Schneider: Han­dels­streit führt zu Brems­spu­ren

Wach­sen­des Ri­si­ko für die Welt­wirt­schaft – An Ita­li­ens Etat­dis­zi­plin hängt das Schick­sal des Eu­ro        

4. Oktober 2018

Interview der Börsen-Zeitung mit Ste­fan Schnei­der, Chief German Economist, Head of Strategic Research, Deutsche Bank AG, und Vorsitzender des Ausschusses für Wirtschafts- und Währungspolitik des Bankenverbandes. In Deutsch­land hin­ter­lässt der in­ter­na­tio­na­le Han­dels­streit ers­te wirt­schaft­liche Brems­spu­ren, kon­statiert Schneider. Ei­ne wei­te­re Es­ka­la­ti­on welt­weit wür­de auch Ka­pi­tal­strö­me und Wech­sel­kur­se emp­find­lich be­ein­träch­ti­gen. Im In­ter­view äu­ßert sich Schnei­der auch zur La­ge in Eu­ro­pa und den USA.

Herr Schnei­der, wir le­ben in ei­ner Zeit zu­neh­men­der Han­dels­kon­flik­te. Wie wird sich dies auf die Welt­wirt­schaft aus­wir­ken?

Ei­ne kon­kre­te Bewertung ist der­zeit noch schwie­rig, aber der Rück­gang der Ex­port­ein­schät­zung im glo­ba­len Ein­kaufs­ma­na­ger­index um gut 4 Punk­te seit Jah­resbe­ginn auf zu­letzt un­ter die Ex­pan­si­ons­schwel­le ist ein deut­li­ches Si­gnal. Das Ri­si­ko, dass die Han­dels­kon­flik­te zu ei­ner spür­ba­ren Be­ein­träch­ti­gung der Welt­wirtschaft füh­ren, ist deut­lich ge­stie­gen. Auch des­halb, weil sich bei ei­ner wei­te­ren Es­ka­la­ti­on die Kon­flik­te längst nicht nur auf Zöl­le und den Wa­ren­ver­kehr be­gren­zen las­sen. Viel­mehr wür­den auch die Ka­pi­tal­strö­me und die Wech­sel­kur­se emp­find­lich be­ein­träch­tigt. Ernst­haf­te Ge­fah­ren se­hen wir fer­ner in Stö­run­gen der welt­weit ver­netz­ten Pro­duk­ti­ons­ket­ten. Hier ent­ste­hen deut­lich hö­he­re Kos­ten. Zum Teil wer­den In­ves­ti­tio­nen und Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten un­ren­ta­bel.

Wie wirkt der Han­dels­kon­flikt auf die deut­sche Wirt­schaft?

In Deutsch­land, das be­son­ders eng in den welt­wei­ten Wa­ren­han­del und in in­ter­na­tio­na­le Pro­duk­ti­ons­ket­ten ein­ge­bun­den ist, hat die in den letz­ten Mo­na­ten stark ge­stie­ge­ne Un­si­cher­heit zu ei­ner Zu­rück­hal­tung bei den In­ves­ti­tio­nen ge­führt so­wie die Ex­port­nach­fra­ge nach deut­schen In­ves­ti­ti­ons­gü­tern ge­dämpft. Hier se­hen wir al­so schon ers­te wirt­schaft­li­che Brems­spu­ren.

Vie­le Schwel­len­län­der ste­hen wirt­schaft­lich nicht gut da. Zieht dort ei­ne neue Kri­se auf, die das Wachs­tum be­ein­träch­tigt?

Ei­ne ge­ne­rel­le Schwel­len­län­der­kri­se be­fürch­ten wir nicht. Die ak­tu­el­len Schwie­rig­kei­ten in ei­ni­gen Emer­ging Mar­kets ha­ben vor al­lem län­der­spe­zi­fi­sche Ur­sa­chen. Oft geht es um Ver­säum­nis­se und Fehl­steue­run­gen der na­tio­na­len Wirt­schafts­po­li­tik. Die­se rü­cken an­ge­sichts des fort­schrei­ten­den Zin­szy­klus in den USA wie­der stär­ker in den Blick in­ter­na­tio­na­ler An­le­ger. Die Grup­pe der Schwel­len­län­der ins­ge­samt hat der­zeit ei­ne aus­ge­gli­che­ne Leis­tungs­bi­lanz. Zu­dem ste­hen in vie­len Schwel­len­län­dern der ge­stie­ge­nen Aus­lands­ver­schul­dung auch hö­he­re De­vi­sen­re­ser­ven ge­gen­über. Wir ge­hen da­von aus, dass die Emer­ging Mar­kets ins­ge­samt auch im nächs­ten Jahr ei­nen wich­ti­gen Bei­trag zum glo­ba­len Wirt­schafts­wachs­tum leis­ten wer­den.

