Dr. Hans-Walter Peters, Präsident des Bankenverbandes und Sprecher der persönlich haftenden Gesellschafter der Privatbank Berenberg

Ansprache von Dr. Hans-Walter Peters zum Jahresempfang der Deutschen Bundesbank Hauptverwaltung Hamburg/Mecklenburg-Vorpommern/Schleswig-Holstein

5. Februar 2018

Es gilt das gesprochene Wort.

Lieber Herr Dombret, lieber Herr Bäcker,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

hoch über den Dächern Hamburgs kann man im Grunde gar nicht anders: Man muss über das Große und Ganze sprechen und den Blick etwas schweifen lassen – so wie auch Herr Dombret dies gerade eindrucksvoll getan hat. Er hat das Große und Ganze aus Sicht der Bundesbank geschildert; nun bin ich Ihnen die Perspektive der privaten Banken in Deutschland schuldig.

Wenn ich aus dem Panoramafenster herausschaue, wage ich die Prognose: Stürme und Gewitter sind nicht zu erwarten, Dauerregen auch nicht. Aber so heiter-freundlich, dass wir einen Sonnenschirm bräuchten, wird das Jahr 2018 für die Bankenbranche aller Voraussicht nach nicht werden.

MiFID II

Was also ist das Große und Ganze für die Banken in diesem Jahr? Lassen Sie mich es so sagen: Ehe wir uns wirklich mit den großen Dingen beschäftigen können – also vor allem mit der Frage: Wie können wir in diesem Jahr gemeinsam mit unseren Kunden wachsen? –, müssen wir erst mal ins Kleine abtauchen. Konkret heißt das: Wir müssen uns erst mal durch 20.000 endlose Seiten an Regulierungstexten durchgekämpft haben; durch 20.000 Seiten an Rechtsvorschriften und begleitenden Materialien. Einige von Ihnen wissen bereits, wovon ich spreche.

Es geht um ein gewaltiges Regelwerk, das Anfang dieses Jahres in Kraft getreten ist: um die Wertpapierdienstleistungsrichtlinie MiFID II. Die allermeisten von Ihnen werden es mitbekommen haben.

Was ist MiFID II? Die Richtlinie ist ein Paradebeispiel dafür, wie ein sinnvolles Vorhaben in eine falsche Richtung abdriften kann. Das Anliegen von MiFID II, die Rechte der Anleger zu stärken, mehr Transparenz bei Preisen und Anlageprodukten zu schaffen, ist eine gute Sache – ich kenne niemanden in den Banken, der dies anders sehen würde.

Leider beschränkt sich MiFID II aber nicht darauf, sinnvolle Dinge zu regeln. MiFID II reicht sehr viel weiter – und tritt das Prinzip der Verhältnismäßigkeit mit Füßen. Dabei geht es gar nicht so sehr um den zusätzlichen bürokratischen Aufwand für die Banken – um den geht es auch, aber nicht in erster Linie.

Es geht um etwas sehr Sensibles und zugleich Fundamentales: um die guten, vertrauensvollen Beziehungen zwischen Banken und Kunden, die durch das Richtlinienmonstrum MiFID II einem permanenten Stresstest unterzogen werden.

Meine Damen und Herren, vertrauensvolle Beziehungen und Stresstest – das sind zwei Behauptungen in einem Satz, die ich mit Zahlen und Fakten unterlegen möchte. Der Bankenverband hat kürzlich zum wiederholten Male eine repräsentative Umfrage in Auftrag gegeben. Das Ergebnis bestätigt den Trend der letzten Jahre: 88 Prozent jener Kunden, die Anlagegeschäfte tätigen, sind mit ihrem Berater in der Bank zufrieden oder sehr zufrieden – quer über alle Institutsgruppen hinweg.

Wir arbeiten daran, dass dies so bleibt oder noch besser wird – haben es aber nicht mehr ausschließlich in der eigenen Hand. Denn mit MiFID II wird sich vieles ändern: Die Dokumentationspflichten der Institute werden noch einmal erheblich ausgeweitet – und betreffen ausnahmslos alle Anleger: kleine wie große; private wie institutionelle; Anleger ohne Erfahrungsschatz und Anleger, die jeden Tag mehrfach ordern.

