Dr. Hans-Walter Peters, Präsident des Bankenverbandes und Sprecher der persönlich haftenden Gesellschafter der Privatbank Berenberg

Festvortrag von Dr. Hans-Walter Peters zum 1. Hessischen Bankentag

25. April 2017

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Minister Schäfer,
lieber Herr Dombret,
sehr geehrte Frau Rutzka-Hascher,
lieber Herr Behrends,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

wer 70 Jahre alt wird, der hat viel erlebt, das trifft auf den Hessischen Bankenverband ganz eindeutig zu. Heute treffen wir uns hier zum ersten Hessischen Bankentag und wir können davon ausgehen, dass wir noch viele Bankentage erleben werden. Mit anderen Worten: Der Bankenverband Hessen hat in der Zukunft noch viel vor.

Meine Damen und Herren, 70 Jahre Bankenverband Hessen – das ist ein stolzes Jubiläum. Im Namen des Bundesverbandes deutscher Banken gratuliere ich den Kollegen in Frankfurt hierzu ganz herzlich. Dass Sie diesen Bankentag im Gebäude der Deutschen Bundesbank ausrichten, ist übrigens eine gute und nachvollziehbare Entscheidung. Der Austausch zwischen privaten Banken und der Deutschen Bundesbank ist wichtig, er ist vielfältig, er ist konstruktiv und freundschaftlich. Jedenfalls habe ich diesen Austausch bis heute immer so erlebt. 

70 Jahre – blicken wir kurz zurück in die Vergangenheit. Was war das für ein Jahr – 1947? Zunächst war es offenkundig ein gutes Jahr, um neue Organisationen, neue Vereine und neue Verbände zu gründen. Der Bankenverband Hessen war da in Gesellschaft mit so prominenten Namen wie dem Institut für Demoskopie Allensbach, dem Marburger Bund oder der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz: Sie alle feiern in diesem Jahr ihr 70jähriges Bestehen.

Das Jahr 1947, meine Damen und Herren, war aber auch ein Jahr, in dem vieles – im Grunde genommen alles – offen und unbestimmt war. Deutschland lag in Trümmern, das galt zu einem Teil auch für die Stadt Frankfurt. Gerade die Zukunft dieser Stadt war Gegenstand von Spekulationen. Würde Frankfurt zum Sitz von Parlament und Regierung eines provisorischen westdeutschen Teilstaates werden? Als der Bankenverband Hessen gegründet wurde, sprach einiges dafür. Eine andere Frage lautete: Wo würde das neue Finanzzentrum des Landes entstehen, nachdem Berlin hierfür nicht mehr in Frage kam? Im Norden des Landes, im Süden oder womöglich doch hier – in Frankfurt, einer Stadt mit schon damals großer Tradition als Finanzstandort?

Auch da kommt der Ort des heutigen Abends wieder ins Spiel. Im Jahr 1948 wurde mit der Bank deutscher Länder der Vorläufer der heutigen Deutschen Bundesbank eben hier in Frankfurt gegründet. Damit war der Weg geebnet für den Aufstieg Frankfurts zum Finanzplatz Nr. 1 in Deutschland. Gegen Frankfurt als Sitz von Parlament und Regierung hatte hingegen ein prominenter Rheinländer etwas einzuwenden. Statt einer Frankfurter bekamen wir somit eine Bonner Republik.

Wir können also zweierlei festhalten. Erstens: Der Bankenverband Hessen wurde noch ein Jahr früher gegründet als die neue deutsche Notenbank. Zweitens: Ein Teil von uns wird sich möglicherweise nächstes Jahr wiedersehen, wenn der Gründung der Bank deutscher Länder vor dann 70 Jahren gedacht wird. Allerdings feiert die Deutsche Bundesbank in diesem Jahr auch ihr 60jähriges Bestehen. Wie genau welches Jubiläum begangen wird, dazu kann möglicherweise Herr Dombret gleich etwas sagen.

Meine Damen und Herren, der Bankenverband Hessen hat in 70 Jahren erlebt, wie diese Stadt von einem respektablen deutschen zu einem der einflussreichsten Finanzplätze Europas geworden ist. Doch der Bankenverband Hessen hat dies nicht nur erlebt, er war zugleich ein Akteur dieser Zeit und dieses Wandels. Er hat die Interessen seiner sehr heterogenen Mitglieder gebündelt; er hat den Austausch unter den Instituten, aber auch der Institute mit Politik und Gesellschaft vorangebracht; er hat eng mit den anderen Landesverbänden kooperiert; er hat – und das darf gerne betont werden – die säulenübergreifende Zusammenarbeit gefördert und oftmals auch als Ansprechpartner für Institute aus den anderen Verbünden fungiert.