Wie se­hen Sie die Zins­ent­wick­lung in den USA?

Die US-No­ten­bank wird in die­sem Jahr noch ein­mal den Leit­zins er­hö­hen. Die Chef­volks­wir­te der pri­va­ten Ban­ken er­war­ten im nächs­ten Jahr min­des­tens zwei wei­te­re Zins­schrit­te. Die Ka­pi­tal­markt­zin­sen in den USA wer­den al­ler Vor­aus­sicht nach nicht im glei­chen Um­fang stei­gen. Mit ei­ner Ren­di­te von über 3 % wer­den lang­fris­ti­ge US-Pa­pie­re auch für in­ter­na­tio­na­le In­ves­to­ren zu­neh­mend at­trak­tiv. Die Zins­struk­tur­kur­ve, al­so der Ab­stand zwi­schen lan­gund kurz­fris­ti­gen Zin­sen, wird noch fla­cher wer­den.

Wel­che Schlüs­se las­sen sich dar­aus für die kon­junk­tu­rel­le Ent­wick­lung in den USA zie­hen?

Dies soll­te nicht als In­di­ka­tor für ei­ne sich an­bah­nen­de Re­zes­si­on ge­wer­tet wer­den. Wir ge­hen viel­mehr da­von aus, dass sich der Auf­schwung der US-Wirt­schaft auch 2019 fort­setzt. Mit dann 2,5 % Wirt­schafts­wachs­tum nach ei­nem be­son­ders kräf­ti­gen Plus von 3 % in die­sem Jahr.

Der Aus­tritt Groß­bri­tan­ni­ens aus der EU steht schon En­de März 2019 be­vor. Wel­che Fol­gen er­war­ten Sie für die wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung in Eu­ro­pa – vor al­lem wenn es zu ei­nem har­ten Br­ex­it kommt?

Ein har­ter Br­ex­it wür­de emp­find­li­che Stö­run­gen ver­ur­sa­chen, nicht nur in der bri­ti­schen Wirt­schaft, son­dern auch in den üb­ri­gen EU-Staa­ten. In un­se­rer Wachs­tums­pro­gno­se für den Eu­ro­raum ge­hen wir zwar wei­ter­hin da­von aus, dass es noch ei­ne ge­mein­sa­me Ver­stän­di­gung ge­ben wird, doch die Ri­si­ken für die­se An­nah­me sind deut­lich ge­stie­gen. Im Fal­le ei­nes har­ten Br­ex­it müss­ten wir die Wachs­tums­pro­gno­se für den Eu­ro­raum et­was nach un­ten kor­ri­gie­ren. Groß­bri­tan­ni­en dürf­te dann wohl in ei­ne Re­zes­si­on rut­schen.

Ita­li­en setzt auf kräf­ti­ge Neu­ver­schul­dung. Wel­che Ri­si­ken birgt dies für Eu­ro­pas Wirt­schaft?

Die Haus­halts­plä­ne der neu­en ita­lie­ni­schen Re­gie­rung sind für die Wäh­rungs­uni­on pro­ble­ma­tisch. Die Ent­wick­lung im dritt­größ­ten Eu­ro­land kann zu ei­ner grö­ßeren Un­si­cher­heit im ge­sam­ten Wäh­rungs­raum füh­ren und letzt­lich so­gar die Ef­fi­zi­enz der Geld­po­li­tik be­ein­träch­ti­gen. Be­son­ders gra­vie­rend ist aber: Die Fi­nanzsta­bi­li­tät im Eu­ro­raum wird von der Re­gie­rung in Rom als Sün­den­bock hin­ge­stellt. Fakt ist je­doch: Nicht das Ver­tei­len teu­rer Wahl­ge­schen­ke, son­dern ei­ne nach­hal­ti­ge Stär­kung der wirt­schaft­li­chen Dy­na­mik wä­re in Ita­li­en die vor­dring­lichs­te Re­gie­rungs­auf­ga­be.

Lei­det auch die Ge­mein­schafts­wäh­rung?

Soll­te die ita­lie­ni­sche Re­gie­rung mit ih­ren Haus­halts­plä­nen durch­kom­men, wür­de die be­reits stark aus­ge­höhl­te Wir­kung der Fis­kal­re­geln wei­ter ge­schwächt. Dies wür­de zu­min­dest im Nor­den der Eu­ro­zo­ne die Eu­ro­kri­ti­ker wei­ter stär­ken. Letzt­lich stellt sich hier die Schick­sals­fra­ge für den Eu­ro.

