Hans-Walter Peters, Präsident des Bankenverbandes und Sprecher der persönlich haftenden Gesellschafter der Privatbank Berenberg

„Bargeld in der digitalen Welt“ - Rede von Hans-Walter Peters zum Bargeldsymposium der Deutschen Bundesbank

14. Februar 2018

Es gilt das gesprochene Wort.

Lieber Herr Thiele,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich habe die Einladung zum heutigen Bargeldsymposium aus zwei Gründen sehr gerne angenommen. Zum einen ist es nach den vielen Gesprächen über Leverage Ratio, Basel IV, Proportionalitätsprinzip, MiFID II und ähnlichen Dingen eine schöne Abwechslung, mal über ein anderes wichtiges Thema reden zu können. Über ein Thema, von dem selbst Menschen außerhalb dieses Saales eine ziemlich konkrete Vorstellung haben. An Anschaulichkeit ist das Bargeld nun wirklich nicht zu übertrumpfen.

Zum anderen ist in dem Thema Bargeld schon seit einiger Zeit – wir haben es heute wieder gemerkt – sehr viel Musik drin. Bargeld ist zu einem Emotionalisierungsthema geworden, das es bis in die Wahlprogramme verschiedener Parteien geschafft hat. Bargeld scheint – ich betone: scheint – zu einem Digitalisierungsverlierer zu werden. Jedenfalls wird es von aufregenden technologischen Entwicklungen herausgefordert, über die es zu sprechen lohnt. Schließlich knüpfen sich an das Bargeld in Zeiten von Big Data und Nullzinsen noch einmal ganz andere Fragen, als dies noch vor einigen Jahren der Fall war.    

Ein Blick auf das heutige Programm reicht aus, um die vielen Facetten dieses Themas zu erkennen. Bevor ich näher auf die Rolle des Bargeldes in der digitalen Welt von heute und morgen eingehen werde, möchte ich noch einige wenige Bemerkungen zum Geld an sich und zum Bargeld als Zahlungsmittel machen. Einiges ist heute schon gesagt worden. Aber es gibt ja – jenseits aller Fakten – immer auch einen sehr persönlichen Zugang zu diesem Thema.

Geld und Vertrauen

Meine Damen und Herren, wer wie ich und sicher sehr viele hier im Saal Ökonomie studiert hat, der konnte sie irgendwann herunterbeten. Ich spreche von den drei Funktionsweisen des Geldes: Tauschmittel, Wertaufbewahrungsmittel, Recheneinheit. Simpel und einleuchtend, allerdings auf den ersten Blick auch nicht besonders aufregend. Aber wann immer man über Geld nachdenkt und über die Frage, was Geld eigentlich ist, kommt man auf diese bestechend scharfe Definition zurück. Und es wird einem bewusst: Geld ist eine große Vertrauensfrage.

Als Besitzer eines Geldscheines vertraue ich darauf, dass mein Geschäftspartner genau diesen Schein als Geld akzeptiert. Ich vertraue darauf, dass mein Geldschein auch morgen, übermorgen und in drei Monaten noch etwas wert ist. Ich vertraue darauf, dass ich mit diesem Schein unterschiedliche Dinge zugleich kaufen kann und ich dann Wechselgeld bekomme, mit dem sich wieder andere Sachen kaufen lassen.  

Geld also handelt von Vertrauen. In Zeiten, in denen viel von Misstrauen die Rede ist – Misstrauen gegenüber den Eliten, Misstrauen gegenüber der Politik, Misstrauen gegenüber den Medien –, ist dies ein wichtiger Punkt. Das Thema Geld ist dadurch zu einem noch sensibleren, zu einem noch bedeutenderen Thema geworden, als es dies ohnehin schon immer gewesen ist.

Die Frage wäre nun, was dies mit Bargeld zu tun hat. Zunächst mal steckt hinter dem bekannten Volksmund „nur Bares ist Wahres“ auch eine Art Vertrauens- bzw. Misstrauensbekundung. Allerdings ist häufig nicht ganz klar, wem oder was eigentlich nicht vertraut wird. Als Inflationsschutz jedenfalls hat das Bargeld noch nie eine sonderlich gute Figur gemacht.

