Dr. Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer und Mitglied des Vorstands, Bundesverband deutscher Banken, Berlin

ZfGK - Michael Kemmer: "Information als Treibstoff der Digitalisierung, neue Wettbewerber als Bedrohung für die privaten Banken?"

1. September 2014

Mit der fortschreitenden Digitalisierung beobachten wir wieder einmal einen umgreifenden technologiegetrieben Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft, der den Weg für völlig neue Dienstleistungen und Geschäftsmodelle bereitet hat und weiter bereiten wird. Wie die Erfindungen von Dampfmaschine, Telefon oder auch Computer ist diese Entwicklung für unsere innovationsgetriebene Wirtschaft lebensnotwendig, um im Wettbewerb bestehen zu können. So werden unternehmerische Prozesse bereits seit den 1960er Jahren fortwährend digitalisiert. Doch hat dieser Wandel mit seiner immer schneller werdenden Dynamik und seinen ungeahnten und bislang unbekannten Möglichkeiten eine völlig neue Qualität angenommen. Das gilt nicht nur für veränderte oder völlig neue Produkte und Dienstleistungen. Er beeinflusst auch die Art und Weise, wie und zu welchen Kosten produziert werden kann. Einstiegsbarrieren für neue Anbieter im Markt sinken, was der Dynamik zusätzlichen Schub verleiht.

Der fundamentale Wandel wird auch im Privaten immer deutlicher sichtbar. Dass sich Smartphones so rasant verbreiten, zeigt beispielhaft, wie wir uns von neuen Technologien bei der Organisation unseres Alltags helfen lassen, aber auch wie diese den Alltag nachhaltig verändern. Vor allem der mobile Zugang zum Internet – eng verbunden mit der sozialen Vernetzung – potenziert die Vielfalt an Möglichkeiten für neue Dienstleistungen. Daraus entstehen komplexe digitale Wirtschaftsgefüge, sogenannte Eco-Systeme, die ihrerseits auf vernetzten wirtschaftlichen Partnerschaften basieren. Kommunikation ist dabei das Schlüsselelement dieses Zeitalters. Als Anfang dieses Jahrtausends festgestellt wurde, dass Rohstoff und Treibstoff der Digitalen Industrie „Information“ sei, klang das für viele noch sehr abstrakt. Heute wird tatsächlich Mehrwert aus aufbereiteten Informationen geschöpft, Informationen die das Marktgefüge grundlegend verändern: Big-Data ist schon wieder „out“, Rich-Data ist „in“.

Die „Neuen“ geben Anstoß für Innovationen
Eine weitere Folge dieser Entwicklungen ist, dass gute Ideen sich schneller im Markt durchsetzen können. Der Puls für Innovationen hat sich rasant beschleunigt. Zahlreiche Faktoren begünstigen diesen Prozess: Einer der Katalysatoren für den epochalen Wandel ist, dass IT-Ressourcen über Cloud-Dienste kostengünstig beschafft und bereitgestellt werden können. Aber digitale Plattformen fördern auch maßgeblich die Vernetzung von Geldgebern und kreativen Köpfen. Soziale Netzwerke sind dabei der Multiplikator für neue Ideen. Kreative tauschen sich aus, zeigen, wie Unternehmungen zum Laufen gebracht werden, und wecken so die Motivation bei anderen, ihre Ideen zu verwirklichen. Der Sog dieser Entwicklungen zieht nicht nur große internationale Firmen wie Google, sondern auch kleine und Kleinst-Unternehmen sowie branchenfremde Marktteilnehmer gerade auch in den Finanzsektor, wo die neuen Marktteilnehmer als FinTechs neue Dienstleistungen etablieren.

