Dr. Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer und Mitglied des Vorstands, Bundesverband deutscher Banken, Berlin

Kemmer: Allen Extremen eine Absage zu erteilen

29. Juni 2017

Fragen an Dr. Michael Kemmer anlässlich des Forums „Kirche, Wirtschaft, Arbeitswelt“ am 29. Juni 2017 in Wittenberg

1. Worin sehen Sie aktuell die größten wirtschafts- und sozialpolitischen Problemfelder, auf die sich das Motto „wenn jedes Maß verloren geht“ beziehen sollte?

Wer die Bankenbranche vertritt und über verlorenes Maß sprechen will, der muss auch offen für Kritik sein. Denn unbestritten ist, dass Maßlosigkeit zwar nicht der einzige und wohl auch nicht der entscheidende, aber ganz sicherlich ein Faktor war, der den Ausbruch der Finanzmarktkrise 2007/08 mitverursacht hat. Inzwischen hat sich vieles im Bankensektor geändert – Mentalitätswandel, Regulierung und die Erwartungen der Kunden haben hier positiv zusammengewirkt.

Auf welche wirtschafts- und sozialpolitischen Problemfelder sollte sich das Motto „wenn jedes Maß verloren geht“ also heute beziehen? Die Antwort ist im Grunde einfach: Prinzipiell auf jedes Feld, denn Maßlosigkeit tut generell nicht gut. Beispiele: Eine Rentenpolitik, die auf die demografische Entwicklung keine Rücksicht nimmt und damit die Zukunftsfähigkeit der sozialen Sicherungssysteme aufs Spiel setzt, hätte jedes Maß verloren. Eine Wirtschafts- und Handelspolitik, die soziale Fehlentwicklungen einseitig dem Welthandel und der Globalisierung anlastet und deswegen einen Kurs der Abschottung und der Strukturerhaltung um jeden Preis einschlägt, hätte jedes Maß verloren. Umgekehrt gilt aber auch: Eine Politik, die alles und jedes dem Marktprinzip unterordnet und den Solidaritätsgedanken missachtet, muss ebenfalls maßlos genannt werden.

2. Woran müssten sich nach Ihren persönlichen Vorstellungen Maß und Mitte orientieren oder was genau sollte die Bezugsgröße sein?

Maß und Mitte zu bewahren bedeutet, allen Extremen eine Absage zu erteilen: Leistung und Ertrag müssen ebenso sehr in einem nachvollziehbaren Verhältnis zueinander stehen wie der Zweck, den ich verfolge, und die Mittel, die ich einsetze. Auch an und für sich lobenswerte Vorhaben können das Maß sprengen, wenn die eingesetzten Mittel fragwürdig sind und möglicherweise Schäden bei anderen hervorrufen. Maß und Mitte zu bewahren bedeutet insofern immer auch, die Folgen des eigenen Tuns im Blick zu behalten. Auf die Unternehmen bezogen: Das Prinzip des ehrbaren Kaufmanns, der Gutes für seinen Betrieb und seine Mitarbeiter leistet und sich auch seiner gesellschaftlichen Verantwortung bewusst ist, sollte das Leitbild für Unternehmer und Top-Management sein. Übrigens ist Maß und Mitte deswegen keinesfalls gleichbedeutend mit Mittelmaß.

3. Bei welchen Themen oder auch Situationen bzw. Gelegenheiten ist Ihnen in der Vergangenheit schon einmal ganz persönlich das „gesunde Maß“ verloren gegangen oder/und wann war „das Maß voll“?

Das Vertrauen in die Eliten ist in den letzten Jahren zurückgegangen, wozu sie teilweise selbst Anlass gegeben haben. Wenn manches Handeln aber kritikwürdig gewesen ist, rechtfertigt dies noch lange nicht, dass die geübte Kritik jedes Maß verliert. Das Maß ist dann voll, wenn Personen herabgewürdigt und Fakten bewusst ignoriert oder verdreht werden. Leider ist die Tonalität nicht weniger Kommentare, die ich persönlich als Reaktion auf öffentliche Auftritte erhalte, nur schwer zu akzeptieren. Politiker und andere Personen des öffentlichen Lebens dürften diesbezüglich aber noch weitaus schlimmere Erfahrungen gemacht haben. 

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