Dr. Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer und Mitglied des Vorstands, Bundesverband deutscher Banken

SuperIllu: Keine Angst vorm Stresstest

Interview der SuperIllu mit Michael Kemmer vom 28. Juli 2016 über Stresstest, Brexit, den Finanzplatz Deutschland und die Wahlen in den USA

Herr Kemmer, ist Ihre Katerstimmung vorbei? Die Kapitalmärkte scheinen das Austrittsvotum ja bereits verdaut zu haben.

Inzwischen sind ja schon über vier Wochen seit dem Referendum verstrichen. Es ist ein Gewöhnungseffekt und damit ein Stück Normalität eingetreten. Aber es bleibt eine gewisse Unsicherheit. Wir kennen noch keinen genauen Plan, wie der Brexit von der Regierung unter Premierministerin Theresa May umgesetzt werden soll.

Theresa May hat angekündigt, dass Großbritannien frühestens Ende 2016 den Austrittsantrag stellt...

Unsicherheit ist Gift für die Kapitalmärkte und die Investitionsbereitschaft von Unternehmen. Deswegen wäre es gut, die Verhandlungen im nächsten Jahr möglichst schnell zu beginnen, ohne dabei überstürzt vorzugehen. Das Thema ist komplex. Es ist ungemein wichtig, das zukünftige Verhältnis Großbritanniens zur EU möglichst bald zu klären. Alles andere wirkt sich negativ auf die Konjunktur in Europa aus.

Soll das Vereinigte Königreich uneingeschränkten Zugang zum Binnenmarkt behalten?

Großbritannien, die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt, ist ein bedeutender Handelspartner für Deutschland und die EU. Wirtschaftlich enge Beziehungen sind im gegenseitigen Interesse. Der Zugang zum Binnenmarkt ist aber auch mit Pflichten verbunden.

Profitiert der Finanzplatz Frankfurt vom Brexit?

Davon gehe ich aus. Aber London wird in Zukunft weiter eine wichtige Rolle spielen und nicht in der Bedeutungslosigkeit versinken.

Wie ist denn das zu verstehen?

Es ist sinnvoll, die Europäische Bankenaufsichtsbehörde EBA, die als EU-Institution in einem Mitgliedstaat der Union beheimatet sein muss, an den Sitz der Europäischen Zentralbank und der Europäischen Versicherungsaufsicht zu verlegen. Das hebt Synergieeffekte und ist gegenüber Paris oder Dublin ein Vorteil. Frankfurt ist zudem mit einer guten Infrastruktur gerüstet. Würde die EBA an den Main ziehen, wird dadurch der Bankenstandort Deutschland aufgewertet. Auf der anderen Seite werden sicher viele internationale Finanzunternehmen London treu bleiben. Dafür wird sich auch die neue britische Regierung einsetzen. Nicht umsonst wurden den Unternehmen bereits Steuererleichterungen in Aussicht gestellt.

Apropos Stärkung des deutschen Bankensektors. Die EZB und die EBA wollen jetzt die Ergebnisse des Stresstests vorlegen. In Italien knirscht es gewaltig. Sind Sie beunruhigt?

Die deutschen Banken haben ihre Hausaufgaben gemacht und ihre Eigenkapitalquoten verbessert. Ich glaube nicht, dass der Stresstest Überraschendes zu Tage fördert. Und die Situation in Italien ist lange bekannt. Betroffen ist dort auch nicht der gesamte Bankensektor, sondern nur einzelne Institute. Deswegen sehe ich auch keine Ansteckungsgefahr, zumal die Forderungen der deutschen Banken gegenüber den italienischen mit 16,5 Milliarden Euro in der Summe überschaubar sind.

Sie sprechen immer davon, dass Unsicherheit Gift für die Kapitalmärkte sei. Die Republikaner haben gerade Donald Trump zum Präsidentschaftskandidaten gekürt. Zünden Sie in der Kirche schon Kerzen an, damit Hillary Clinton die US- Wahlen im November gewinnt?

Eine amerikanische Politik des Protektionismus und der Abschottung würde sicherlich der amerikanischen Wirtschaft den größten Schaden zufügen. Handelsbeschränkungen führen nur dazu, dass die Konjunktur ausgebremst wird und der Wohlstand sinkt. Aber wir sollten erst die Wahlen im November abwarten und nicht so sehr auf den Wahlkampf achten. Es wird vieles nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird.

Die Fragen stellte Wirtschafts-Ressortleiter Thilo Boss.

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