Dr. Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer und Mitglied des Vorstands, Bundesverband deutscher Banken, Berlin

BörsenTAG - „Wirtschafts- und Finanzbildung: Notwendiges Wissen, wie Wirtschaft funktioniert“

1. November 2015

Interview mit Michael Kemmer in BörsenTAG

Im vergangenen Jahr hat Bundespräsident Joachim Gauck beim 20. Deutschen Bankentag die fehlenden finanziellen und ökonomischen Grundkenntnisse in der Bevölkerung beklagt.

Wer persönliche Chancen nutzen und Risiken einschätzen wolle, der müsse sich informieren und in Finanzfragen kompetenter werden. In der Tat ist der Befund aus vielen Studien der letzten Jahre eindeutig: Mit dem Thema Wirtschaft und Finanzen können viele Deutsche wenig bis gar nichts anfangen. Das kann sich fatal auf persönliche Finanzentscheidungen auswirken, etwa wenn Anleger den Zusammenhang zwischen Risiko und Rendite aus den Augen verlieren oder Konsumenten scheinbar gedankenlos hohe Schulden auftürmen, die sie nicht mehr zurückzahlen können. Dass Stichworte wie Konjunkturdaten, Notenbankentscheidungen oder Außenhandelszahlen für viele Menschen ein Buch mit sieben Siegeln ist, hat aber auch eine volkswirtschaftliche Dimension. Schließlich müssen die Bürger in ihrer Rolle als Wähler die wirtschafts- und finanzpolitischen Absichten von Parteien zumindest grob beurteilen können. In größerem Maßstab darf sich eine Volkswirtschaft in solcher Hinsicht ökonomische Ahnungslosigkeit nicht leisten.

Jugend weiß zu wenig über Wirtschaft und Finanzen

Auch und gerade deutschen Jugendlichen mangelt es an Wissen. So gab in der im Juni 2015 erhobenen Jugendstudie des Bankenverbandes die Hälfte der Befragten an, sich mit Geld- und Finanzdingen kaum oder gar nicht auszukennen. Ökonomische Grundbegriffe sind vielen Heranwachsenden unbekannt: Über die Rolle der Europäischen Zentralbank wissen über die Hälfte (53 %) der jungen Leute nicht Bescheid. Vier von zehn können auch nicht erklären, was eine Inflationsrate ist. Und von dem, was an den Börsen geschieht, haben nach eigener Einschätzung 60 Prozent der jungen Leute keine oder nur wenig Ahnung. Schon diese Beispiele zeigen: In Sachen ökonomische Grundkenntnisse liegt gerade auch bei jungen Menschen einiges im Argen. Ein im Rahmen der Jugendstudie erhobener, auf sieben Wissensfragen basierender Index zeigt die trotz einer leichten Verbesserung gegenüber 2012 noch immer bedenklichen Lücken im Wirtschaftswissen der jungen Leute. Danach haben vier von zehn jungen Befragten (39 %) entweder schlechte (28 %) oder sogar sehr schlechte (11 %) ökonomische Kenntnisse. Ein entsprechender Handlungsbedarf besteht auch bei Finanzinformationen. Ob zunächst bei der Wahl eines passenden Kontos, später dann bei Spar-, Bauspar- oder Riester-Verträgen oder anderen wichtigen Fragen der Vermögensbildung, der Geldanlage, der Finanzierung und der Altersvorsorge, die jungen Menschen sollten gewappnet sein, um als mündige Verbraucher und Bankkunden ihre finanziellen Entscheidungen zu treffen.

