Gerechte Teilhabe statt Umverteilung – oder: Warum wir die Kapitalbeteiligung im 21. Jahrhundert brauchen

Der durch Roboter, KI und Algorithmen ausgelöste Technologieschub wird uns die nächste große Welle des Wachstums und Wohlstands bringen. Wir werden am Ende weniger arbeiten und besser leben. Die Frage ist nur: Wer partizipiert daran und wie? Wer mündige, freie Bürger will, muss Teilhabe wollen. Teilhabe an den Früchten, aber auch an den Risiken des Wirtschaftens. Das Instrument dazu heißt Kapitalbeteiligung; sie bildet die Brücke zwischen Kapital und Arbeit.

05.02.2019

von Hans-Jörg Naumer

Ein bisschen sprachlos kam sie mir schon vor, die Wirtschaftselite, die sich auch 2019 wieder in Davos getroffen hat. Nach der Technologiebegeisterung jetzt die Technologieernüchterung? Die Roboter, die Algorithmen, all‘ die netten kleinen Gadgets, die uns mit der Welt verbinden und unkontrolliert Daten von uns senden, sind dabei, unser Leben zu revolutionieren.

Während wir uns an den schönen Begriff „Industrie 4.0“ schon fast gewöhnt haben, wird mir mehr und mehr klar, dass das Paradigma des „2. Maschinenzeitalters“ die Entwicklung wohl viel besser beschreibt. Denn dieses von den MIT-Forschern Brynjolfsson und McAfee in die Diskussion gebrachte Szenario  ist in seinen Annahmen deutlich radikaler. Es lässt sich auf die Kurzformel bringen: Die Roboter, die an unsere Werkstore klopfen, und die Algorithmen in unseren Computern brauchen uns genau genommen gar nicht mehr. Unsere Arbeitskraft gewinnt nicht mehr durch ihre Produktivität. Sie steht im Wettbewerb mit ihr. Genauer gesagt: Menschliche Arbeit wird es immer geben – die Frage ist nur: Zu welchem Preis? Es geht um die komparativen Vorteile und damit um den Preis der Arbeit, wie Harvard Forscher Richard Freeman meint. 

Und beim Preis der Arbeit ist das „2. Maschinenzeitalter“ bereits angekommen. Quer über die OECD-Staaten hinweg haben mittlere Einkommen anteilig verloren, also genau da, wo die Maschinen immer mehr vordringen. Wer es schafft, gewinnt und steigt in die Hochlohnjobs auf. Wer es nicht schafft, steigt ab. Ähnlich ist das Bild beim Volkseinkommen. Seit den 1970’er Jahren bis heute hat sich der Anteil des Volkseinkommens, der in Lohneinkommen fließt, zu Gunsten des Kapitaleinkommensanteils verringert. Um mit Freeman zu sprechen: „Who owns the robots, owns the world.“

Das bleibt nicht ohne Konsequenzen. Frey und Osborne, zwei Forscher in Oxford, kommen zu dem Schluss, dass Donald Trump nicht von den Globalisierungs-, sondern von den Robotisierungsverlierern gewählt wurde. Der Brexit, die „Gelb-Westen“ in Frankreich – die Parallelen sind da.

Nicht falsch verstehen: Der Technologieschub wird uns die nächste große Welle des Wachstums und Wohlstands bringen. Wir werden am Ende weniger arbeiten und besser leben. Die Frage ist nur: Wer partizipiert daran und wie? Mich überrascht es nicht, dass das Bedingungslose Grundeinkommen gerade im Silicon Valley viele Anhänger hat. In der Form, wie es diskutiert wird, führt es aber nur zum „Untenhalten“ durch sozialen Unterhalt. Wer mündige, freie Bürger will, muss Teilhabe wollen. Teilhabe an den Früchten, aber auch an den Risiken des Wirtschaftens. 

Die Brücke zwischen Kapital und Arbeit

Das Instrument dazu heißt Kapitalbeteiligung; sie bildet die notwendige Brücke zwischen Kapital und Arbeit. Die Mitarbeiterkapitalbeteiligung wäre eine gute Einstiegsmöglichkeit. Darüber hinaus müsste die Kapitalbeteiligung aber auch in der Breite gefördert werden.

