Ossig: Bewältigung der Datenflut erfordert europäische Lösung

Bewältigung der Datenflut erfordert europäische Lösung

Gastbeitrag von Christian Ossig und Silvia Schütte in der Börsen-Zeitung vom 26. Januar 2019

Im Dezember letzten Jahres wurde zwischen der EU-Kommission, dem Rat und dem Europäischen Parlament eine politische Einigung über das sogenannte Risikoreduzierungspaket erzielt. Die letzten technischen Details befinden sich in der Abstimmung, so dass dieses für die europäische Bankenregulierung extrem wichtige Gesetzespaket noch vor den Wahlen zum Europäischen Parlament verabschiedet werden kann.

Fast revolutionärer Vorschlag

Nahezu unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit wurde im Rahmen dieses Gesetzespaketes ein fast revolutionärer Vorschlag des Wirtschafts- und Währungsausschusses (ECON) zur Vereinfachung und Vereinheitlichung des bankaufsichtlichen Meldewesens verhandelt. Der ECON hat die Entwicklung eines konsistenten und ganzheitlichen Systems zur Sammlung statistischer und bankaufsichtlicher Daten vorgeschlagen. Herzstück dieses europaweiten Systems wäre eine Datensammelstelle, bei der alle notwendigen statistischen und bankaufsichtlichen Daten in der erforderlichen Granularität und Frequenz hinterlegt sind.

Die Datensammelstelle wäre zuständig für die zentrale Koordination und sie wäre Anlaufpunkt für die zuständigen Behörden, sobald diese eine Datenabfrage starten. Zugleich würde sie aber auch als Kontaktpunkt für die beaufsichtigten Institute fungieren und sowohl statistische als auch aufsichtliche Datenabfragen der Behörden an die Institute weiterleiten. Die einzelnen Datenabfragen sollen mit dem zu schaffenden Datenpool abgeglichen und idealerweise aus diesem Pool heraus bedient werden. Darüber hinaus würde die Datensammelstelle auch den Informations- und Datenaustausch zwischen den zuständigen Behörden koordinieren.

Der Vorschlag ergibt viel Sinn, ist doch das Thema "Meldewesen", so staubtrocken es auf den ersten Blick auch anmutet, in den letzten Jahren zu einem immensen Kostentreiber für die Kreditinstitute geworden.

Hintergrund: Seit der Finanzkrise beobachten wir ein exponentielles Anwachsen der Datenanforderungen. In nicht wenigen Banken hat sich die Anzahl der Mitarbeiter im Meldewesen binnen Zehnjahresfrist verdoppelt. Rund die Hälfte der Gesamtkosten für die Software-Nutzung entfällt auf das bankaufsichtliche Meldewesen. Im Zuge der seit 2014 neu geordneten europäischen Aufsichtsstruktur hat sich obendrein der Eindruck verstärkt, dass die Datenabfragen der nationalen und europäischen Behörden relativ unkoordiniert erfolgen - dies wiederum führt zu einem immensen Aufwand für die Validierung und Abstimmung der Zahlen. Nach einer öffentlichen Umfrage der EU-Kommission, die von Dezember 2017 bis März 2018 durchgeführt wurde, halten 59 % der Umfrageteilnehmer das gegenwärtige System des bankaufsichtlichen Meldewesens für ziemlich ineffizient: ein unhaltbarer Zustand angesichts der Tatsache, dass auch in der Zukunft mit weiteren bzw. zusätzlichen Datenabfragen zu rechnen ist. Die privaten Banken sprechen sich seit langem für eine stärkere Verzahnung der einzelnen Meldeanforderungen und eine bessere Zusammenarbeit der datenabfragenden Behörden aus.

Kompromiss gefunden

Bereits während der Verhandlungen zeichnete sich ab, dass der Vorschlag des Europäischen Parlaments nicht in Gänze von Kommission und Rat unterstützt wird. Der inzwischen verabschiedete Regelungstext verpflichtet die Europäische Bankenaufsicht (EBA) lediglich dazu, innerhalb von zwölf Monaten nach Inkrafttreten der Kapitaladäquanzverordnung (CRR) einen Bericht über die Machbarkeit eines integrierten Meldesystems für die Europäische Kommission zu verfassen. Der Bericht soll mindestens einen Überblick über Volumen und Anwendungsbereich der aktuell von den zuständigen Behörden erhobenen Daten enthalten und verschiedene Maßnahmen untersuchen, wie eine zentrale Datensammelstelle etabliert und die Meldebelastung reduziert werden kann. Zu diesen Maßnahmen zählen die Herausgabe eines "Standard-Wörterbuchs" mit einheitlichen Definitionen für sämtliche Datenpunkte, die Gründung eines Joint Committees der zuständigen Behörden - im Minimum EBA und das Europäische System der Zentralbanken (ESZB) -, welches sich um die Schaffung eines zentralen Datensammelpunktes kümmern soll, und die mögliche Ausgestaltung eines solchen Datensammelpunktes. Nach Vorlage dieses Berichts hat die Kommission ein weiteres Jahr Zeit, um einen entsprechenden Gesetzesvorschlag zur Etablierung einer Datensammelstelle auf den Weg zu bringen - soweit dies der Kommission sinnvoll erscheint. In die Erstellung des Berichts sollen die zuständigen Behörden, das heißt im Wesentlichen die Zentralbanken und darüber hinaus die Einlagensicherungs- und Abwicklungsanstalten, eng eingebunden werden.

