finanzsektor nur einen sehr beschränkten Marktzugang vorsehen, trifft vor allem Banken mit Sitz im Vereinigten Königreich. Verlagerungen von Finanzdienstleistungen in die EU dürften die Folge sein. Deutschland steht dabei im Wettbewerb zu anderen Finanzplätzen: Es geht um Arbeitsplätze und Steuereinnahmen. Die Bundesregierung sollte diese Chance nutzen und sich jetzt schnell und nachdrücklich für den Finanzplatz Frankfurt einsetzen. Entsprechende Maßnahmen wurden bereits im Koalitionsvertrag angekündigt. Sie betreffen insbesondere Erleichterungen beim Kündigungsschutz von Hochverdienern und die Überprüfung der Regulierung. Handelt die Regierung entschlossen, so könnte aus dem großen Drama zumindest für den deutschen Finanzplatz ein kleines Happy End erwachsen.

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