Wie kann das geschehen? Hier ein 7-Punkte-Plan für Politik und Finanzbranche:

  1. Mitarbeiterkapitalbeteiligung sollte als ein Teil der Corporate Social Responsibility (CSR) gesehen werden. Es wäre nur konsequent, wenn die Mitarbeiterkapitalbeteiligung in den gängigen Katalog der sogenannten „ESG“-Kriterien (Environment – Social – Governance) als Prüfkriterium für die Beschäftigungsbedingungen mit aufgenommen würde.
  2. Um annährend europäisches Förderniveau und eine entsprechende Verbreitung zu erreichen, müsste der jährliche Steuerfreibetrag für Mitarbeiterkapitalbeteiligungen von derzeit 360 € auf mindestens 3.000 € angehoben werden. 
  3. Langfristige Anleger sollten anders besteuert werden als kurzfristig denkende und handelnde Investoren, beispielsweise durch die Steuerfreiheit für Veräußerungsgewinne bei Aktien bei einer Haltefrist von mindestens zehn Jahren.
  4. Für langfristige Aktien- und Fondssparpläne oder Mitarbeiterkapitalbeteiligungen, die explizit zur Bildung von Altersvorsorgekapital dienen wäre ein eigener Freibetrag für die nachgelagerte Besteuerung angebracht.
  5. Finanzdienstleister können Instrumente zur Verfügung zu stellen, die den Kapitalaufbau in Mitarbeiterhand durch die Verringerung von Risiken fördern. Hierfür kommen etwa eine Insolvenzsicherung oder Garantieren z.B. für nicht fungible Formen der Mitarbeiterkapitalbeteiligung (im Mittelstand) in Frage oder auch Teilhaberfonds, welche der Diversifikation dienen und gleichzeitig die Ausübung von Eigentumsrechten ermöglichen.
  6. Steuerliche, regulatorische und gesellschaftsrechtliche Anforderungen müssen auf den Prüfstand, damit die Unternehmen eine Mitarbeiterkapitalbeteiligung so einfach wie möglich anbieten können. Dies betrifft nicht nur Aktiengesellschaften, zum Beispiel im Hinblick auf die Beschaffung der Aktien oder die Depotverwaltung, sondern auch den Mittelstand bei der Frage der Abzugsfähigkeit der Zinsen bei mezzaninen Beteiligungen sowie Startups, die aufgrund von gesellschaftsrechtlichen Hemmnissen „Zuflucht“ bei virtuellen Beteiligungen suchen müssen. Es sollten nicht nur bestehende Hindernisse abgebaut, sondern es müssen auch drohende neue Hemmnisse vermieden werden: Hier ist beispielsweise die Finanztransaktionssteuer zu nennen, die auf eine Veränderung der Vermögenszusammensetzung erhoben werden soll, oder auch Überlegungen zur Abschaffung der Abgeltungssteuer. Beides ist kontraproduktiv für das Ziel, eine breitflächige Teilhabe am Kapital der Wirtschaft zu schaffen.
  7. Mehr Teilhabe für alle! Die Beteiligung am Kapital der Unternehmen muss für alle Kreise der Bevölkerung attraktiv gestaltet werden, unabhängig von Beschäftigungsverhältnis und Einkommen. Eine vom Arbeitsverhältnis unabhängige Förderung des „Altersvorsorge-Sparens“ und der Vermögensbildung (heute Riester- und Rürup-Rente) sollte Aktien, Fonds und andere Produkte in den Förderkatalog aufnehmen und ähnliche steuerliche Rahmenbedingungen, Freibeträge und/oder nachgelagerte Besteuerung vorsehen, wie sie für die Mitarbeiterkapitalbeteiligung hier vorgeschlagen sind. 

Wir brauchen Kapitalbeteiligung für das 21. Jahrhundert. Lassen wir die Roboter für uns arbeiten, arbeiten wir nicht für die Roboter!

Hans-Jörg Naumer ist Mitherausgeber des Buches „Die Kapitalbeteiligung im 21. Jahrhundert. Gerechte Teilhabe statt Umverteilung“, Springer-Gabler, 2018.

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