Eine enge Zusammenarbeit mit der Europäischen Zentralbank erscheint in jedem Falle sinnvoll. Unabhängig von den Brüsseler Beschlüssen zum Risikoreduzierungspaket und mit Fokus auf die in ihrem Kompetenzbereich angesiedelten bankstatistischen Meldungen hat das Europäische System der Zentralbanken (ESZB) bereits das Projekt "Integrated Reporting Framework" (IReF) gestartet.

Verschiedene Zuständigkeiten

Dieses Projekt legt das Hauptaugenmerk auf die bankstatistischen Meldungen und verfolgt das Ziel, die bestehenden statistischen Meldeanforderungen für Banken im Euroraum soweit wie möglich in einem einzigen standardisierten Melderahmen zusammenzuführen und die Datenerhebung und -erfassung zu harmonisieren. Im Laufe dieses Jahres soll hierzu eine detaillierte Kosten-Nutzen-Analyse durchgeführt werden.

Dieses Beispiel offenbart eine wesentliche Herausforderung bei der Reduzierung von Datenanforderungen: Die Zuständigkeiten für bankstatistische Meldungen auf der einen Seite und bankaufsichtliche Meldungen auf der anderen Seite sind verschiedenen Behörden zugeordnet. Während sich die EBA als zentraler Regelsetzer um die aufsichtlichen Belange kümmert, fällt das statistische Reporting, das in engem Zusammenhang mit der Geldpolitik steht, aktuell in den Aufgabenbereich der EZB. Darüber hinaus haben auch die nationalen Aufsichtsbehörden die Möglichkeit, zusätzliche Daten abzufordern.

Nebeneinander vermeiden

Aus Sicht der Kreditwirtschaft sind sämtliche Vorhaben zu begrüßen, die die aus den Meldepflichten hervorgehenden Belastungen dauerhaft reduzieren. Grundvoraussetzung für das Gelingen ist jedoch, dass alle relevanten Behörden tatsächlich wirkungsvoll zusammenarbeiten. Aus praktischen Erwägungen heraus scheint es zwar vernünftig, den Aufbau eines integrierten Meldesystems mit wenigen Meldungen zu starten und step by step weitere Meldeanforderungen aufzunehmen.

Vermieden werden sollte jedoch ein dauerhaftes Nebeneinander verschiedener Projekte der einzelnen Behörden. Durch die Zusammenfassung von aufsichtsrechtlichen und statistischen Daten unter einem Dach könnten weitere Synergien gehoben werden. Zumindest langfristig sollten daher die Projekte zwingend miteinander verzahnt werden, so dass eine einheitliche und von allen akzeptierte Datensammelstelle entstehen kann.

Ambitioniertes Projekt

Klar ist, dass es sich beim Aufbau eines zentralen Datenpools um ein äußerst ambitioniertes Projekt handelt, das erhebliche Anstrengungen von allen Beteiligten, auch von den betroffenen Instituten selbst, erfordert. Insofern ist es nachvollziehbar, dass Rat und Kommission das Vorhaben in gewisser Weise "entschleunigt" und eine gründliche Voranalyse vorgeschaltet haben. Viele Fragen, vom organisatorischen Unterbau der Datensammelstelle über ihre Finanzierung bis hin zur Verteilung von Kompetenzen, müssen geklärt werden. Der kürzlich beschlossene Kompromiss bietet Gelegenheit, solche Fragen im Rahmen der Machbarkeitsstudie zu diskutieren.

Die Kreditinstitute erwarten perspektivisch spürbare Meldeerleichterungen und damit eine signifikante Kostenreduzierung. Das Europäische System der Zentralbanken (ESZB), die Europäische Bankenaufsichtsbehörde (EBA) und die Europäische Abwicklungsbehörde (Single Resolution Board) sollten sich zu einem einheitlichen System und zu einheitlichen Definitionen der Datenanforderungen bekennen. Wir benötigen eine verbindliche "Meldestrategie"; Planbarkeit und Verlässlichkeit sind hierbei zentrale Kriterien. Unter welchem rechtlichen Dach auch immer: Um die Datenflut nicht noch weiter ausufern zu lassen, ist eine europäische Lösung dringend erforderlich!

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