Sicherlich: In den dramatischen Zeiten der Hyperinflation – im Herbst 1923 – konnten die Arbeiter und Angestellten mit ihrem halbtäglich bar auf die Hand ausgezahlten Lohn schnell zum Lebensmittel- oder Spirituosenhändler laufen und das Geld dort mehr oder weniger sinnvoll investieren. Hier hätte eine Banküberweisung einen eklatanten Wertverlust bedeutet. In normalen Zeiten aber – in einem funktionierenden Wirtschafts-, Finanz- und Bankensystem wie wir es in der Bundesrepublik stets hatten – ist der Satz „Nur Bares ist Wahres“ nicht selbsterklärend. Oder zumindest war er dies lange Zeit nicht.

Dass dies heute womöglich anders ist, hat mit den Digitalisierungserfahrungen der letzten Jahre zu tun. Denn mit der Digitalisierung und ihren zum Teil dramatischen Folgen können wir die Vertrauensfrage noch einmal um eine weitere Dimension erweitern.

Viele Menschen möchten nicht nur darauf vertrauen, dass sie überall und zu allen Zeiten mit ihrem Geld bezahlen können. Sie möchten auch darauf vertrauen, dass nicht jeder Zahlungsstrom, nicht jede finanzielle Transaktion, die sie tätigen, eine digitale Spur hinterlässt und sie zu einem gläsernen Bürger macht, dessen Profil von anderen ausgeleuchtet wird. Wenn sie darauf aber nicht immer und überall vertrauen können, dann ist Bares tatsächlich Wahres – zumindest bleibt es eine unverzichtbare Alternative. Womit ich dann bei meinem eigentlichen Thema angelangt wäre: der Rolle des Bargeldes in der digitalen Welt.

Bargeld heute

Meine Damen und Herren, Bargeld in der digitalen Welt – das ist zunächst einmal eine Status-quo-Beschreibung. Wie steht es um das Bargeld und um seine digitalen Herausforderer zu Beginn des Jahres 2018? Eine Status-quo-Beschreibung muss bei der Rolle und Position der Banken zu diesem Thema ansetzen.

Ich möchte aber zuvor die Gelegenheit nicht versäumen, die Rolle des Gastgebers zu würdigen. Der Deutschen Bundesbank ist es in erster Linie zu verdanken, dass die Bargeldversorgung in Deutschland reibungslos funktioniert – und zwar ohne, dass die Dinge so aus dem Ruder laufen wie vor knapp 95 Jahren. Diese logistische Meisterleistung findet ihren Widerhall in der geldpolitischen Meisterleistung der Bundesbank.

Sie hat erst die D-Mark, dann – als Teil des Eurosystems – auch den Euro stabil gehalten. Ohne Geldstabilität können die Scheine noch so bunt und fälschungssicher sein – die Menschen werden versuchen, sie möglichst schnell gegen Zigaretten, Schnaps oder gegen etwas noch Wertbeständigeres einzutauschen.

Die Deutsche Bundesbank steht am Anfang und am Ende des Bargeldkreislaufes – mittendrin aber stehen die Banken. Die Kreditwirtschaft trägt mit dafür Sorge, dass Bargeld – wie es so schön heißt – „unterbrechungsfrei“ verfügbar ist. Gewissermaßen ist sie dabei allerdings Opfer ihres eigenen Erfolges geworden. Denn weil die Bargeldversorgung hierzulande reibungslos funktioniert, wird das Bargeld von der Bevölkerung als ein kostenloses Gut wahrgenommen – und das ist für die Kreditwirtschaft alles andere als unproblematisch.

Wir alle kennen die Realität: Die tägliche Ver- und Entsorgung des Marktes mit Bargeld stellt für die Institute, aber auch für die Wertdienstleister eine enorme logistische Herausforderung dar. Dies bedeutet, dass sie teuer ist – auch wenn Prozesse und Verfahren der Bargeldlogistik in der jüngeren Vergangenheit kontinuierlich optimiert und weitestgehend automatisiert werden konnten. Und sie wird nicht billiger werden, muss doch inzwischen auch viel Geld dafür in die Hand genommen werden, die Geldautomaten vor Sprengattacken zu schützen. Dies alles bedeutet: Für die Banken und Sparkassen wird es zunehmend schwieriger, ihren Kunden diesen Service weiterhin kostenlos anzubieten.

