"Fintechs sind mehr Teil der Lösung als Bedrohung"

6. April 2017, 12:00 Uhr

Diskussion

Die Digitalisierung wird die Finanzbranche grundlegend verändern und viele Veränderungen können noch gar nicht vorhergesagt werden. Wer sich als Finanzinstitut allerdings nicht darauf einstellt, könnte in der Zukunft große Probleme bekommen. Das sind nur zwei Ergebnisse des Panels „Geschäftsmodelle zwischen Evolution und Disruption“ auf dem 21. Deutschen Bankentag in Berlin.

Zu Beginn fragte Moderator Sven Afhüppe, Chefredakteur des „Handelsblattes“, die Professorin und Wirtschaftsweise Isabel Schnabel, wofür Banken eigentlich gebraucht würden. Schnabel nannte drei Rollen: Liquidität bereitstellen, Liefern von Informationen in Bezug auf Kreditwürdigkeit und Kunden auch in schwierigen Zeiten zu begleiten. „Bei all diesen Funktionen spielt Vertrauen eine wichtige Rolle“, betonte Schnabel. In digitalen Zeiten könne Kundennähe künftig kann ganz andere Formen annehmen als bisher. „So schafft für junge Menschen ein Chat über das Handy mehr Nähe als ein Besuch in einer Bankfiliale“, sagte die Wirtschaftsweise.

Friedrich Merz, Vorsitzender des Aufsichtsrates von BlackRock Asset Management Deutschland, sieht vor allem hausgemachte Probleme als Ursache für die schwache Ertragslage der europäischen Banken. So haben die USA nach der Finanzkrise die Rekapitalisierung der Geldhäuser viel konsequenter umgesetzt als Europa. "Es gibt in Europa aber auch keinen europäischen Finanzminister", der dies hätte umsetzen können, sagte Merz. Auch beim Thema Digitalisierung sieht er bei den Europäern Nachholbedarf: "Wir sind in Europa viel zu langsam." Eine entscheidende Herausforderung sei daher, die Digitalisierung in den Bankprozessen zu beschleunigen.

Auch Commerzbank-Chef Martin Zielke gestand einen Nachholbedarf bei der Digitalisierung ein. „Banken haben das Potenzial noch nicht gehoben.“ Mit Bezug auf sein Institut nannte er konkrete Zahlen: „Bisher sind 30 Prozent aller Prozesse digitalisiert.“ Für die Bankenwelt sei dies kein schlechter Wert. Sein Ziel ist aber ambitionierter: „Wir wollen auf 80 Prozent kommen.“ Er sieht auch kein vorschnelles Ende der klassischen Geldhäuser. „Banken und Bankdienstleistungen wird es immer geben, solange Menschen danach fragen.“

Roland Boekhout, Vorstandsvorsitzender der ING-DiBa, bejahte auf Nachfrage eine besondere Trägheit des deutschen Marktes. Dieser habe sich konservativer entwickelt als der europäische. Das gelte aber auch für die deutschen Kunden. „Jetzt muss unglaublich viel passieren“, forderte er. „Aus Kundensicht wird sich die Bankenwelt dramatisch ändern." Denn die neue Generation von Kunden erwarte schlagartig neue Dienstleistungen und das auch grenzüberschreitend. Das Ausmaß der Veränderungen sei daher auch noch gar nicht greifbar. „Wir können uns gar nicht vorstellen, wie das Bankgeschäft künftig aussehen wird.“ Es werde daher viel „trial and error“ geben.

Isabel Schnabel verwies auf die Risiken dieser Methode. Sie regte an, Fintech-Unternehmen quasi als Testlabor für Banken zu nutzen, um die Fehler in einem beschränkten Umfeld machen zu können. „Digitale Risiken sind systemische Risiken, damit ist es ein Thema für die Aufsicht“, sagte sie.

Das disruptive Potenzial neuer Technologien griff Friedrich Merz auf, und machte es an einem Beispiel deutlich. Schon heute könnten demnach Maschinen dank künstlicher Intelligenz professionelle Poker-Spieler schlagen. Künstliche Intelligenz sei eine der Herausforderungen für die Banken. „Wir sind erst ganz, ganz, ganz am Anfang.“

Martin Zielke warnte davor, alles nur durch die Technik-Brille zu sehen. „Maßgebend ist, wie der Kunde auf diese Entwicklungen reagiert. Nicht alles, was technisch besser ist, wird auch als besser wahrgenommen.“ Er hielt zudem ein Plädoyer für die Bankfiliale. „Wir gewinnen am meisten Kunden über Filialen“, sagte er. Dennoch gebe es mit 34.000 immer noch zu viele Zweigstellen in Deutschland, die im Durchschnitt 3.000 Kunden hätten. Würden alle so viele Kunden haben wie eine Commerzbank-Filiale (9.000), könnten 14.000 Niederlassungen bundesweit geschlossen werden.

Trotz allem US-Bashing nach der Präsidenten-Wahl schlug der ausgewiesene Transatlantiker Merz eine Bresche für Hightech-Firmen aus den USA. In Europa "brauchen wir die US-Unternehmen für die digitale Infrastruktur". Er forderte zudem eine "Phase der Bankenkonsolidierung in Europa". Roland Boekhout sprach sich für global wettbewerbsfähige große europäische Geldhäuser aus.

Moderator Sven Afhüppe blickte in seinem Schlusswort optimistisch nach vorne: "Am Ende wird alles gut. Und wenn nicht alles gut ist, ist es noch nicht das Ende."

 

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