Krautscheid: Unsinnigste Entscheidung der letzten 100 Jahre

Juli 2018

Interview mit Hauptgeschäftsführer Andreas Krautscheid in „die bank“

Geschäfte mit Großbritannien werden teurer und umständlicher. Seit dem 23. Juni 2016 gehört der Brexit auch für den Bundesverband deutscher Banken zu den Top-Themen. Regelmäßig reist Hauptgeschäftsführer Andreas Krautscheid nach London oder empfängt Besucher aus der City in Berlin. Auch wenn der Verband seinen Mitgliedern empfiehlt, sich auf einen harten Brexit einzustellen, hofft der 57-Jährige auf eine Übergangszeit bis 2020, in der im Wesentlichen alles beim Alten bleibt. Auf der Tagesordnung ganz oben steht auch das Thema Euro-Clearing. Sollte das Euro-Clearing in London künftig nicht von EU-Behörden beaufsichtigt werden können und nach Kontinentaleuropa abgezogen werden müssen, setzt der Verbandschef auf eine starke Unterstützung der Bundesregierung. Nachdem Frankfurt Ende 2017 das Rennen um die Europäische Bankenaufsicht gegen Paris verloren hatte, hofft der Verband diesmal auf den Zuschlag für die Mainmetropole.

diebank: Seit dem Brexit-Votum der Briten im Juni 2016 reisen Sie sehr regelmäßig nach UK. Wie beurteilen Sie aktuell die Stimmung in der Londoner City?

Andreas Krautscheid: Die Stimmung schwankt zwischen alarmiert, besorgt und frustriert. Bei vielen fällt das Pfund centweise. Manch einer in der britischen Politik hatte bei der Abstimmung keinerlei Plan, was solch ein Votum für die Banken, die Industrie und den Wirtschaftsstandort als Ganzes bedeuten könnte. Aus meiner Sicht ist diese Entscheidung die unsinnigste, die die britische Politik in den letzten 100 Jahren getroffen hat. Einen Exit vom Brexit wird es jetzt aber nicht mehr geben.

diebank: Noch laufen die Austrittsverhandlungen. Welches Szenario halten Sie für am wahrscheinlichsten?

Krautscheid: Wir empfehlen unseren Mitgliedern ganz klar: Stellt Euch auf einen harten Brexit ein. Auch wenn es derzeit danach aussieht, dass es eine Übergangsphase geben könnte, gibt es hierzu erst Gewissheit, wenn das Austrittsabkommen als Ganzes steht. Die Übergangsperiode könnte bis Ende 2020 laufen und würde bedeuten, dass das Vereinigte Königreich bis dahin wie ein Mitglied der Europäischen Union mit allen Rechten und Pflichten behandelt wird, allerdings ohne Stimmrecht. Für die europäische und britische Wirtschaft hätte dies den Vorteil, dass Geschäfte im bisherigen Rechtsrahmen sicher abgewickelt werden können. Zudem wäre der Marktzugang zu Ländern der EU weiterhin möglich. Von den Details der Austrittsvereinbarung wird maßgeblich abhängen, wie stark die Bedeutung Londons kurzfristig sinkt und wie andere internationale Finanzplätze davon profitieren werden.

diebank: So hätte man zumindest etwas Zeit gewonnen. Welches Szenario wäre aus Sicht des Bankenverbands nach 2020 für Ihre Mitglieder am vorteilhaftesten? Abgesehen davon, dass Sie natürlich am liebsten alles beim Alten belassen würden.

Krautscheid: Die Passporting-Regel, die allen Seiten gleiche Rechte und Pflichten auferlegt hat, war natürlich ideal. Die zweitbeste Lösung wäre ein Handelsabkommen, das die Finanzdienstleistungen einschließt. Dagegen gibt es kritische Stimmen aufseiten der EU. Wenn das nicht klappt, würden die WTO-Regeln gelten, und wir würden mit UK genauso Geschäfte machen wie mit den USA. Hier kommt das Äquivalenzsystem ins Spiel, das für bestimmte Finanzprodukte den gegenseitigen Marktzugang ermöglicht – sofern in der EU und UK weiterhin die gleichen Regulierungsstandards gelten. Aber selbst wenn man gute Regelungen findet, steht fest: Das Geschäft wird teurer und umständlicher. So gut wie es heute läuft, wird es nicht mehr funktionieren. Denn das Geschäft aus UK mit Kunden, die IT oder auch die Dokumentation werden ja nicht eins zu eins von London an einen anderen Standort verlagert, sondern nach Frankfurt, Paris, Amsterdam, Dublin, Luxemburg, also an verschiedene Plätze. Die Märkte werden fragmentierter.

diebank: Noch ist London der unbestritten wichtigste Finanzplatz in Europa. Wie stark wird dessen Bedeutung mittelfristig
abnehmen?


