Dr. Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer und Mitglied des Vorstands, Bundesverband deutscher Banken, Berlin

Stuttgarter Zeitung - "Eine Immobilienblase ist noch nicht in Sicht"

14. Oktober 2016

Interview mit Michael Kemmer in der Stuttgarter Zeitung

Die privaten Banken fordern klare Mindestanforderungen für die Kreditvergabe, sagt Verbandssprecher Michael Kemmer. Die privaten Banken sehen, anders als andere Verbände der Kreditwirtschaft, keinen Beleg dafür, dass die Nachfrage nach Immobiliendarlehen durch das neue Gesetz zurückgeht, halten einige Klarstellungen aber für sinnvoll.

Herr Kemmer, einige Bundesländer wollen die Richtlinien für die Kreditvergabe für Wohnimmobilien ändern, weil diese für junge und ältere Menschen angeblich erschwert wird. Sehen Sie das auch so?

Es liegen wenige Monate nach Inkrafttreten des Gesetzes keine aussagefähigen Zahlen vor, die auf einen flächendeckenden Einbruch bei der Kreditvergabe schließen lassen. Zudem sind die Auswirkungen offenbar von Bank zu Bank unterschiedlich. So gibt es auch eine Reihe von Instituten mit beachtlichem Wachstum in der Baufinanzierung.

Manche Beobachter halten die Initiative für den Auftakt zum Bundestagswahlkampf. Wie schätzen Sie das ein?

Dass die Politik Irritationen ernst nimmt und aufgreift, ist sinnvoll. Da die einschlägigen Vorschriften eine Vielzahl von unbestimmten Rechtsbegriffen enthalten, gibt es Unsicherheiten. Diese zu klären, liegt im Interesse von Kunden und ihren Banken.

Zu den Fakten: Wie lief die Kreditvergabe bei den privaten Banken in den ersten Monaten nach Einführung der neuen Richtlinie?

Wie schon erwähnt sehen wir keinen flächendeckenden Einbruch, das geben auch die Bundesbankzahlen nicht her. Aber: Da die Lage von Bank zu Bank so unterschiedlich sein kann, ist es wichtig, die Rechtsunsicherheiten zu beseitigen. Ziel sollte sein, dass die rechtlichen Vorgaben so klar sind, dass eine einheitliche Handhabung gegeben ist. Dazu laufen Gespräche mit dem Justiz- wie mit dem Finanzministerium.

Wie groß ist aus Ihrer Sicht die Gefahr einer Blase den Immobilienmärkten? Das Betongold scheint ja für viele die derzeit einzig gute Anlageform zu sein.

Ein gewisses Risiko besteht, doch konzentrieren sich die starken Preiserhöhungen zurzeit vor allem auf Ballungsräume. Und: Die Kreditquote selbst ist bei Immobilienkäufen nicht außerordentlich stark gestiegen. In Deutschland gibt es zudem seit dem Frühjahr 2013 ein Expertengremium für die Finanzstabilität („Ausschuss für Finanzstabilität“), das sich unter anderem gezielt mit solchen Fragen wie Bildung von Blasen auseinandersetzt und auch im Fall der Fälle Handlungsempfehlungen aussprechen kann.

Welche Voraussetzungen halten Sie für nötig, damit eine Bank ein Immobiliendarlehen vergeben kann?

Wir brauchen klare rechtliche Vorgaben, insbesondere für die Prüfung der Kreditwürdigkeit. Und um genügend Rechtssicherheit zu schaffen, wollen wir, dass den Kreditinstituten für die Kreditvergabe klare Mindestanforderungen an die Hand gegeben werden sollten. Zum Beispiel sollten allgemeine Lebensrisiken (Tod, Scheidung, Arbeitsplatzverlust) grundsätzlich keine Rolle spielen. Auch sollten die Informationen, die erforderlich sind, um die Kreditvergabe zu prüfen, konkretisiert und auf ein sachgerechtes Maß beschränkt werden.

Das Gespräch führte Klaus Dieter Oehler.

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