Großbanken, Auslandsbanken, Spezialbanken und viele kleine Institute, die zum Teil über eine lange Tradition verfügen – der Bankenverband Hessen steht für die Vielfalt der privaten Bankenlandschaft in Deutschland. Dies alles in einer Stadt, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten einen Internationalisierungsschub erfahren hat und womöglich in Kürze einen nächsten Schub erfahren wird. In einer Stadt übrigens auch, die der Sitz hochrangiger Bildungs- und Forschungseinrichtungen ist und nicht zuletzt in der Finanzbildung einiges vorzuweisen hat. Eine Stadt, bei der man über drei Stichwörter sprechen muss: Vielfalt, Internationalisierung und Bildung.

Vielfalt

Zunächst die Vielfalt: Die Vielfalt an Bankinstituten und Geschäftsmodellen hierzulande ist eine Trumpfkarte. Sie hat Deutschland und dem deutschen Finanzmarkt in den letzten Jahren und Jahrzehnten gutgetan. Der deutsche Bankensektor ist stabil. Er zeichnet sich durch eine geringe Krisenanfälligkeit und ein differenziertes Angebot für die Kunden aus.

Es stimmt zwar: Der deutsche Bankenmarkt ist eng; große Sprünge lässt er kaum zu. Hierfür ist aber nicht die Vielfalt verantwortlich, sondern eher die Vielzahl an Instituten. Eine weitere Konsolidierung des Marktes ist daher ein Thema, über das auch in Zukunft gesprochen werden muss. Doch unabhängig davon gilt: Vielfalt ist belebend, Vielfalt ist bereichernd, Vielfalt ist das A und O einer Wettbewerbswirtschaft.

Umso wichtiger ist es, dass die Vielfalt der Bankenlandschaft in Deutschland nicht durch außerordentliche Belastungen gerade für die kleinen Institute verloren geht. Ich habe es schon vor knapp drei Wochen auf dem Bankentag in Berlin gesagt: Es sind vor allem die kleinen Institute, die zum Teil massiv unter dem enormen zeitlichen und technischen Aufwand von Regulierung leiden. Ihre durchschnittlichen Regulierungskosten bezogen auf die Bilanzsumme liegen um ein Vielfaches höher als bei großen Instituten. Vor allem die Vielzahl der Regelungen und die Zunahme des Detailgrads stellen eine erhebliche Belastung für die kleinen Häuser dar. Das Proportionalitätsprinzip soll ihrer Benachteiligung eigentlich einen Riegel vorschieben. In der Praxis wird es aber nicht ausreichend genug berücksichtigt und angewandt. Zu viele kleinere Institute fallen bei den gegenwärtigen Bilanzschwellenwerten durchs Raster. Auch sie benötigen aber Vereinfachungen vor allem im administrativen Bereich, um ihre Kostenbelastung zu verringern.

Eines ist natürlich auch klar: Ihre Wettbewerbsfähigkeit müssen die deutschen Banken – ob groß oder klein – in allererster Linie selbst herstellen. Das ist ihre ureigene Aufgabe, auch wenn die Mixtur aus Regulierung und Niedrigzinsphase das Ganze gegenwärtig zu einem komplizierten Unterfangen macht. Eine starke Volkswirtschaft wie die deutsche braucht Banken, die stark und stabil sind, die Erträge erwirtschaften und damit ihre Kapitalbasis weiter kräftigen können. Eine starke Volkswirtschaft profitiert von einer vielfältigen Bankenlandschaft!

Internationalisierung

Meine Damen und Herren, Vielfalt heißt im Falle Frankfurts nicht zuletzt Internationalisierung. Nirgendwo in Deutschland können wir die Internationalisierung des Bankengeschäfts so hautnah erleben wie hier. Zu dieser Internationalisierung zählen die vielen namhaften Institute aus aller Welt, die hier vor Ort sind. Dazu zählt eine Börse, die auch ohne Fusion mit London im weltweiten Wettbewerb gut aufgestellt ist und nicht zuletzt die Ansiedelung der Europäischen Zentralbank. Sie hat aus Frankfurt eine globale Stadt gemacht.

Eines ist sicher: Der Finanzplatz Deutschland – und dazu zählt natürlich nicht nur, aber auch und vor allem Frankfurt – braucht diese Internationalität. Wenn nun in absehbarer Zeit Großbritannien die Europäische Union verlassen wird, werden einige internationale Banken neue Repräsentanzen in der EU gründen oder bestehende weiter ausbauen. Wir alle wissen: Frankfurt ist einer jener Standorte, der bei vielen Instituten in der engeren Wahl steht.