Dabei gewinnen diese neuen Wettbewerber für immer größere Teile der kreditwirtschaftlichen Wertschöpfungskette an Bedeutung. Anfangs lag der Fokus hauptsächlich darauf, kreditwirtschaftliche Dienstleistungen für das Internet und das Smartphone zu optimieren. In jüngerer Zeit stellen neue Wettbewerber die Dienstleistungen und Produkte der Banken auf den digitalen Prüfstand und suchen neue Wege für das Bezahlen, die Kreditvergabe, die Kontoverwaltung, die Vermögensplanung und viele andere klassische Bankprodukte., Dabei geht es unter anderem um die Fragen, wie Kunden sich im digitalen Zeitalter Informationen beschaffen, wie Inhalte präsentiert werden und was ein Kunde daraus für sein eigenes Verhalten lernt. Nie zuvor ist er so einfach und übersichtlich an aufbereitete Informationen gekommen, die er für Vorsorgepläne, Anlageentscheidungen, oder auch dafür nutzen kann, sein Sparverhalten anzupassen. Nie zuvor hat er so gute Vergleichsmöglichkeiten gehabt.
Viele der neuen Dienstleistungen erhöhen die Service-Qualität für den Kunden und tragen dazu bei, den Zugang zu Bankprodukten zu verbessern. Dabei werden die technischen Zugangswege auf der Kundenseite via Smartphone in einer Geschwindigkeit umgebaut, die die gewachsenen komplexen Banksysteme nicht leisten können. Neue Anbieter leisten hier oftmals Pionierarbeit und bieten neue Lösungen die von der Kreditwirtschaft dankbar aufgenommen werden.

Banken Treiber der „elektronischen Industrialisierung“

Diese „elektronische Industrialisierung“ gestalten Banken längst mit und treiben sie voran. Sie passen ihre Geschäftsmodelle und Prozesse ohnehin fortlaufend an technisch getriebene Innovationen an. So waren deutsche Institute weltweit ganz vorne mit dabei, ihren Kunden digitale Zugangswege wie zum Beispiel das Online-Banking anzubieten. Und: Neben interaktiven Kundenzugängen wurde schon früh die Entwicklung digitaler Finanzdienstleistungen durch den Markt unterstützt. Die Standards HBCI und FinTS existieren seit Jahrzehnten und sind Schnittstellen, die heute von mobilen Apps und Softwareanwendungen für den Zugang zur Bank genutzt werden.

Ebenso innovativ war es, dass die deutschen Institute mit EBICS einen europaweit nutzbaren Schnittstellenstandard für Firmenkunden etablierten, an der inzwischen immer mehr Länder teilnehmen. Viele kundeneigene Lösungen, aber auch Standardsoftware von Großunternehmen wickeln seitdem den Zahlungsverkehr von Firmenkunden über diese Schnittstelle ab. Dass diese Schnittstellenstandards so erfolgreich sind, ist sicher auch der Tatsache geschuldet, dass die Kreditwirtschaft diese Standards offenlegt, und sie so für die Entwicklung eigener Lösungen am Markt frei verfügbar sind.

Doch ein weit grundlegenderer Wandel steht uns noch bevor. Erst wenn die bereits vorhandenen digitalen Teilprozesse in der Wirtschaft durchgängig medienbruchfrei verbunden sind, können die wirtschaftlichen Wertschöpfungsketten vollständig digital abgebildet werden – ob es sich um online einkaufen, die E-Mail Rechnung, das Online-Banking, Online-Kreditanträge oder die digitale Unterschrift handelt. Ist dieser Punkt erreicht, werden noch deutlich weitreichendere Innovationen den Finanzdienstleistungssektor verändern. Spätestens dann müssen auch die rechtlichen Rahmenbedingungen angepasst werden.

Wie schwierig und langwierig so ein Prozess sein kann, wird allerdings am Beispiel der steuerrechtlichen Anerkennung digitaler Kontoauszüge deutlich. Fast zehn Jahre, nachdem es die technische Möglichkeit dazu gab, hat die Finanzverwaltung elektronische Kontoauszüge den papierhaften Kontobelegen gleichgestellt. Die damit verbundene Entlastung für Banken und deren Firmenkunden ist enorm. Erst jetzt ist es möglich, durchgängig digitale Kommunikationsprozesse rechtsverbindlich zu nutzen.

Welche Rolle spielen die Banken in der digitalen Zukunft?

