Umfrage

Interview mit Andreas Krautscheid zur aktuellen Umfrage „Wirtschaftsstandort Deutschland: Ökonomische und gesellschaftliche Lage“ im Tagesspiegel vom 18. Dezember 2020

Wie kommt es, dass viele Deutsche ihre eigene finanzielle Situation so gut einschätzen?

Das hat sicher mehrere Ursachen, und es ist gut, dass sich viele Menschen neben den Sorgen um ihre Gesundheit nicht auch noch finanzielle Sorgen machen müssen. Der Staat hat im Frühjahr schnell und richtig auf die Corona-Krise reagiert: Die massiven staatlichen Unterstützungsmaßnahmen wie Ausgleichszahlungen, die Kurzarbeiter-Regelungen und die Überbrückungskredite gleichen gerade vieles aus. Nicht ohne Grund finden es über 90 Prozent der Bürger richtig, dass der Staat Unternehmen in der Krise hilft. 

Außerdem vergleichen Menschen ihre eigene Situation meist mit der Lage anderer. Deutschland ist da bisher noch ganz gut durch die Krise gekommen; wir sehen die Bilder aus den USA und anderen Ländern mit Massenarbeitslosigkeit und schlechter Gesundheitsversorgung und wissen, dass wir trotz vieler Sorgen in einem starken und sozialen Land leben.  

Nicht vergessen darf man auch: Ein Großteil unserer Bevölkerung hat bislang tatsächlich kaum finanziellen Einbußen zu verzeichnen – etwa Rentnerinnen und Rentner, die fast ein Drittel der Bevölkerung ausmachen, aber auch viele andere Berufsgruppen. Viele konnten nicht in den Urlaub fahren, waren in der Krise zum Konsumverzicht gezwungen und haben Geld gespart. Das vermittelt auch das Gefühl, dass es einem finanziell ja ganz gut geht.

Inwiefern passt der unentschiedene Wirtschaftsausblick (positive wie negative Aussichten halten sich die Waage) zur Konjunktur? Schätzen die Verbraucher die Lage/besser schlechter ein als Ihre Konjunkturexperten?

Das ist ein Ergebnis unserer Umfrage, das mich optimistisch stimmt. Denn bislang vertrauen die meisten Menschen in Deutschland auf die Stärke des Landes und seiner Wirtschaft, um gut durch die Krise zu kommen. Und das zurecht. Die Politik tut viel dafür, den Menschen das Gefühl zu geben, dass dies gelingen wird. Wir können uns angesichts der erheblich ansteigenden Staatsverschuldung solche Hilfen aber nicht auf lange Zeit erlauben; deshalb ist es so wichtig, den jetzigen harten Lockdown sehr ernst zu nehmen. 

Unsere Wirtschaft ist ohnehin in einem gewaltigen Transformationsprozess hin zu mehr Digitalisierung und hin zu mehr nachhaltiger Produktion. Wir haben gute Chancen, nach einem sicherlich harten Frühjahr mit einer gewissen Zahl von Insolvenzen eine neue, sehr starke Wachstumsphase zu beginnen. Dafür müssen aber die staatlichen Hilfen jetzt nach und nach vom „Prinzip Gießkanne“ umgestellt werden auf die Projekte, die uns im nächsten Jahr nachhaltiges Wachstum ermöglichen. 

Wie bedenklich ist, dass 33 Prozent sagen, der gesellschaftliche Zusammenhalt habe abgenommen?

Jeder von uns spürt doch: Je länger die Corona-Krise mit ihren Sorgen und Einschränkungen dauert, desto mehr nehmen gewisse Stressreaktionen und auch so mancher Unmut zu. Mir geht es eher wie den zwei Dritteln der Befragten, die nicht den Eindruck haben, dass der Zusammenhalt abgenommen hat, ich sehe gerade auch in Berlin enorme Hilfsbereitschaft und Engagement. Und die Akzeptanz der Krisenmaßnahmen ist in der Bevölkerung immer noch hoch – trotz der seit Monaten andauernden tiefgreifenden Einschränkungen im Privat- und Berufsleben. Das Vertrauen in die Politik, dass sie die Probleme des Landes lösen könne, ist so hoch wie schon lange nicht mehr. Solange das so ist, besteht aus meiner Sicht kein Grund, sich durch noch so lautstarke Proteste kleiner Minderheiten verunsichern zu lassen.

Hier finden Sie den kompletten Beitrag aus dem Tagesspiegel.

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