Interesse an Wirtschafts-und Finanzthemen

Die Chancen, junge Leute mit Finanzthemen zu erreichen, stehen dabei gar nicht so schlecht wie oft angenommen.
Wie die Jugendstudie nämlich ebenfalls zeigt, macht es zwei Dritteln der 14- bis 24-Jährigen (65 %) durchaus Spaß, sich um ihre Finanzen zu kümmern. Wiederum zwei Drittel (67 %) der Jugendlichen und über drei Viertel (76 %) der jungen Erwachsenen geben zudem an, dass ihnen Infos über Geld und Finanzen wichtig sind. Gewünscht und erwartet werden sie in erster Linie von Banken (46 %), aber auch von der Schule (39 %) und den Eltern (37 %), etwas weniger von den Medien (30 %). Erfreulich ist, dass das Interesse an Wirtschaft unter jungen Leuten seit der letzten Jugendstudie 2012 wieder zugenommen hat. So zeigt sich aktuell rund ein Drittel (34 %) der Jugendlichen und jungen Erwachsenen stark an ökonomischen Themen interessiert, weitere 36 % zumindest noch etwas. Vor drei Jahren hatte nur rund ein Fünftel der Befragten stärkeres Interesse daran bekundet, vermutlich weil sich damals die zahlreichen negativen und schwer verständlichen Finanzkrisenthemen nachteilig ausgewirkt hatten.


Gestiegen ist nun auch der Anteil der jungen Leute, die konkreten Informationen über wirtschaftliche Zusammenhänge, also darüber, wie Wirtschaft funktioniert, für sich selbst Relevanz zuschreiben. Solche Nachrichten beurteilen aktuell zwei Drittel (67 %) der jungen Befragten als wichtig (54 %) oder sehr wichtig (13 %). Informationen dieser Art erwarten die jungen Leute dann aber weniger von Eltern (20 %) oder Banken (20 %), sondern vorrangig von den Medien (56 %) und von der Schule (57 %). Dementsprechend wünscht sich eine große Mehrheit der Befragten mehr Wirtschaft in der Schule: Acht von zehn (81 %) befürworten, dass ökonomische Inhalte in den Schulen einen höheren Stellenwert bekommen sollten; darunter auch drei Viertel der befragten Schülerinnen und Schüler. Damit nicht genug: Fast drei Viertel der 14- bis 24-Jährigen plädieren auch für die Einführung eines eigenen Schulfachs Wirtschaft in allen Bundesländern. Hier spricht sich ebenfalls mit zwei Dritteln die große Mehrzahl der Schülerinnen und Schüler für ein solches Fach aus.

Für ein eigenständiges Schulfach Wirtschaft

In der Tat dürfte die systematische und kontinuierliche Vermittlung von Wirtschaftswissen in der Schule am besten geeignet sein, um junge Leute mit dem heute notwendigen ökonomischen Rüstzeug ausstatten. Nur wer die alltäglichen wirtschaftlichen Vorgänge um sich herum versteht, kann sein Leben eigenverantwortlich gestalten und als mündiger Verbraucher sinnvolle Konsum- und Anlageentscheidungen treffen. Die Bildungs- und Kultusminister der Länder haben die Finanz- und Wirtschaftsbildung inzwischen als einen wichtigen Bestandteil der Allgemeinbildung - und damit als Gegenstand des Vermittlungsauftrags der Schulen - anerkannt.