Banken nehmen seit jeher die Rolle als Vermittler in der Volkswirtschaft wahr. Im Zuge dieser Funktion kommt der Vernetzung ihrer Kunden und damit der unterschiedlichen Wirtschaftseinheiten des Marktes eine maßgebliche Bedeutung zu. Im Bereich des Zahlungsverkehrs ermöglichen zum Beispiel die elektronischen Zahlungssysteme im Handel den Transfer von Geld gegen Ware und damit ein Geschäft zwischen Kunde und Händler. Im Bereich der Unternehmensfinanzierung vermitteln Banken unter anderem zwischen Ideengebern und Investoren. Die automatisierbaren Lastschriftsysteme ermöglichen Stromversorgern, Versicherern und Telekommunikationsanbietern, regelmäßige Einzüge reibungsfrei abzuwickeln. Die daraus resultierenden Kundenmehrwerte werden heute häufig durch industriepolitische Lösungen geschaffen. Mit spezifischen Sonderlösungen für einzelne Marktsegmente ließe sich die gewünschte Effizienz kaum erreichen.

Vor dem Hintergrund der allgegenwärtigen Vernetzung im Internet und der neu entstehenden Eco-Systeme wird die Rolle der Banken bisweilen hinterfragt. So gibt es Prognosen, dass die Kreditvergabe künftig ausschließlich über private Vermittlungsplattformen abgewickelt werden könne und Banken als Intermediär nicht mehr benötigt würden. Hierbei darf jedoch nicht übersehen werden, dass Banken neben der vermittelnden Funktion auch die Aufgabe zukommt, Risiken für Kreditgeber und Kreditnehmer abzufedern – eine volkswirtschaftlich unverzichtbare Funktion. Dies ist auch ein wesentlicher Grund dafür, warum Banken hohen aufsichtsrechtlichen Anforderungen unterliegen.

Auf gesellschaftlicher Ebene führt die Digitalisierung gleichermaßen zu großen Veränderungen. Allein neue Zugangswege zu Informationen –  sei es mobil oder neu aufbereitet, zum Beispiel auf Vergleichsportalen –  stärken die Position eines mündigen Verbrauchers und verändern gleichzeitig seine Erwartungshaltung. Wer die Kundenbedürfnisse nicht erfüllt, ist viel schneller weg vom Markt als früher – auch in der Finanzbranche, trotz der eigentlich so treuen deutschen Bankkunden.
Banken müssen ihre Dienstleistungen seit jeher eng an den Bedürfnissen ihrer Kunden orientieren, um zu bestehen. Beim Interneteinkauf ist zum Beispiel die Frage zu beantworten, ob der Händler oder der Kunde in Vorleistung geht. Die digitalen und physischen Zugangswege der Banken in Deutschland ermöglichen daher die Nutzung von Zahlungsinstrumenten, bei denen die Verbraucher im Vordergrund stehen. Denn beim Rechnungskauf, bei der Lastschrift und bei Online-Banking-basierten Verfahren kontrolliert der Verbraucher den Zahlungsablauf. Zugegeben, hier kann das Kundenerlebnis durchaus noch verbessert werden. Banken sind daher offen für die Ideen der neuen Marktteilnehmer.

Ideen müssen sich jedoch auch im größeren Maßstab immer erst bewähren. Banken haben eine große gesellschaftliche und wirtschaftliche Verantwortung mit dem Schutz der Kundeneinlagen. Nur so können sie die Sicherheit bieten, die gerade deutsche Bankkunden erwarten, und das Vertrauen rechtfertigen, das in sie gesetzt wird. Dieser Maßstab sollte auch an neue Nischenanbieter angelegt werden. Dabei liefern viele neue Wettbewerber wichtige Impulse für die digitale Kundenansprache und bieten in einem überschaubaren Rahmen ein gutes Testfeld dafür, was funktioniert und was nicht. Mit Erfolg für beide Seiten: Innovationen, die eine Bewährungsprobe am Markt durchlaufen haben und die nachweislich den hohen Sicherheitsstandards entsprechen, werden am Ende häufig von Banken übernommen.

