Bye-bye, Bargeld? Schweden verzichtet zunehmend auf Scheine und Münzen

In unserer neuen Serie beleuchten wir das bargeldlose Zahlen auf der ganzen Welt. Während schwedische Kirchen ihre Kollekten per Kreditkarte sammeln, setzen Bettler in China auf Spenden via QR-Code. Im ersten Teil blicken wir nach Skandinavien – zu Europas bargeldlosen Vorreiter Schweden.

Wir Deutschen lieben unser Bargeld: Knapp 80 Prozent der Transaktionen und circa 50 Prozent des Umsatzes am Point of Sale laufen hierzulande mit Münzen und Scheinen. Dagegen löst kontakt- oder bargeldloses Zahlen, beispielsweise per App, nach wie vor viel Skepsis aus. Aus Gewohnheit und Sicherheitsbedenken – oder wegen mangelnder Infrastruktur: Wer nicht zumindest ein paar Euro im Portemonnaie hat, kommt nicht weit. Beim Bäcker um die Ecke ist meist Schluss für Karten- oder Smartphone-Zahler, genauso wie beim Parkscheinautomat vor dem Laden. Ohne Bargeld kein Brötchen. 

Ganz anders sieht das in unseren nordischen Nachbarländern aus. Schweden ist sogar Europas Vorreiter bei alternativen Zahlungsformen. Neben EC- und Kreditkarten setzen die Nordeuropäer vor allem auf Apps. 2012 schlossen sich sieben schwedische Banken zusammen und gründeten die App Swish. Innerhalb weniger Sekunden überweist man mit der App den gewünschten Betrag. Dafür ist nur noch die Handynummer des Empfängers notwendig. Die App ist jedoch nicht bloß für Überweisungen zwischen Privatpersonen gedacht; auch in zahlreichen Läden, Bars und Restaurants wird per Swish bezahlt. An der Kasse überweisen viele Schweden den entsprechenden Betrag via App oder scannen den QR-Code mit dem Smartphone – und schon erfolgt die Zahlung.

Selbst Straßenverkäufer haben Kartenlesegeräte

Im Januar 2017 nutzten bereits fünf Millionen Schweden die Bezahl-App. Somit ist die App schon bei 50 Prozent der rund 10 Millionen Einwohnern in Gebrauch; Tendenz steigend. Voraussetzung für die Nutzung von Swish sind ein Bankkonto bei einer teilnehmenden Bank sowie ein Smartphone. 

Der moderne Schwede zahlt heute selbst Minibeträge für einen Coffee to go oder ein Päckchen Kaugummi mit Karte oder App. Auch die Kollekten nach dem Sonntagsgottesdienst lassen sich am Automat ohne Bargeld entrichten: einfach den Spendenbetrag ins Display tippen und das elektronische Konto auswählen. Selbst die wohnungslosen Straßenverkäufer des Kulturmagazins „Situation Stockholm“ wurden bereits 2013 mit Kartenlesegeräten ausgestattet, um auch bargeldlose Kunden zu gewinnen. 

Bei zu viel Bargeld kommt die Polizei 

Dass Swish und Co. so populär sind, hat aber auch mit der Geldpolitik des Landes zu tun: Lediglich ein Drittel aller schwedischen Bankfilialen geben überhaupt noch Bares aus, die meisten verweigern Einzahlungen komplett. Und selbst wenn sie noch möglich sind, wird schon einmal die Polizei gerufen, wenn jemand mit einer großen Menge Scheine anrückt. Denn das löst schnell den Verdacht von Geldwäsche aus.

Nach 2030 könnte es mit dem Bargeld in Schweden vorbei sein, postuliert Niklas Arvidsson, Dozent an der Königlich Technischen Hochschule KTH in Stockholm und Autor der Studie „The Cashless Society“: „Es wird einen ,tipping point’ geben, an dem Bargeldverkehr zu aufwendig wird“, sagte er in einem brandeins-Interview. ABBA-Gitarrist Björn Ulvaeus hätte nichts dagegen: Im Selbstversuch verzichtete der Musiker ein Jahr lang auf Bargeld. Das sei völlig problemlos gegangen – bis auf die Besuche im Supermarkt: Denn für den Einkaufswagen habe er eine Münze gebraucht.

Nordeuropa will bargeldlos zahlen

Auch das benachbarte Dänemark folgt dem Trend. Hier greift man vor allem auf die App MobilePay der Danske Bank zurück. Die App verzeichnet bereits 3,4 Millionen Nutzer. Zum Vergleich: Dänemark hat rund 5,7 Millionen Einwohner, somit sind rund drei Fünftel bereit für mobile Überweisungen. In Dänemark wurde vor einiger Zeit sogar der Annahmezwang von Bargeld teilweise abgeschafft: Tankstellen und Restaurants können Cash-Zahlungen ablehnen – Apotheken oder große Supermärkte allerdings (noch) nicht. 

Skandinavier gelten generell als aufgeschlossen, was den Bargeld-Verzicht betrifft: Das Startup VexCash hat den Wert von 20 im Umlauf befindlichen Währungen ermittelt und berechnet, wie hoch deren Anteil an der jeweiligen Wirtschaftsleistung des Landes ist, also dem Bruttoinlandsprodukt (BIP). Demnach befinden sich in Schweden gemessen am BIP lediglich 1,24 Prozent Bargeld im Umlauf. Damit liegt das Land auf Platz eins. In den Top 5 liegen auch Norwegen mit 1,38 Prozent, Dänemark mit 3,29 Prozent und Island mit 3,32 Prozent. Deutschland befindet sich gemeinsam mit den anderen Euro-Staaten auf Platz 14. Gemessen am BIP der Staatengemeinschaft sind derzeit 10,34 Prozent Bargeld im Umlauf. Im (skandinavischen) Euro-Land Finnland spielen übrigens 1- und 2-Cent-Münzen in der Praxis kaum eine Rolle: Cent-Beträge werden auf- oder abgerundet. 

Diese Webseite nutzt Cookies, um bestimmte Funktionen zu ermöglichen und das Angebot zu verbessern. Indem Sie hier fortfahren, stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.