Als sich, der Bankenverband vor fast 30 Jahren dem Thema ökonomische Bildung zuwandte, stand er mit dieser Erkenntnis und seiner Forderung nach mehr Wirtschaft in der Schule nahezu alleine da. Das hat sich erfreulicherweise geändert. Auch die Politik hat in den letzten Jahren mehr und mehr erkannt, wie wichtig es ist, jungen Menschen schon frühzeitig ökonomische Sachverhalte zu vermitteln.
Es gibt auch einzelne positive politische Entscheidungen, wie das Beispiel Baden-Württemberg zeigt. Dort soll es ab dem nächsten Schuljahr ein Schulfach Wirtschaft und Berufsorientierung geben. Doch ob Wirtschaft systematisch als eigenständiges Fach unterrichtet werden soll, darüber gehen die Meinungen in vielen anderen Bundesländern nach wie vor auseinander. Die bundesweite Einführung eines verpflichtenden Fachs ist daher weiterhin nicht in Sicht. In den meisten Bundesländern gibt es allenfalls ein Ankerfach wie Gemeinschaftskunde oder Politik, in dem Wirtschaft als Anhängsel untergebracht ist. Wünschenswert wäre hingegen ein flächendeckend wirkungsvoller und nachhaltiger Unterricht in ökonomischer Bildung. Denn wirtschaftliche Zusammenhänge sind zu komplex, um sie sporadisch und nebenbei zu lernen. Damit ökonomische Kenntnisse tatsächlich wirkungsvoll vermittelt werden können, sind eine ausreichende Stundenzahl und eine verbindliche Verankerung ökonomischer Themen in den Lehrplänen notwendig. Wie ein eigenständiges Fach Wirtschaft in der Praxis aussehen könnte, hat der Bankenverband bereits vor Jahren in einem Gutachten durch das Institut für Ökonomische Bildung in Oldenburg erarbeiten lassen. Darin werden Bildungsstandards vorgeschlagen, Anregungen für die Gestaltung von Lehrplänen gegeben und eine Konzeption für einen Bachelor-Masterstudiengang Ökonomische Bildung vorgelegt. Schließlich müssen die Voraussetzungen gegeben sein, dass sich angehende Lehrerinnen und Lehrer während ihrer Ausbildung das Wissen und die Fähigkeiten aneignen können, die für einen fundierten Wirtschaftsunterricht notwendig sind. Das Ziel eines Schulfachs Wirtschaft kann es allerdings nicht sein, die Schüler zu Börsenexperten oder Nachwuchswissenschaftlern heranzubilden, die mit komplexen makroökonomischen Modellen umgehen können. Es geht vielmehr um die Vermittlung grundlegenden Wissens. Schülerinnen und Schüler sollten wissen, was private Alterssicherung bedeutet, sie sollten verstehen, vor welchen Herausforderungen die Europäische Währungsunion steht, und sie sollten die Prinzipien kennen, auf denen unsere Wirtschaftsordnung, die Soziale Marktwirtschaft, basiert. Sie sollen mündige Bürger und Verbraucher werden, die fundierte Entscheidungen treffen können.

Die Jugendstudie des Bankenverbandes

Die Jugendstudie 2015 ist die fünfte Studie des Bankenverbandes seit 2003, die das Wirtschaftsverständnis sowie Aspekte der Finanzkultur bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen umfassend untersucht. Sie ist repräsentativ für die in Deutschland lebenden 14- bis 24-Jährigen. Die Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) hat hierfür im Juni dieses. Jahres 651 Jugendliche und junge Erwachsene telefonisch befragt. Als neues Element der Jugendstudie gibt es in diesem Jahr ein interaktives Online-Modul, die "Jugendstudie inter/aktiv". Dort können Jugendliche und junge Erwachsene von 14 bis 24 Jahren ausgewählte Fragen der Originalstudie selbst beantworten. Auf diese Weise können die Jugendlichen ihre Wirtschaftskenntnisse testen und ihr Wissen mit den repräsentativen Ergebnissen der Befragten ihrer Altersgruppe vergleichen.

Ergebnisse der Studie und Wissenstest unter:
www.schulbank.de/jugendstudie

Engagement der privaten Banken

Für dieses Ziel setzen sich übrigens der Bankenverband und seine Mitglieder, die privaten Banken, seit über 25 Jahren auch mit eigenen Aktivitäten ein. Im Rahmen des Schul-Bank-Programms unterstützt der Verband Lehrer und Schüler mit Unterrichtsmaterialien und trägt auch Schülerwettbewerbe aus. An dem ßankenplanspiel SCHUL/BANKER zum Beispiel nehmen jährlich rund 4.500 Schüler teil und erfahren dabei, wie eine Bank funktioniert. Oder das Zeitungsprojekt "Jugend und Wirtschaft" zusammen mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, bei dem die Jugendlichen über ein ganzes Schuljahr hinweg lernen, wirtschaftliche Zusammenhänge zu recherchieren und eigene Artikel darüber zu verfassen. Das Ziel all dieser Aktivitäten, zu denen auch umfangreiche Informationsmaterialien zum Thema Geld und Finanzen gehören, ist es, junge Menschen für die spannende Welt der Wirtschaft zu interessieren und ihnen ökonomische und monetäre Zusammenhänge verständlich zu machen. Um es mit den Worten des Bundespräsidenten Gauck zu formulieren: Wenn die Schülerinnen und Schüler ihr Abschlusszeugnis in Händen halten, sollten sie mündige Bürger sein, die sich am öffentlichen Gespräch über Fragen der Wirtschaft beteiligen können.

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