Dr. Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer und Mitglied des Vorstands, Bundesverband deutscher Banken, Berlin

Kemmer zum Verhältnis von Banken und FinTechs

21. November 2016

Gastbeitrag in der WirtschaftsWoche

Wettbewerb und Partnerschaft

Die Digitalisierung schreibt viele Geschichten. Eine der am häufigsten erzählten lautet in etwa so, dass das Neue auf ganzer Linie siegreich ist, während das Alte immer älter wird und von einer Verlegenheit in die nächste stolpert. Auch die Banken werden in diesem Zusammenhang gerne genannt. Hier die agilen Tech-Unternehmen, dort die schwerfälligen Old-Economy-Schlachtrösser – wer wollte sich der Verführungskraft dieses Bildes entziehen? Die Frage ist nur: Trifft es tatsächlich auf den Bankensektor zu? Haben auch hier die etablierten Unternehmen die Zeichen der Zeit verkannt und damit den Kampf um Kunden und Ertragsmöglichkeiten gegen die vielen jungen FinTechs so gut wie verloren?

Das Bild von der technologischen und digitalen Schlafmützigkeit der Banken ist schon deshalb schief, weil die Digitalisierung für sie kein neues Phänomen darstellt. Bereits seit über 50 Jahren digitalisieren die Institute ihre Prozesse, müssen sie doch seit jeher große Datenmengen verarbeiten. Spätestens seitdem das Internet alle Lebensbereiche durchdrungen hat, setzen die meisten Banken auf einen Multi-Kanal-Vertrieb, der inzwischen nicht mehr nur ausschließlich das Massengeschäft umfasst, sondern immer stärker auch in beratungsintensivere Geschäftsfelder Eingang gefunden hat.

Zugegeben: Zur Digitalisierungs-Avantgarde zählen viele Institute nicht. Die letzten Jahre waren geprägt von den Bemühungen der Banken, die steigenden Regulierungslasten zu bewältigen; mitunter fehlten die Ressourcen, um neue technologische Möglichkeiten auch in neue digitale Angebote umzuwandeln und damit den sich ändernden Kundenwünschen gerecht zu werden. Währenddessen hat der mobile Zugang zum Internet die Markteinstiegsbarrieren für neue Anbieter erheblich gesenkt. Vielen innovationsfreudigen FinTechs ist es gelungen, die neuen technischen Möglichkeiten konsequent umzusetzen und neue kundenfreundliche Dienstleistungen zu entwickeln. Den Banken waren sie damit nicht selten einen Schritt voraus.

Inzwischen aber ist die Situation eine andere. Banken haben sich modernisiert und investieren mittlerweile gewaltige Summen in ihre digitale Wettbewerbsfähigkeit. Flexibilität und Innovationskraft werden zunehmend als die Parameter erkannt und gelebt, die für das Bestehen in der digitalen Welt von morgen unumgänglich sind. Die Institute haben ihre Zugangswege modernisiert, neue, in Teilen von FinTechs entwickelte Lösungen in ihre Angebote eingebaut und den Service erweitert. Einige Banken integrieren FinTechs auf ihre Websites, die damit selber zu neuen Plattformen werden.

Aus Sicht der Kunden ist das mehr als erfreulich. Das Internet hat ihre Marktmacht gestärkt. Aber auch aus Bankensicht gibt es mehr Vor- als Nachteile. FinTechs beleben mit ihren Ideen und Lösungen den Markt und fördern den Fortschritt. Viele ihrer Innovationen sind auch für Banken interessant. So kann eine Crowdlending-Plattform für eine Bank Wettbewerber um Kredit- und Einlagenkunden sein, anderseits das Angebot einer Bank auch ergänzen, wenn zum Beispiel ein Kredit von dieser Bank nicht angeboten werden kann, weil er zu kleinteilig oder zu riskant ist. Unter Verbraucherschutzaspekten ist allerdings wichtig, dass das Risiko, das mit der Anlage in diese Plattform einhergeht, sachgerecht dargestellt wird und die Anleger tatsächlich verstehen, in welche Rechtskonstruktion sie investieren.

Dieses Beispiel zeigt: Während Banken Dienstleistungen für größere Kundengruppen bereitstellen und diese flächendeckend umsetzen, wenden sich FinTechs in der Regel mit einem einzelnen Produkt an eine kleine Gruppe von Kunden und verfügen meist nicht über die notwendigen Lizenzen, um Bankdienstleistungen zu erbringen. Sie streben diese wegen der hohen Regulierungsanforderungen auch gar nicht an. Zum Teil zielen sie gar nicht auf den Endkunden ab, sondern darauf, als Bestandteil der Prozesskette einer Bank eingesetzt zu werden. Deshalb benötigen sie für viele Dienstleistungen Partnerbanken.

Die privaten Banken sind starke Befürworter einer solchen Partnerschaft bzw. Kooperation zwischen Banken und FinTechs. In diese Kooperation können beide ihre jeweiligen Stärken einbringen. Bei den Banken sind dies die langfristigen und langjährigen Kundenbeziehungen, die hohen Produkt- und Kundenschutzstandards sowie das breitere Produktangebot für alle Kundengruppen. Ein vernünftiger regulatorischer Rahmen, der ein Level-playing-field sicherstellt, ist die Voraussetzung dafür, dass Banken wie FinTechs ihre Stärken ausspielen können. Vieles spricht dafür, dass einige FinTechs dauerhaft Marktanteile gewinnen können und sich in Richtung einer Bank entwickeln werden. Umgekehrt sind wir aber sicher: Auch in zehn Jahren werden Banken noch den größten Teil der Privat- und Firmenkunden im Bankgeschäft bedienen. Ihr universelles Produktangebot und vor allem die Möglichkeit, Einlagen und Kredite über die eigene Bilanz abzuwickeln, sprechen dafür. Und gerade deshalb gilt: Ob als Konkurrenten oder Partner – gemeinsam treiben Banken und FinTechs die Digitalisierung des Bankgeschäfts voran.

 

 

 

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