Das Verhältnis der Banken zum Bargeld ist also ein durchaus komplexes. Und dennoch: Dass Banken und Sparkassen ihren Kunden bis heute eine kostenattraktive und über die Verbünde beinahe flächendeckende Bargeldversorgung anbieten, ist nicht nur den gesetzlichen Bestimmungen geschuldet. Die Institute verstehen dieses Angebot als wichtige Serviceleistung für ihre Kunden: Die Bargeldversorgung und die Kontoführung sind ein Garant für eine erfolgreiche und vertrauensvolle Kundenbeziehung. In der Vorstellung vieler Kunden lassen sich die Begriffe „Bargeld“ und „Bank“ kaum voneinander trennen.

Und dass Bargeld weiterhin gefragt ist, zeigen die Zahlen: Knapp 80 Prozent der Transaktionen und gut 50 Prozent des Umsatzes in Deutschland werden mit Münzen und Scheinen abgewickelt. Die Verfügbarkeit von Bargeld ist also auch heute noch schlicht und einfach eine Notwendigkeit.

Nebenbei bemerkt: Auch die Bankfiliale hat dem Online- und Digitalisierungstrend zum Trotz noch nicht ausgedient. Zumindest sieht das die große Mehrheit der Deutschen so. In einer vom Bankenverband in Auftrag gegebenen Umfrage aus dem letzten Jahr widersprechen fast neun von zehn Befragten der Aussage, dass Banken heutzutage keine Filialen mehr bräuchten. Selbst unter den Bankkunden, die Online-Banking nutzen, sind noch über drei Viertel der Befragten dieser Auffassung.

Das also ist die analoge Welt. In dieser analogen Welt werden sich die Banken solange bewegen, wie unsere Kunden nach diesem Service fragen. Es gibt aber auch die digitale Welt, in der inzwischen nicht nur viele Kunden zu Hause sind. Auch die Banken haben in der jüngeren Vergangenheit ein weites Spektrum an digitalisierten Angeboten geschaffen. Und die Entwicklung schreitet voran.

Bargeld unter Druck

Was bedeutet das für das Bargeld? Meine Damen und Herren, dass Bargeld Schwächen hat, dass Bargeld in Deutschland seit Jahrzehnten zwar sehr langsam, aber doch schrittweise verdrängt wird, ist jedem innerhalb wie auch außerhalb dieses Saales bewusst. Argumente gegen das Bargeld fallen uns so einige ein, zum Teil sind sie hier auch schon genannt worden. Mit den digitalen Augen betrachtet, lassen sich eine Reihe von sinnvollen, ja besseren Alternativen zum Bargeld erkennen, die vor allem in puncto Bequemlichkeit, aber auch unter Sicherheitsaspekten zu überzeugen wissen.

Dabei sind die hohen volkswirtschaftlichen Kosten der Bargeldversorgung eben nur das eine. Bei wem auch immer die Rechnung am Ende landet, beim Verbraucher tut sie dies in der Regel nicht – es sei denn, er hebt sein Geld am fremden Automaten ab. Für ihn ist die Kostenfrage deswegen eher irrelevant.

Was den Verbraucher wirklich interessiert sind andere Dinge. Zum Beispiel Sicherheit: Dass Bargeld in mancher Hinsicht ein höchst unsicheres Gut ist, dürfte unbestritten sein: Es kann verloren gehen, gestohlen oder schlicht zerstört werden – und ist also in dieser Kategorie zumindest den bereits langjährig etablierten elektronischen Zahlungsmitteln unterlegen.

