Karte Ost- und Mitteleuropa

Konjunktur in Europa: Im Osten geht die Sonne auf

Mittel-/Osteuropa

Einige der ostmitteleuropäischen Mitgliedstaaten der Europäischen Union gelten seit geraumer Zeit als politische „Sorgenkinder“ der EU. Ob in Ungarn oder in Polen – die jeweiligen Regierungen steuern ihr Land unverkennbar in Richtung Autoritarismus, hebeln in Teilen die Gewaltenteilung aus und lassen Versuche erkennen, eine stärkere Kontrolle über die Medien zu erlangen. In ökonomischer Hinsicht hingegen sieht es ganz anders aus: Hier ist der Osten der EU eher Vorbild für den Rest der Union. Für die gesamte Region der östlichen EU-Staaten erwarten die Experten vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (Wiiw) ein Wirtschaftswachstum von 3,9 Prozent in diesem Jahr.

Osten kann Wachstumsvorsprung weiter ausbauen

Zum Vergleich: In Deutschland, der größten Volkswirtschaft Europas, wird 2019 mit einer Zunahme des Bruttoinlandsprodukts von nur 0,6 Prozent gerechnet. Der Osten könne seinen Wachstumsvorsprung gegenüber Westeuropa mit 2,4 Prozentpunkten weiter ausbauen, heißt es in der im Juli veröffentlichten Wiiw-Konjunkturprognose. Es habe sich „vom Abschwung im Euro-Raum und insbesondere von Deutschland recht deutlich abgekoppelt“. Vor allem in Polen kann man schon von einem kleinen Wirtschaftswunder sprechen. Der östliche Nachbar Deutschlands, in dem im Oktober Parlamentswahlen stattfinden, ragt mit einem erwarteten Wirtschaftswachstum von 4,6 Prozent heraus. Auch 2020 sollen es noch 3,7 Prozent sein.

Wachstumstreiber im Osten, so das Wiiw, bleiben die stark wachsenden Löhne. Sie trieben die Binnennachfrage und stellten keine Gefahr dar. Denn es sei ein „positiver Kreislauf aus steigenden Löhnen und Investitionen“ entstanden, der lange anhalten könne. Die gestiegenen Lohnkosten hätten auch die Wettbewerbsfähigkeit nicht verschlechtert – im Gegenteil: In diesem Bereich habe der Osten weit zum Westen aufgeschlossen. Produktivitätsfortschritte förderten sogar weiteres Lohnwachstum.

Erfolgreicher Transformationsprozess

Blickt man auf die letzten 30 Jahre und speziell auf 15 Jahre EU-Mitgliedschaft zurück, liest sich der ökonomische Transformationsprozess der mittel- und osteuropäischen Länder wie eine Erfolgsgeschichte. Vor allem Tschechien, Slowenien, Litauen und Estland sind in Reichweite des EU-Durchschnitts beim BIP pro Kopf aufgerückt. Unumstritten ist, dass die 365,2 Milliarden Euro, die die Neumitglieder von 2004 bis 2020 aus Brüssels Struktur- und Kohäsionsfonds bezogen haben bzw. noch beziehen werden, ihren Anteil am wirtschaftlichen Aufschwung der letzten Jahre haben. Im Ergebnis ist das BIP pro Kopf in den jungen Mitgliedstaaten zwischen 2003 und 2017 auf durchschnittlich 84 Prozent des EU-Mittels gestiegen. Die östlichen EU-Staaten verfügen heute über bessere Institutionen, ein besseres Ausbildungsniveau und höhere Umweltstandards als bei ihrem Beitritt, so Experten. Die EU war eine Konvergenz-Maschine für Polen und ganz Osteuropa, lobt der polnische Ökonom Ignacy Morawski.

Hohe Emigration

Doch gibt es auch Schattenseiten. Nicht übersehen werden darf etwa, dass die Region einen menschlichen Aderlass erlitten hat. Millionen Bürger aus den mittel- und osteuropäischen Ländern arbeiten heute in England, Deutschland oder Frankreich. Das hat zwar zu einer rasant gesunkenen Arbeitslosigkeit im Osten geführt: In Polen beträgt sie nur noch 3,7, in Tschechien sogar nur 2,2 Prozent. Aber wegen Fachkräftemangels wurden bereits einige Investitionsprojekte in der Region gestoppt. Mittlerweile, so Experten, gebe es Personalnot in bestimmten Marktsegmenten, davon betroffene Unternehmen wandern inzwischen in die Ukraine oder auf den Balkan weiter. Davon abgesehen deuten die Wahlergebnisse der jüngeren Zeit darauf hin, dass es in den vergangenen Jahren auch soziale Verwerfungen gegeben hat, auf die beispielsweise die seit 2015 regierende polnische Partei PiS mit einer deutlichen Ausweitung sozialstaatlicher Leistungen reagiert hat – ein Grund für ihre anhaltende Popularität.

Klar ist: Für Westeuropa bedeutet die starke Konjunktur im Osten ein Segen. Ohnehin stellen die post-kommunistischen Länder nicht nur wichtige Absatzmärkte dar; die Standorte und Zulieferer in diesen Staaten sind längst auch unverzichtbarer Bestandteil der Wertschöpfungsketten westeuropäischer Unternehmen.

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