Krautscheid: Die City wird einen überschaubaren Teil des Geschäfts verlieren. Wobei viele Banken den Brexit zum Anlass nehmen, um ihre Verschlankungsprozesse zu beschleunigen. Ein US Bankchef hat es mir gegenüber kürzlich so auf den Punkt gebracht: Einer von drei betroffenen Bankern geht aus London zurück nach New York, einer geht auf den Kontinent und einer nach Hause. Die britische Finanzindustrie bleibt aber natürlich auch nach dem Brexit eine gewichtige Größe. Selbst wenn internationale Banken Kapazitäten an andere Standorte verlagern, etwa nach Frankfurt.

diebank: Auch wenn keiner heute genau sagen kann, wie viele Arbeitsplätze letztlich nach Frankfurt verlagert werden und ob Paris gegebenenfalls Frankfurt den Rang abläuft, steht fest, dass die Mainmetropole auf jeden Fall von Umzügen profitieren wird. Was bedeutet das für die Position und die Positionierung des Bankenverbands?

Krautscheid: Der Bankenverband hat unmittelbar nach dem Votum eine Task Force gebildet. Seitdem kommt es zu regelmäßigen Besuchen in London und auch aus London. Wir engagieren uns auf Berliner und Brüsseler Ebene, wo wir uns mit den Verhandlungsführern austauschen und auch eine Veranstaltungsreihe zum Brexit gestartet haben. Wir bauen zudem unsere Aktivitäten – vor allem für ausländische Banken – in Frankfurt aus, indem wir neue Gremien aufbauen, in bestehende Gremien Vertreter ausländischer Banken stärker einbinden und zudem neue Formate aufsetzen. Die internationalen Banken, die Geschäft verlagern, kommen ja nicht nur mit mehr Mitarbeitern. Sie kommen auch mit anderen Themen und Bedürfnissen, etwa zu Regulatorik und politischer Unterstützung. Hier ist der Bankenverband der erste Ansprechpartner.

diebank: Könnte sich die stärkere Präsenz der Auslandsbanken auch auf die Besetzung des Vorstands des Bankenverbands
auswirken?


Krautscheid: Das werden unsere Mitglieder entscheiden. Derzeit sind zwei von zehn Sitzen so besetzt: Mit Dorothee Blessing, die bei JP Morgan das Geschäft in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Irland, Israel und der nordischen Region verantwortet,und Nick Jue, dem Vorstandsvorsitzenden der ING-Diba AG, sind zwei Vertreter ausländischer Banken in unserem Vorstand.

diebank: Was kann Frankfurt den Auslandsbanken bieten?

Krautscheid: Der Standort bietet exzellente bankspezifische Rahmenbedingungen mit seinem dichten Netz an Finanzdienstleistern wie Steuerberatern, IT-Fachleuten, Wirtschaftsprüfern. Zudem sitzt dort die EZB. BaFin und Bundesbank haben nicht den Fehler gemacht, die ausländischen Institute irgendwie mit Versprechungen zu ködern. Von Anfang an war klar, dass es strenge und klare Rahmenbedingungen gibt. Das macht den Prozess verlässlich und planbar. Klar ist: Es reicht nicht, nur einen Briefkasten aufzuhängen.

diebank: Weniger glücklich sind die Auslandsbanken, nicht erst seit dem Brexit, mit dem rigiden Kündigungsschutz in Deutschland. Im Koalitionsvertrag gibt es einen Passus, wonach dieser für bestimmte Gruppen von Angestellten gelockert werden soll. Wenn diese Absicht tatsächlich umgesetzt wird, käme das Signal dann nicht viel zu spät? Gesetzgebungsverfahren dauern in Deutschland ja eher lang.

Krautscheid: Dass die Lockerung des Kündigungsschutzes für Risikoträger in den Koalitionsvertrag aufgenommen wurde, war schon ein erstes, starkes Brexit-Signal und ein erfreulicher Erfolg für unsere Bemühungen. Eine Änderung im Arbeitsrecht ist schließlich nicht ohne. Jetzt arbeiten die zuständigen Ministerien an einem Gesetzentwurf. Ich hoffe, dass dieser noch vor der Sommerpause ins Bundeskabinett geht und in der zweiten Jahreshälfte in Kraft treten kann.

diebank: Wenn Sie einen Brexit-Wunsch frei hätten...

Krautscheid: Die Entscheidung zum künftigen Sitz der Europäischen Bankenaufsicht (EBA), die nicht wie von uns erhofft nach Frankfurt, sondern nach Paris geht, hat die Bundesregierung in einer wenig handlungsfähigen Situation erwischt. Wenn es jetzt darum geht, wo das Euro-Clearing im Fall einer Verlagerung aus London auf den Kontinent künftig angesiedelt wird, würden wir uns von der Bundesregierung einen starken Einsatz für den Standort Frankfurt wünschen.

diebank: Herr Krautscheid, vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Eli Hamacher.

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