Vor allem aber: Im Gegensatz zu den elektronischen Zahlungen oder den neuen digitalen Bezahlmöglichkeiten bedingt die Bargeldzahlung die physische Weitergabe vom Schuldner zum Gläubiger. Diese ist zwar gelegentlich emotional erfreulich, aber doch aufwendig und auch nicht mehr wirklich zeitgemäß. Unbare Zahlungsmittel, gerade die Zahlungskarten der Banken, können das bequemer und besser. Der Gang zum Geldautomaten, von denen es zwar viele gibt, die aber trotzdem nicht immer um die Ecke sind, könnte dann entfallen.

Auch den hygienischen Aspekt sollte man nicht ganz unter den Tisch fallen lassen. Scheine und Münzen, die teilweise über ein, zwei Generationen von Hand zu Hand und von Portemonnaie zu Portemonnaie wandern, muss man nicht zwingend als state of the art ansehen. Ein starkes Argument für das Bargeld ist dessen große Zirkulation jedenfalls nicht.

Trends und Entwicklungen

Aus all diesen Gründen hat das Bargeld trotz seiner nach wie vor vorhandenen Popularität schon in der Vergangenheit an Boden verloren – noch ehe wir uns unter dem Wort „Digitalisierung“ überhaupt etwas vorstellen konnten. 50 Jahre ist es dieser Tage her, dass die ersten Bankkarten ausgegeben wurden. Seither hat das Plastikgeld mehrmals den Namen gewechselt und zahlreiche neue Funktionen bekommen. Aktuell wird mehr als jeder dritte Euro, der im Einzelhandel umgesetzt wird, allein über die girocard abgewickelt. Die Menschen nehmen die girocard – und auch andere Kartenprodukte – als ebenso einfach und unkompliziert wahr wie das Bargeld.

Mit dem digitalen Zeitalter weht jetzt noch einmal ein ganz neuer Wind. Das kontaktlose Bezahlen, das seit einiger Zeit möglich ist, dürfte gleichbedeutend mit einem Paradigmenwechsel sein. Noch nie haben die Kunden eine neue Funktion der girocard so schnell angenommen wie das kontaktlose Bezahlen. Die girocard steht dadurch in der Gunst der Kunden so hoch wie nie zuvor und hat Umfragen zufolge in der Beliebtheit erstmals mit dem Bargeld gleichgezogen.

Erst das kontaktlose Bezahlen schafft wirklich eine Zeitersparnis an der Supermarktkasse – mit entsprechenden Vorteilen sowohl für den Verbraucher als auch für den Einzelhandel. Dem Bargeld dürfte nun vor allem im Kleinbetragsbereich ein signifikanter Anteil abgenommen werden, denn kontaktloses Bezahlen geht schneller als jede Barzahlung mit Wechselgeld und verkürzt damit die lästigen Wartezeiten. Während ein kontaktbehafteter Zahlungsvorgang im Durchschnitt deutlich über 20 Sekunden dauert, ist das kontaktlose Bezahlen innerhalb von 10 bis 12 Sekunden abgewickelt. Dieser Service ist noch nicht überall möglich. Aber etwa zwei Drittel der größeren Händler können mittlerweile kontaktlose Zahlungen verarbeiten.

Und das ist längst nicht das Ende der Fahnenstange, denn die deutschen Banken treiben die Innovationen auch im „Mobile-Payment“ weiter voran. Bei verschiedenen Geldhäusern ist es bereits möglich, die Kreditkarte auf der bankeigenen App zu hinterlegen, um an der Kasse kontaktlos zu bezahlen.

So ähnlich soll ab Mitte des Jahres übrigens auch das Bezahlen mit der „girocard mobile“ aussehen, an der die Bankenverbände und viele Institute gerade tüfteln. Die physische girocard aus Plastik wird damit ein rein digitales Pendant bekommen.

Für Verbraucher, die heute ausschließlich mit ihrem Mobiltelefon bezahlen möchten, gibt es zum jetzigen Zeitpunkt allerdings noch kein flächendeckendes, einheitlich akzeptiertes Produkt. Stattdessen müssen sie sich bei einer Vielzahl von Anbietern registrieren und je nach Händler eine andere App nutzen.