Wie wer­den sich die Prei­se in Eu­ro­pa ent­wi­ckeln?

Ähn­lich wie das Wirt­schafts­wachs­tum wird sich auch die In­fla­ti­ons­ra­te im Eu­ro­raum „nor­ma­li­sie­ren“. Wir rech­nen da­mit, dass die Teue­rungs­ra­te im Jah­res­durch­schnitt 2018 und 2019 bei 1,7 % lie­gen wird. Das wä­re völ­lig im Ein­klang mit dem mit­tel­fris­ti­gen Preis­ziel der EZB. Erst recht, da auch die Kern­in­fla­ti­on – al­so die Preis­stei­ge­rungs­ra­te oh­ne Ener­gie und Nah­rungs­mit­tel – im nächs­ten Jahr auf gut 1,5 % an­zie­hen soll­te.

Wenn Sie der EZB ra­ten: Wel­che geld­po­li­ti­schen Maß­nah­men sind nö­tig?

Als Po­li­ti­k­emp­feh­lung lei­ten wir dar­aus ab: Die EZB soll­te al­le noch be­ste­hen­den Zwei­fel aus­räu­men, dass sie ih­re Net­to­käu­fe zum Jah­res­en­de ein­stel­len wird. Da­nach soll­te sie zü­gig ei­nen Fahr­plan für das En­de der Ne­ga­tiv­zin­sen kom­mu­ni­zie­ren. Die Ge­fahr von ver­zerr­ten Ri­si­ko­prei­sen und fehl­ge­lenk­ten In­ves­ti­tio­nen ist näm­lich durch die Ne­ga­tiv­zins­po­li­tik be­son­ders hoch.

Auf der po­li­ti­schen Agen­da steht die Sta­bi­li­sie­rung der Eu­ro­päi­schen Wirt­schafts- und Wäh­rungs­uni­on (EWWU). Wel­che Schrit­te sind nö­tig?

Wir hät­ten uns ge­wünscht, die Ei­gen­ver­ant­wor­tung der na­tio­na­len Re­gie­run­gen zu stär­ken. Zum Bei­spiel mit Mecha­nis­men, die das Ein­hal­ten von ge­mein­sam be­schlos­se­nen Re­geln si­cher­stel­len. Die Chan­cen, kurz- bis mit­tel­fris­tig sol­che Re­for­men zu er­rei­chen, sind je­doch ge­ring. Des­we­gen wer­den die Eu­ro-Staa­ten wahr­schein­lich nur mit klei­nen Schrit­ten vor­an­kom­men, zum Bei­spiel mit dem der­zeit dis­ku­tier­ten Aus­bau der Kom­pe­ten­zen des Eu­ro­päi­schen Sta­bi­li­täts­me­cha­nis­mus (ESM). Ein Grund­prin­zip soll­te aber auf je­den Fall stär­ker be­rück­sich­tigt wer­den: Haf­tung und Ver­ant­wor­tung müs­sen mög­lichst de­ckungs­gleich auf ei­ner Ebe­ne lie­gen. Das be­deu­tet: Bei ei­ner Ver­tie­fung der EWWU müs­sen ge­wis­se na­tio­na­le Sou­ve­rä­ni­täts­rech­te ge­mein­sam auf der EWWU-Ebe­ne wahr­ge­nom­men wer­den.

Für Deutsch­land wer­den vie­le Pro­gno­sen der­zeit nach un­ten kor­ri­giert. Wie ist die Er­war­tung der Ban­ken­volks­wir­te?

Für das lau­fen­de Jahr ha­ben wir die Wachs­tums­pro­gno­se von 2,4 % auf jetzt 1,9 % ge­senkt. Hintergrund war die schwä­che­re Dy­na­mik im ers­ten Halb­jahr die­ses Jah­res. Vor al­lem die er­war­te­ten Im­pul­se von der Au­ßen­wirt­schaft blei­ben aus oder – wie bei den Aus­rüs­tungs­in­ves­ti­tio­nen – deut­lich hin­ter den Er­war­tun­gen zu­rück. Die Stim­mungs­in­di­ka­to­ren deu­ten in­zwi­schen aber auf ei­ne kon­junk­tu­rel­le Bo­den­bil­dung hin. Al­ler­dings brin­gen die Ver­wer­fun­gen im Au­to­mo­bil­be­reich in­fol­ge der Pro­ble­ma­tik durch die rea­li­täts­na­hen WLTP-Ab­gas­tests für das drit­te Quar­tal Ab­wärts­ri­si­ken, die auch den Jah­res­durch­schnitt be­las­ten könn­ten.

