Ossig zum Finanzbinnenmarkt

Christian Ossig, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes, im Gespräch mit der Börsenzeitung zum Papier des Bankenverbandes „Advancing a single European banking market” vom 22. Dezember 2020.

Eine stärkere Integration des EU-Finanzbinnenmarktes könnte Kostenvorteile von langfristig rund 95 Mrd. Euro pro Jahr im europäischen Bankensektor zur Folge haben. Dies ist das Ergebnis von Berechnungen der dänischen Wirtschaftsberatungsgesellschaft Copenhagen Economics im Auftrag des Bundesverbands deutscher Banken (BdB). Die potenziellen langfristigen Vorteile eines einheitlichen Bankenmarktes in Europa entsprächen damit einem Rückgang der Kosten für Finanzdienstleistungen um rund 12%, heißt es in der neuen Studie. Die Nettozinsmargen würden in der EU um geschätzt 0,2 Prozentpunkte sinken.

Die Vorteile würden demnach aufgrund einer höheren Effizienz erzielt, aber auch durch die stärkere Verbreitung der erfolgreichsten Geschäftsmodelle innerhalb der EU. Dies würde „letztendlich eine Änderung der zugrundeliegenden Strukturen für die Gestaltung von Finanzprodukten in ganz Europa erfordern“, heißt es. Ein effizienterer und innovativerer europäischer Bankensektor bedeute dabei nicht nur einen stärkeren Kreditfluss für die Wirtschaft, sondern erhöhe auch die globale Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Banken.

BdB-Hauptgeschäftsführer Christian Ossig verwies im Gespräch mit der Börsen-Zeitung darauf, dass der Wettbewerb bei einer stärkeren Integration sehr intensiv wäre. „Wir gehen davon aus, dass die Banken Kostenersparnisse und freigesetztes Kapital mittel- bis langfristig an die Kunden weiterreichen“, sagte Ossig. Ein integrierter Finanzbinnenmarkt habe für Unternehmen wie Privatkunden auch den direkten Vorteil, dass sie aus einer größeren Palette an Finanzprodukten aus ganz Europa auswählen können. Dies gelte umso mehr, da durch die Digitalisierung die nationale Verankerung immer mehr an Bedeutung verliere.

Dass es bei einem stärkeren Integrationsprozess im Finanzbereich auch zu einem Konsolidierungsprozess kommt, hält Ossig für „unumgänglich“ und bezeichnet den europäischen Bankenmarkt als „overbanked“. Dennoch gebe es noch immer nicht genug Fusionen, sei es national oder grenzüberschreitend, und bislang auch nur wenige international wettbewerbsfähige Großbanken in
Europa. „Synergieeffekte heben und Kosten sparen sind aber nicht zu erreichen, wenn durch den Kauf einer Bank in einem anderen europäischen Land die administrativen Kosten der Gruppe steigen - weil es zusätzliche nationale Regeln zu beachten gibt oder Kapital und Liquidität auf Ebene der Tochter gebunden bleiben“, so der Hauptgeschäftsführer.

Ossig sprach sich in diesem Zusammenhang noch einmal eindringlich für die schnelle Einführung von grenzüberschreitenden Waivern aus. „Paneuropäische Bankgruppen sollten ihr Kapital und die Liquidität europaweit zentral steuern können“, forderte er. „Es kann doch nicht sein, dass wir mit dem SSM eine europäische Aufsicht und mit dem SRM einen europäischen Abwicklungsmechanismus haben, aber die beaufsichtigten Banken davon in ihrer Kapital- und Liquiditätssteuerung nicht profitieren.“ Bislang waren Waiver am Widerstand der sogenannten Host-Staaten gescheitert, wie etwa Luxemburg, die einen hohen Anteil an ausländischen Banken haben.

In der Studie wird darauf verwiesen, dass ein integrierter EU-Bankenmarkt eine bessere Verfügbarkeit von Krediten für Unternehmen und Verbraucher unabhängig von der Lage des Finanzsektors ihres Heimatlandes gewährleiste - was gerade in Krisen wie der derzeitigen Pandemie wichtig sei, die sehr heterogene Auswirkungen auf die EU-Staaten habe.

Andere Länder, andere Sitten

Als wesentliche Hindernisse für eine stärkere Integration sehen die Autoren zum einen die aktuelle Finanzmarktregulierung, in der Kapitalanforderungen ein grenzüberschreitendes Bankgeschäft bestraften und nicht erleichterten und grenzüberschreitende M&A-Prozesse mit hohen Compliance-Kosten verbunden seien. Zum anderen wirkten sich die unterschiedlichen Wettbewerbsbedingungen in den einzelnen EU-Ländern sowie die verschiedenen Regeln im Bereich der Digitalisierung integrationshemmend aus. Das Cross-Border Banking sei derzeit in jedem Land durch unterschiedliche „Know your Customer“-Standards begrenzt. Zudem unterscheiden sich das Design und die Eigenschaften von Bankprodukten zwischen den EU-Ländern - diese müssen immer an die länderspezifischen Bedingungen angepasst werden.

Ossig sprach sich dafür aus, die europäischen Regeln da zu harmonisieren, wo dies möglich sei - auch wenn dies bedeute, „auf die ein oder andere nationale Sonderlocke zu verzichten“. Kurzfristig sollten die EU-Länder aber insbesondere das sogenannte Goldplating vermeiden, bei dem die Staaten strenger bei neuen Gesetzen vorgehen als von Brüssel vorgesehen und eigentlich notwendig.

„Es ist noch ein weiter Weg zu einem einheitlichen Finanzbinnenmarkt, auch wenn wir im Rahmen der Bankenregulierung schon wichtige Schritte gemacht haben, etwa mit dem einheitlichen Aufsichtsmechanismus (SSM)“, betonte Ossig. „Aber es hilft ja nichts, nach halbem Weg der Strecke immer langsamer zu werden. Uns darf hier nicht die Puste ausgehen.“ Hoffnung macht Ossig
unter anderem der EU-Wiederaufbaufonds. Dieser sei auch eine Gelegenheit, auf nationaler Ebene Reformen anzugehen, um zum Beispiel eine europaweit vergleichbar schnelle Vollstreckbarkeit von Forderungen zu erreichen, sagt er.

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