Weltweit nur mäßiger Lohnanstieg

Weltweit nur mäßiger Lohnanstieg

Globalisierung

Trotz guter Konjunktur und sinkender Arbeitslosigkeit ist das weltweite Lohnwachstum so schwach wie seit zehn Jahren nicht mehr. Auch Europa ist hiervon betroffen.

Einmal im Jahr analysiert die Internationale Arbeitsorganisation (ILO), eine UN-Sonderorganisation, an der Arbeitgeber und Gewerkschaften mitwirken, wie sich weltwirtschaftliche Entwicklungen auf Löhne und Gehälter auswirken. In ihrem jüngst vorgestellten Lohn-Bericht 2017/18 kommt die ILO dabei zu einem ernüchternden Ergebnis: Global war das inflationsbereinigte Lohnwachstum im Jahr 2017 mit 1,8 Prozent so gering wie seit dem Krisenjahr 2008 nicht mehr. Rechnet man das bevölkerungsreiche China mit seiner immer noch dynamischen Wirtschaftsentwicklung heraus, sind es sogar nur 1,1 Prozent – nach 1,8 Prozent im Vorjahr.

Schwacher Lohnanstieg in den Industrieländern

Trotz meist guter wirtschaftlicher Entwicklung und niedriger Arbeitslosigkeit verzeichnen auch die Industrieländer äußerst magere Lohnzuwächse: Für jene unter ihnen, die Teil der G20-Gruppe sind, kommt 2017 lediglich ein Wachstum von real 0,4 Prozent heraus. Schaut man auf die vergangenen zehn Jahre, so fällt auf, dass es überhaupt nur in zwei Jahren (2015/16) spürbare Lohnanstiege gegeben hat; meist haben die Reallöhne kaum zugenommen. Unter den Industrieländern sind Großbritannien und Italien die Schlusslichter: Hier liegen die Löhne kaufkraftbereinigt noch immer um etwa 5 Prozent niedriger als 2008, dem Jahr, als die Weltfinanzkrise ausbrach. In den USA wiederum ist laut ILO das ungewöhnliche Phänomen am stärksten ausgeprägt, dass die Löhne trotz sinkender und sehr niedriger Arbeitslosigkeit nicht steigen.

Hinter dem schwachen Lohnwachstum vermutet die ILO einerseits eine Abschwächung des Produktivitätswachstums, also der Zunahme der Produktion je Arbeitskraft, andererseits einen sinkenden Anteil der Arbeitnehmer an den Produktivitätsgewinnen. Letzteres wird u.a. darauf zurückgeführt, dass die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer – etwa durch den Rückgang ihres Organisationsgrades – schwächer geworden ist. Hinzu kommt, dass ein stark ausgeweiteter Niedriglohnsektor zwar die Arbeitslosigkeit gesenkt, aber zugleich auch auf die Löhne gedrückt habe. Der Ersatz menschlicher Arbeitskraft durch Roboter wird ebenfalls als Erklärung genannt.

Zunahme in vielen Schwellenländern

Ganz allgemein gilt, dass in praktisch keiner Weltregion das Lohnwachstum wieder die Dynamik aus der Zeit vor der Finanzkrise erreicht hat. Gleichwohl aber gibt es Länder, in denen sich die Arbeitnehmer in den letzten Jahren über ein deutliches Lohnplus freuen konnten zugenommen haben: In China etwa haben sich die Reallöhne in den letzten zehn Jahren verdoppelt; in Indien, Indonesien und der Türkei haben sie immerhin um die Hälfte zugelegt. Lateinamerika konnte dagegen nicht weiter aufholen: Brasilien verzeichnet nur schwache Wohlstandsgewinne, in Mexiko sanken die Reallöhne sogar. In Afrika wiederum, wo die ILO in diesem Bericht zum ersten Mal einen Lohnindex für eine größere Anzahl der wichtigeren Länder berechnet hat, sieht es momentan ganz düster aus. Hier schätzt die ILO 2017 einen Reallohnrückgang von drei Prozent, getrieben von sehr negativen Entwicklungen in den bevölkerungsreichen Ländern Nigeria und Ägypten und schwachen Zunahmen auch in anderen Staaten.

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