Seit Beginn des Jahres müssen die Institute nicht nur persönliche Gespräche in der Bankfiliale dokumentieren. Sie müssen zusätzlich auch jedes einzelne Telefonat aufzeichnen, das zu einem Wertpapiergeschäft führen könnte – ob der Kunde dies ablehnt oder nicht, spielt keine Rolle. Insgesamt haben die Aufzeichnungs- und Informationspflichten mit MiFID II ein Niveau erreicht, das von vielen Kunden als Bevormundung wahrgenommen werden muss.  

Dies ist leider nicht nur eine Vermutung, sondern bereits eine Erfahrung der ersten Wochen nach Inkrafttreten von MiFID II. Einige Kunden haben sich bereits bei unseren Häusern beschwert. Sie fühlen sich gestört durch die Informationsflut, die auf sie einströmt. Insbesondere die professionellen Anleger wollen auch mal in Ruhe gelassen und nicht fünfmal am Tag über Preise und Konditionen unterrichtet werden.

Vor allem eines verstehen die Anleger nicht: warum sie keine Verzichtsmöglichkeiten haben sollen. Mindestens an diesem Punkt sind Veränderungen aus unserer Sicht sinnvoll und notwendig. Es wird eine Folgenabschätzung durch die Europäische Kommission geben. Und wir setzen darauf, dass spätestens dann diese und andere Anliegen berücksichtigt werden. Bis dahin müssen wir gemeinsam mit unseren Kunden das Beste draus machen.

Meine Damen und Herren, wir sehen also: Gerade das, was zunächst sehr kleinteilig rüberkommt, kann enorme Auswirkungen auf die Branche und auf das Kunden-Bank-Verhältnis haben. Ich möchte nun aber das Dickicht von 20.000 Regulierungsseiten verlassen und mich in aller Kürze einem weiteren Thema zuwenden, das die privaten Banken in diesem Jahr besonders beschäftigen wird – womit ich dann schon eher beim Großen und Ganzen wäre.

EZB-Geldpolitik

Und dieses Große und Ganze hat hier an diesem Ort – mit der Deutschen Bundesbank als Gastgeber – natürlich viel mit großen Summen und mit niedrigen Zinsen, aber auch mit ungeduldigem Warten zu tun.

Die monatlichen Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank in Höhe von 30 Milliarden Euro müssen möglichst schnell auf null zurückgefahren werden. Möglichst schnell heißt: in diesem Jahr! Möglichst schnell heißt: direkt nach dem 30. September 2018, wenn die Befristung für das jetzige Programm endet. Eine nochmalige Verlängerung sollte es nicht geben!

Die ultraexpansive Geldpolitik der letzten Jahre hatte – das wissen wir alle – ihre Berechtigung. Allmählich gehen der EZB aber die Erklärungen aus, wie das gegenwärtige wirtschaftliche Umfeld zum anhaltenden monetären Ausnahmezustand passen soll. Deswegen ist eine wirkliche geldpolitische Wende in diesem Jahr überfällig. Der erste Schritt sind die Anleihekäufe, der zweite dann die Zinsen.

Meine Damen und Herren, ich gebe ja zu: Besonders mutig muss ich nicht sein, um eine solche Forderung hier in diesem Kreis zu erheben. Wir kennen die Position der Bundesbank in dieser Frage, (wir haben sie eben von Herrn Dombredt noch einmal gehört,) wir schätzen und wir unterstützen sie. Lassen Sie mich aber in einem Punkt noch etwas präziser werden.

Die Zeit der Null- und Minuszinsen ist ja für die Anleger, aber eben auch für uns Banken nicht einfach nur ein kleines, lästiges Übel, das schon irgendwann zu Ende sein wird. Gerade aus Bankensicht stellt sie eine erhebliche Belastung dar. Die geringe Zinsmarge drückt auf die Erträge, damit auch auf die Möglichkeit, das Eigenkapital zu erhöhen. Unsere Konkurrenten in den USA übrigens können schon seit längerem mit ganz anderen Margen operieren.