Dies ist wohl einer der Gründe, dass Mobile Payment bislang noch zurückhaltend genutzt wird. Hauptursache dürfte aber sein, dass das Zahlen über Smartphone gegenüber dem kontaktlosen Zahlen mit der Karte – bislang jedenfalls – keinen erkennbaren Mehrwert, keinen wirklichen Vorteil bietet; es ist dann eher eine Frage der persönlichen Präferenz. Dies kann sich jedoch in dem Augenblick fundamental ändern, wenn die digitalen Geldbörsen mit echten Mehrwerten wie zum Beispiel Kundenbindungsprogrammen kombiniert werden.

Auch Sicherheitsbedenken stehen einer größeren Nutzung des kontaktlosen Bezahlens und des Mobile Bankings wohl noch im Wege. Dabei lassen sich zumindest den Ängsten vor materiellem Verlust gute Argumente entgegenhalten. Wird die eigene Brieftasche mit der Karte entwendet, hält sich der Schaden sehr in Grenzen: Banken bieten ihren Kunden die Möglichkeit, Karten sehr schnell zu sperren. Der Verlust des mitgeführten Bargeldes lässt sich hingegen nicht einschränken. Was das kontaktlose Bezahlen anbelangt, so werden sicherheitsrelevante Daten, wie zum Beispiel die PIN, vor der Übertragung verschlüsselt und können nicht einfach abgefangen werden.

Im Übrigen gilt in dieser Frage wie auch generell im deutschen Bankenwesen: Sicherheitsaspekte werden so großgeschrieben wie nur irgend möglich. Ich möchte daran erinnern, dass es die europäische Kreditwirtschaft war, die im Kartengeschäft den flächendeckenden Einsatz der Chiptechnologie auf Basis des weltweiten EMV-Standards durchgesetzt hat. Dies hat zu einer nachhaltigen Erhöhung der Sicherheit und des Vertrauens im Kartengeschäft geführt.

Die Deutschen und das Bargeld

Meine Damen und Herren, mehr Komfort, mehr Sicherheit, mehr Zukunft durch digitales Bezahlen – hinter diese Einschätzung setze ich ein großes Ausrufezeichen. Die sich daran anschließende Frage lautet natürlich: Brauchen wir dann überhaupt noch Bargeld, wo doch eine Welt ohne Bargeld schon heute technisch nahezu problemlos möglich wäre? Diese Frage stellt sich – ob wir wollen oder nicht. Und sie scheint in einigen Ländern – Skandinavien, China – bereits abschlägig beantwortet zu sein.

Aber die Antwort dort ist keine universale Antwort. Und sie ist erst recht keine Antwort für Deutschland. Hierzulande stellt sich die Frage nach der Zukunft des Bargeldes auf mindestens zwei Ebenen. Was wollen die Bürger, Verbraucher, Kunden, Konsumenten – wobei sich dieses Wollen vor allem in ihrem Handeln ausdrückt? Und zweitens: Was hätte die Abschaffung von Bargeld und das alleinige Setzen auf digitales Geld tatsächlich für Folgen?

Schauen wir zunächst auf uns selbst: Die Liebe der Deutschen zum Bargeld ist inzwischen ja beinahe legendär. Es scheint fast, als könnte man sie vom Stellenwert irgendwo zwischen Autofahren, Fußball gucken und Currywurst einsortieren. Sicherlich: Würden die Kosten der Bargeldhaltung wirklich beim Verbraucher landen, dann könnte es mit der Zuneigung auch irgendwann vorbei sein. Erste Institute nehmen bereits ein überschaubares Entgelt dafür, dass sie ihren eigenen Kunden Bargeld zur Verfügung stellen. Ob und wie sich dies auf die Nachfrage nach Bargeld auswirkt, werden wir sehen.

Doch davon losgelöst sind es starke psychologische und emotionale Bande, die die Deutschen offenbar mit dem Geld verbindet. Das Gefühl, das ein Geldschein auslöst, ist für viele Grund genug, Geld zu horten. Die emotionale Befriedigung, die von einem mit Geldscheinen gefüllten Portemonnaie ausgeht, scheint immer noch für viele Bürger größer zu sein als der Besitz von diversen Zahlungskarten oder selbst eines Smartphones mit kontaktloser Zahlungsfunktion.

