Die Entscheidung einer Mehrheit der Briten für den Austritt des Vereinigten Königreiches aus der Europäischen Union ist von historischer Bedeutung. Mit Großbritannien wird die Union ihr drittgrößtes Mitgliedsland verlieren, das für 18 Prozent des EU-weiten Wirtschaftsaufkommens und für 12 Prozent des Warenexports steht. Und mehr als nur das: Großbritannien ist Nettozahler in den EU-Haushalt, steht für eine auf freiheitlichen Traditionen beruhende Wirtschaftspolitik und ist als größte europäische Militärmacht und ständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat nahezu unverzichtbar für die außenpolitische Schlagkraft der EU.

Der Schaden für die EU im Falle eines Brexit ist also beträchtlich, noch größer aber dürften die Nachteile für das Vereinigte Königreich sein. Über aller Unsicherheit steht vor allem eine Frage: Wie werden die künftigen Handelsbeziehungen zwischen Großbritannien und der EU aussehen? Scheidet Großbritannien aus dem europäischen Binnenmarkt aus, ohne dass es eine Anschlussregelung gibt, hätte dies mutmaßlich erhebliche negative Auswirkungen auf den britischen Export und die Investitionsbereitschaft ausländischer Unternehmen. In jedem Falle ist eine Zeit der Unsicherheit angebrochen, die alles andere als förderlich für die Wirtschaft ist. Auch EU-Arbeitnehmer in Großbritannien und britische Arbeitnehmer in anderen EU-Staaten wissen noch nicht, wie ihr künftiger Status aussehen wird.

Die Austrittsverhandlungen hätten theoretisch mit dem Tag beginnen können, an dem die britische Regierung dem Europäischen Rat nach Artikel 50 EUV ihre Austrittsabsicht mitteilt; dies ist am 29. März 2017 geschehen. Die Verhandlungen sind dann zunächst auf zwei Jahre begrenzt. Nach Ablauf dieser Frist würden die EU-Verträge auf das Vereinigte Königreich automatisch keine Anwendung mehr finden. Auch infolge der Neuwahlen zum britischen Unterhaus hat sich der Beginn der Verhandlungen verzögert. Begonnen haben sie am 19. Juni 2017.

In den Verhandlungen zwischen Union und Großbritannien müssen die Einzelheiten des Austritts geklärt werden; zugleich wird es vor allem darum gehen, die zukünftigen Beziehungen zwischen UK und der EU festzulegen. Die britische Premierministerin May hat bekanntgegeben, dass Großbritannien künftig keine Arbeitnehmerfreizügigkeit einräumen und sich nicht mehr der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes unterwerfen wolle. Damit räumte sie zugleich ein, dass das Vereinigte Königreich künftig nicht mehr Teil des EU-Binnenmarktes sein werde. Die Austrittsbefürworter hatten in ihrer Kampagne noch suggeriert, dass Großbritannien auch nach einem Austritt aus der EU Teil des Binnenmarktes bleiben könne, die damit verbundene Personenfreizügigkeit aber nicht mehr einräumen müsse. Vertreter der EU und der anderen Mitgliedstaaten hatten allerdings nach der Brexit-Abstimmung deutlich gemacht, dass dies nicht möglich sei.

Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund sind die Verhandlungen zwischen der EU und Großbritannien über ihre künftigen Beziehungen äußerst kompliziert und werden - was die Details eines neuen Handelsabkommens anbelangt - nicht bis 2019 abgeschlossen werden können. Bevor die EU-Verhandlungsführer um Ex-Kommissar Michel Barnier überhaupt über die zukünftigen Beziehungen zu verhandeln bereit waren, wollten sie zunächst drei Fragen geklärt wissen: die Höhe der finanziellen Verpflichtungen Großbritanniens, den zukünftigen Status von EU-Bürgern im Vereinigten Königreich bzw. von britischen Staatsbürgern in der EU und die künftige Situation an der irisch-nordirischen Grenze. Hier hat es Ende 2017 eine erste vorläufige Einigung gegeben. Darufhin konnten die Verhandlungen über die künftigen Beziehungen beginnen. Ziel der britischen Regierung: eine zweijährige Übergangsphase nach dem Brexit, in der die Details geklärt werden.

Ungeachtet der komplizierten Materie und der berechtigten Forderungen seitens der EU: Nicht nur im Interesse Deutschlands und der deutschen Wirtschaft ist es, dass die engen wirtschaftlichen Bande zwischen Großbritannien und dem Rest der EU aufrechterhalten werden.

In den Wochen und Monaten nach der Volksabstimmung wurden vereinzelt Hoffnungen geäußert, dass der Austritt des Vereinigten Königreiches womöglich noch abgewendet werden könne. Mit der Hinterlegung des britischen Austrittswunsches nach Artikel 50 und dem Beginn der Brexit-Verhandlungen sind diese Hoffnungen allerdings weitgehend gestorben. Die komplizierten Mehrheitsverhältnisse im britischen Unterhaus nach den kurzfristig abgehaltenen Wahlen im Juni 2017 lassen es aber nach wie vor ungewiss erscheinen, welchen Brexit-Kurs die Regierung May fahren will und schlussendlich auch durchsetzen können wird. Ob das Vereinigte Königreich am 29. März 2019 tatsächlich aus dem Binnenmarkt ausgeschieden sein wird oder ob es nicht doch womöglich längere Übergangsregelungen gibt, die britische Konzessionen voraussetzen, lässt sich gegenwärtig noch nicht mit letzter Sicherheit prognostizieren. Die britische Regierung hat Anfang 2018 allerdings noch einmal bekräftigt, dass UK kein Mitglied der Zollunion bleiben werde.