Meine Damen und Herren, bei diesem Wettstreit unterschiedlicher europäischer Städte darf es nicht darum gehen, verlockende Angebote zu machen, die mit dem europäischen Regulierungsstandard nicht übereinstimmen und daher unseriös sind. Hier und dort haben wir solche Tendenzen beobachten können. Umgekehrt kann es aber auch nicht darum gehen, auf Werbung in eigener Sache zu verzichten und mit regulativen Extras den Umzug nach Frankfurt zu erschweren.

Der Finanzplatz Deutschland, der Finanzplatz Frankfurt bieten eine Reihe guter Argumente, sich hier niederzulassen. Mitunter aber würde man sich von der Politik ein noch stärkeres Bekenntnis zu einem starken Finanzplatz Deutschland wünschen. Und auch hier gilt: Regulativ sollte zumindest nicht noch draufgesattelt werden. Beispiel europäische Bankenabgabe: Warum können Banken in Deutschland diese Abgabe nicht steuerlich geltend machen, so wie es der Logik des deutschen Steuerrechts entsprechen würde? Die Kreditinstitute in Deutschland werden hier benachteiligt, ohne dass dies plausibel und in irgendeiner Form notwendig wäre.

Bildung

Frankfurt und seine Umgebung, meine Damen und Herren, bieten so einiges, was für Zugereiste aus dem europäischen oder nicht-europäischen Ausland attraktiv ist – Infrastruktur, Arbeitskräfte, Kulturangebot. Über die vielen nun schon gesprochenen hochrangigen Bildungseinrichtungen der Stadt erkennt man Bildung und Frankfurt – das passt zusammen. Bildungsengagement und Bankenverband Hessen – das passt ebenfalls zusammen, das ist ein ganz besonderes Kapitel.

Einige von Ihnen dürften wissen, dass sich der Bundesverband in Berlin schon seit beinahe 30 Jahren um eine bessere ökonomische und finanzielle Bildung an den Schulen einsetzt. Wir tun dies mit einer Reihe von Unterrichtsmaterialien, vor allem aber mit zwei Schülerwettbewerben, an denen jedes Jahr aufs Neue viele Schülerinnen und Schüler teilnehmen. Der Bankenverband Hessen hat sich des Themas „Ökonomische Schulbildung“ in den letzten Jahren in besonderer Weise angenommen und ist auf diesem Gebiet der Vorreiter unter allen Landesverbänden – mit eigenen Angeboten wie den regelmäßig stattfindenden Lehrerseminaren. Lieber Herr Behrends, wir merken beim Bundesverband immer wieder, auf welch breite Resonanz wir mit unserem Bildungsangebot stoßen – deutschlandweit, aber auch in Berlin selbst. Ich denke, Sie machen die gleiche Erfahrung hier in Frankfurt.

Es kann nicht oft genug gesagt werden: Wirtschafts- und Finanzwissen ist elementares Wissen. Es hilft beim Sparen, bei Anlageentscheidungen, und es ist auch ein Schutz vor Überschuldung. Ökonomisches Wissen ist aber auch notwendig, um sich eine eigene Meinung zu unserer Wirtschaftsordnung, zur Staatsverschuldung oder zur Europäischen Währungsunion zu machen. Wenn unsere Branche also mithelfen kann, die Finanz- und Wirtschaftsbildung der jungen Leute zu verbessern, dann ist das eine gute Sache.

Meine Damen und Herren, im Fall der Banken leuchtet es vielleicht ein, dass wir zumindest an der jüngeren Vergangenheit nicht nur, jedenfalls nicht ausschließlich Freude haben. Doch davon ganz abgesehen: Wirklich alt können wir Banken gar nicht sein, denn unsere Branche schaut in die Zukunft, sie freut sich auf die Zukunft und sie ist voller Zukunft! Und das gilt nicht zuletzt auch für die privaten Banken hier in Hessen. Die Verbände werden sich massiv dafür einsetzen, dass Frankfurt nach dem Brexit in Europa der führende Finanzplatz wird, dass wir durch den Wettbewerb in der Regulatorik nicht ins Hintertreffen gelangen und dass wir die Bankenvielfalt erhalten.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit

 

Diese Webseite nutzt Cookies, um bestimmte Funktionen zu ermöglichen und das Angebot zu verbessern. Indem Sie hier fortfahren, stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.