Bargeld vermittelt dem Verbraucher obendrein das Gefühl größerer Kontrolle bei den Ausgaben, nach dem Motto: „Man kann nicht mehr ausgeben, als man hat“. Wir wissen zwar, dass es diesbezüglich auch digitale Lösungen gibt. Aber von der Hand zu weisen ist dieser Vorzug des Bargeldes nicht.

Es ist einerlei, ob man die Vorlieben der Deutschen als romantische Flausen abtut oder nicht. Fakt ist, dass das Bargeld sich noch immer großer Beliebtheit erfreut und die Abschaffung von Scheinen und Münzen einen radikalen Eingriff in das Leben und Wirtschaften der Menschen bedeuten würde. Für uns als Banken ist es übrigens unerheblich, aus welchen Motiven die Kunden Bargeld nachfragen. Wenn sie Bargeld nachfragen, dann stellen die Institute es auch bereit.

Argumente für das Bargeld

Meine Damen und Herren, es gibt aber auch harte Fakten, die für eine Koexistenz von Bargeld und digitalem Geld sprechen. Warum ist Bargeld auch und gerade in der digitalen Welt unverzichtbar? Zunächst einmal ist Bargeld von der technischen Infrastruktur weitgehend unabhängig und kann immer und überall effizient eingesetzt werden. Die Menschen wollen darauf vertrauen, dass technische Stolpersteine – ein leerer Akku, ein zusammengebrochenes Netz – sie nicht plötzlich mittellos dastehen lassen. Im Krisenfall könnten Grundbedürfnisse wie Nahrung und Energie zumindest mittelfristig über Bargeld gedeckt werden. Nicht ohne Grund gilt die Bargeldversorgung nach dem IT-Sicherheitsgesetz als kritische Dienstleistung.

Vor allem aber: Das Bargeld ist ein anonymes Zahlverfahren, mit dem in der Regel keine persönlichen Daten weitergegeben werden müssen. Wir alle wissen, welch emotionale Wellen das Thema Datenschutz in Deutschland bisweilen heraufbeschwören kann. Die Sorgen und Risiken soll man allerdings nicht abtun – sie haben eine reale Grundlage. Konkret geht es um das Risiko, dass persönliche Daten ausgelesen und missbraucht werden könnten.

In einer bargeldlosen Gesellschaft wären die Konsumenten praktisch vollkommen transparent – und zwar gleichermaßen für die Politik und für die datensammelnden Unternehmen. Anhand der Einkaufsdaten könnten lückenlose Kundenprofile erstellt werden. Mittelfristig wäre denkbar, dass daraus höhere, personalisierte Preise resultieren, so wie es im Internethandel teilweise heute schon der Fall ist.

Doch nicht nur das – viele dystopische Fantasien basieren auf dem Auslesen der Person und ihrer digitalen Spuren. Bei vollkommener Transparenz könnten die Konsumgewohnheiten überwacht und staatlich unerwünschter Lebenswandel gegebenenfalls sogar sanktioniert werden. Wenn wir in China auf manche Pilotprojekte schauen, sind wir von dieser Möglichkeit nicht mehr weit entfernt. Deswegen, meine Damen und Herren, endet alles immer wieder in dem einen Argument: Barzahlungen schützen die Privatsphäre!

Im Übrigen kann auch das Argument, ohne Bargeld ließen sich Schwarzarbeit, Drogengeschäfte und Geldwäsche sehr viel wirkungsvoller eindämmen, nicht wirklich überzeugen. Es ist nahezu sicher, dass dann andere Möglichkeiten gefunden werden, die entsprechenden Transaktionen im Geheimen abzuwickeln.

Letzte, auch persönliche Anmerkung: Wer das Bargeld abschafft, vernichtet ein Stück Kulturgut. Eine kleine Spende für den Klingelbeutel, ein Trinkgeld für den Kellner, Taschengeld für die Tochter – Scheine und Münzen sind in unserer Gesellschaft fest verankert. Banknoten und  Münzen ermöglichen obendrein allen Bevölkerungsgruppen eine Teilhabe am Wirtschaftsleben – auch Kindern oder Personen ohne Girokonto.