Sind Sie auch für 2019 so pes­si­mis­tisch?

Für das kom­men­de Jahr ha­ben wir un­se­re Wachs­tums­pro­gno­se nur mar­gi­nal von 1,9 % auf 1,8 % an­ge­passt. Nach­las­sen­de au­ßen­wirt­schaft­li­che Im­pul­se und ei­ne ro­bus­te, vom Be­schäf­ti­gungs­auf­bau und der Lohnentwicklung ge­tra­ge­ne Bin­nen­nach­fra­ge wer­den 2019 das deut­sche Kon­junk­tur­bil prä­gen.

Deutsch­land steht in­ter­na­tio­nal in der Kri­tik we­gen sei­nes ho­hen Leis­tungs­bi­lanz­über­schus­ses. Se­hen Sie Hand­lungs­be­darf?

Aus öko­no­mi­scher Sicht stel­len die deut­schen Leis­tungs­bi­lanz­über­schüs­se kein ernst­haf­tes Pro­blem dar. Sie er­ge­ben sich aus ei­ner Viel­zahl von in­di­vi­du­el­len Spar-, In­ves­ti­ti­ons- und Kon­sum­entschei­dun­gen und sind nicht staat­lich ge­steu­ert. Zu­neh­mend pro­ble­ma­tisch wer­den al­ler­dings die po­li­ti­schen Schwie­rig­kei­ten, die mit ho­hen und über ei­nen lan­gen Zei­t­raum be­ste­hen­den Leis­tungs­bi­lanz­über­schüs­sen ver­bun­den sind. Der äu­ßerst po­pu­lis­ti­sche Vor­wurf lau­tet: Län­der mit ho­hen Leis­tungs­bi­lanz­über­schüs­sen för­dern künst­lich die hei­mi­sche Be­schäf­ti­gung und In­dus­trie auf Kos­ten des Aus­lands.

Ist der Vor­wurf be­rech­tigt?

Die­ser Vor­wurf ba­siert auf dem Trug­schluss, dass in­ter­na­tio­na­ler Han­del und Ka­pi­tal­ver­kehr ein „Null­sum­men­spiel“sei. Um die in­ter­na­tio­nal wach­sen­de Kri­tik an den deut­schen Leis­tungs­bi­lanz­sal­den den­noch zu lin­dern, emp­feh­len wir, die Bin­nen­nach­fra­ge in Deutsch­land durch ge­ne­rell bes­se­re Rah­men­be­din­gun­gen für In­ves­ti­tio­nen und Bil­dung zu stär­ken. Auch des­we­gen, weil die Her­aus­for­de­run­gen des tech­no­lo­gi­schen Wan­dels zu­neh­men und die Pro­duk­ti­vi­täts­ent­wick­lung in Deutsch­land aus­bau­fä­hig ist.

Für die ho­hen Haus­halts­über­schüs­se hier­zu­lan­de gibt es zahl­rei­che Vor­schlä­ge der Ver­wen­dung. Soll­te der Staat mehr in­ves­tie­ren oder Steu­ern sen­ken?

Wir emp­feh­len den gol­de­nen Mit­tel­weg, al­so Steu­ern sen­ken und für ei­ne gu­te öf­fent­li­che In­fra­struk­tur sor­gen. Bei den öf­fent­li­chen In­ves­ti­tio­nen sei al­ler­dings noch ein­mal dar­an er­in­nert, dass hier der­zeit we­ni­ger die ver­füg­ba­ren Fi­nanz­mit­tel der Eng­pass­fak­tor sind, son­dern die staat­li­chen Pla­nungs- und Ge­neh­mi­gungs­pro­zes­se. Und: Auch zu­sätz­li­che öf­fent­li­che Bil­dungs­aus­ga­ben sind In­ves­ti­tio­nen, auch wenn sie sta­tis­tisch in der Re­gel als Staats­ver­brauch ver­bucht wer­den.

Blei­ben die öf­fent­li­chen Kas­sen gut ge­füllt?

Wir soll­ten nicht ver­ges­sen, dass die der­zei­ti­ge üp­pi­ge Si­tua­ti­on der öf­fent­li­chen Haus­hal­te und der So­zi­al­kas­sen der wirt­schaft­li­chen Son­der­ent­wick­lung in Deutsch­land und der ex­tre­men Nied­rig­zins­po­li­tik der EZB zu ver­dan­ken ist. Bei­de Fak­to­ren sind nicht von Dau­er und die De­mo­gra­fie wird schon bald die Fis­kal­si­tua­ti­on deut­lich be­las­ten.

Die Fra­gen stell­te An­ge­la Wefers.

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