Doch das ist eben nicht alles. Die Negativzinsen, die auf Einlagen der Banken bei der EZB entfallen, schneiden erheblich ins Fleisch der Institute. Inzwischen zahlen die Banken in der Euro-Zone jährlich knapp siebeneinhalb Milliarden Euro an die EZB – und das sind eben keine Überziehungszinsen, sondern sogenannte Guthabenzinsen. Diese Summe tut vielen Instituten weh. Und diese Summe könnte für sehr viel sinnvollere Dinge verwendet werden: etwa für Investitionen in Digitalisierung.

Die Negativzinsen für Banken sind inzwischen nicht mehr akzeptabel. Dieser Strafzins muss unabhängig von der Zinspolitik behandelt werden. Eine Halbierung des negativen Einlagenzinses auf dann nur noch –0,2 Prozent würde schon eine deutliche Entlastung bringen. Wir erwarten spätestens Anfang 2019 einen Zinssatz von 0 Prozent.

Ein Einlagenzins von 0 Prozent statt –0,4 Prozent wäre ein wichtiges Signal dafür, dass das Ende der absoluten Notmaßnahmen gekommen ist. Für den Bankenstandort Europa wäre dies eine gute Nachricht.

Meine Damen und Herren, über das Große und Ganze zu sprechen, würde eigentlich bedeuten, noch eine Reihe weiterer Themen anzuschneiden: den Brexit, die Banken- und Kapitalmarktunion, die digitale Revolution im Bankensektor, die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands und Europas – diese Liste ließe sich noch fortsetzen. Aber die mir gesetzte Redezeit möchte ich natürlich nicht überschreiten.

Banken und Wachstum

Lassen Sie mich aber noch einige wenige Worte zur grundsätzlichen Rolle der Banken sagen. Unsere Branche hat in den vergangenen Jahren viel an sich gearbeitet und viel an sich arbeiten müssen. Wir haben in all der Zeit unser Kerngeschäft allerdings nicht vernachlässigt – ganz im Gegenteil.

Gerade die privaten Institute haben mit ihrem Finanzierungsgeschäft dazu beigetragen, dass die deutsche Exportwirtschaft seit Jahren auf Hochtouren läuft. Eine wissenschaftliche Studie, die vor drei Wochen veröffentlicht wurde, kommt zu dem Ergebnis, dass fast 90 Prozent des deutschen Außenhandels – gemessen am Exportvolumen – über die privaten Banken läuft. Zudem sind über 60 Prozent der sogenannten „Hidden Champions“ Kunden der privaten Banken.

Eben genau hier, meine Damen und Herren, sind wir am Kern dessen, was die deutschen Banken auszeichnet: Sie stärken die Wachstumskraft der deutschen Wirtschaft. Banken sind nicht in erster Linie Regulierungsobjekte; sie sind ein Partner der Unternehmen, Dienstleister für ihre Kunden – und damit ein unverzichtbarer Teil des Wirtschaftsstandortes Deutschland. Eine große und erfolgreiche Volkswirtschaft wie die deutsche benötigt stabile und profitable Banken wie die Luft zum Atmen.

Nach Abschluss vieler großer Regulierungsprojekte und trotz eines weiterhin schwierigen Umfeldes ist der Fokus deswegen für uns klar:

  • Wir Banken wollen noch stärker das Wachstum der europäischen Wirtschaft finanzieren.
  • Wir wollen den Digitalisierungsschub im Banking weiter vorantreiben.
  • Wir wollen Ertragskraft und Kundenorientierung gleichermaßen ausbauen.

Unbeschwerte Zeiten wird es erst mal nicht mehr geben. Aber wenn ich den Blick jetzt noch einmal etwas in die Ferne schweifen lasse, dann sehe ich doch – trotz allem – eher Sonne als Regen.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

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