Geeigneter Rechtsrahmen ist notwendig

Gerade Sicherheitsstandards brauchen stabile und rechtssichere Rahmenbedingungen, um Innovationen nicht gleich wieder verpuffen zu lassen, sondern nachhaltig auszugestalten. Gleichzeitig stellen Innovationen in dem heute zu beobachtenden dynamischen Ausmaß eine Herausforderung dar, um rechtliche und regulatorische Anforderungen zu formulieren, die den Trends der Zeit nicht immer nur hinterherlaufen.

Besonders bei den Anforderungen an Sicherheit und Datenschutz wird dies deutlich. Viele Aspekte beim Datenschutz und deren Auswirkungen müssen erst verstanden werden, um alle Chancen und Risiken abwägen zu können. Der Schutz der Verbraucher und Wirtschaft steht für Banken und Regulierer dabei gleichermaßen an vorderster Stelle.

Die von der Europäischen Kommission im Juli 2013 vorgeschlagene Überarbeitung der neuen EU-Richtlinie für Zahlungsdienste ist ein Beispiel dafür, wie anspruchsvoll es sein kann, zwischen Sicherheit und Innovationsförderung abzuwägen. Einer der Kernpunkte bei der Anpassung der Zahlungsdiensterichtlinie ist für die Europäische Kommission die Öffnung der Bankkonten für Dritte. Dahinter verbirgt sich die Regulierung eines digitalen Zugangs zu den Bankkonten der Kunden für unabhängige Dienstleister (Drittdienste). Diese sollen die Möglichkeit erhalten, ohne weitere technische oder vertragliche Hürden Überweisungen im Auftrag des Kunden bei seiner Bank zu initiieren. Die Implikationen für die Sicherheitsverfahren der Banken und den Datenschutz sind dabei recht tiefgreifend. Die Kommission fordert zum Beispiel, dass Kunden ihre Kontozugangsdaten an diese Dienstleister weitergeben dürfen. Dies stellt jedoch einen zentralen Grundsatz der IT-Sicherheit in Frage. Bislang sind Zugangsdaten nur dann wirksam, wenn sie eindeutig einem Kunden zugeordnet werden können.

Auch bei der Haftung sieht die Kommission die Banken bei der Nutzung von Drittdiensten in diesem Zusammenhang an erster Stelle, obwohl die Drittdienste gar nicht in die Sphäre der Bank fallen. Die Diskussionen zur Überarbeitung der neuen Zahlungsdiensterichtlinie im Rat und EU-Parlament sind noch nicht abgeschlossen. Die Banken ihrerseits verschließen sich nicht der Förderung einer gesunden Wirtschaft, wie das Beispiel zu den Online-Banking-Schnittstellen FinTS und EBCIS gezeigt hat. Die neue Zahlungsdiensterichtlinie zeigt jedoch auch, wie wichtig der Austausch aller Beteiligten für eine angemessene Regulierung ist.
Schon heute zeichnet sich ab, dass die Entwicklungen von Start-ups neue Denkanstöße für nachhaltige Veränderungen liefern. Die Konzentration auf den Kunden und dessen Sichtweise stellt viele traditionelle Dienstleistungen auf den Prüfstand. Allerdings darf Welpenschutz nicht zu Marktverzerrungen führen. Auch hier gilt: Regeln müssen für alle gelten und ihre Einhaltung für alle gleichermaßen kontrolliert werden – möglichst von der gleichen Aufsicht. Des Weiteren braucht auch Regulierung das richtige Timing. Wer neben Stabilität und Rechtssicherheit eine bestimmte Entwicklung am Markt fördern will, kann gerade das Gegenteil bewirken und zu früh Marktbarrieren für weitere Innovationen aufbauen.

Fest steht, dass Innovationen, die heute durch neue Technologien getrieben werden, am Ende der gesamten Volkswirtschaft zugute kommen und den Standort Deutschland stärken. Banken als Dienstleister der Wirtschaft wirken daran aktiv mit und treiben ihre eigenen Geschäftsmodelle entsprechend voran. Voraussetzung dafür ist und bleibt ein fairer Wettbewerb.

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