Was heißt das nun alles für die Banken, für die Finanzbranche? Das Bargeld wird überleben, aber die Banken sind sich natürlich bewusst, dass sie weiterhin massiv in innovative und verbraucherfreundliche Produkte investieren müssen. Es ist die Verantwortung der Banken, das „Banking der Zukunft“, weiterhin aktiv zu gestalten – insbesondere im Zahlungsverkehr. Das Zahlungsverhalten der Kunden wird sich weiter ändern; dafür dürfte schon die heranwachsende Generation sorgen, die sehr viel technikaffiner ist als ihre Eltern. Klar ist: Wer im Wettbewerb bestehen will, muss die aktuellen Trends stets kennen und über die Wünsche und Bedürfnisse seiner Kunden genau Bescheid wissen. Das eine machen ohne das andere, sprich: das Bargeld, zu lassen – darauf läuft es auch in Zukunft hinaus.

Kryptowährungen

Meine Damen und Herren, an dieser Stelle könnte ich meine Rede im Grunde beenden; in Kürze werde ich das auch tun. Aber kann man in diesen Tagen über Bargeld im digitalen Zeitalter sprechen, ohne die Kryptowährungen erwähnt und ohne Bitcoin beim Namen genannt zu haben? Wohl kaum. Im Grunde bin ich mit dem Bitcoin wieder am Anfang meiner Ausführungen angelangt. Denn es ist offensichtlich, dass fehlendes Vertrauen – fehlendes Vertrauen in das Finanzsystem, in die Notenbanken – ein wesentliches Motiv war, den Bitcoin aus der Taufe zu heben. Aber genauso offensichtlich ist, dass die Kryptowährung Bitcoin die klassischen drei Funktionen des Geldes entweder gar nicht oder nur unzureichend erfüllt.

Gerade bei Bitcoin gibt es einige systemimmanente Probleme, die sich nicht ohne weiteres beseitigen lassen: die Gefahr der Monopolbildung im sogenannten Mining-Prozess, der hohe Energieverbrauch, die hohen Transaktionskosten, das Verlustrisiko durch Cyberkriminalität und die Kursschwankungen in atemberaubendem Tempo. Bitcoin ist vom Zahlungsmittel zum Spekulationsobjekt mutiert. Und dem Anspruch, ein funktionierendes Zahlungssystem zu schaffen, ist er nicht gerecht geworden.

Damit ist das letzte Wort über die Kryptowährungen möglicherweise noch nicht gesprochen, denn die technische Innovation schreitet auch hier weiter voran.

Klar scheint aber zu sein, dass der eigentliche Ansatz von Bitcoin und vergleichbaren Währungen – in einem öffentlichen Netz ein von Notenbanken und Banken unabhängiges Geld zu schaffen, das nicht beliebig vermehrt werden kann und deswegen vermeintlich stabiler ist – ins Leere läuft. Auch das unregulierte digitale Geld könnte prinzipiell in einem geradezu inflatorischen Ausmaße geschaffen werden, denn diese Währungen sind durch nichts gedeckt. Schon jetzt existieren weit über 1.800 weniger prominente digitale Währungen – und fast täglich kommen neue hinzu.

Die faszinierenden Möglichkeiten der Blockchain-Technologie sind unbestritten, doch ein neues Geld für den täglichen Gebrauch anstelle des alten sehe ich nicht kommen – weder morgen noch übermorgen. Die immensen Kursschwankungen sowie die hohen Hürden, sich als Zahlungsmittel zu etablieren, sprechen eindeutig gegen Bitcoin und andere Digitalwährungen.

Meine Damen und Herren, die Befürworter des Bargeldes haben heute schon einige gute Nachrichten bekommen. Dem möchte ich mich anschließen: Allen, die aus guten Gründen an die Alternative Bargeld glauben, aber auch allen, die bereits das Verschwinden der vierstelligen Postleitzahl, das Ende des Eurocheques und das allmähliche Absterben der gelben Telefonzelle nur schwer verkraften konnten, kann Mut gemacht werden: Geldscheine und Münzen wird es noch eine ganze Weile geben.

Haben Sie herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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