Digitale Zahlungen

Token Economy – Die (R)Evolution hat gerade erst begonnen

Ein Blick in unsere smarte Zukunft

03.11.2020

Wie werden wir in Zukunft leben? Welche technologischen Innovationen könnten unseren Alltag in den nächsten zehn Jahren verbessern? Wir haben uns angeschaut, wie die Tokenisierung unser Leben künftig verändern könnte.

Es ist früh am Morgen. Der Smart Alarm klingelt. Grund zur Freude: Heute konnte ich 15 Minuten länger schlafen. Anhand meines gestrigen Einschlafzeitpunkts und meines aktuellen Gesundheitszustandes, hat die Software meine optimale Schlafzeit berechnet und mich aus dem Leichtschlaf geweckt. Wütendes Hämmern auf den Wecker gehört schon lange der Vergangenheit an. Ein Micropayment an den WakeUp-Serviceprovider wird durch mein sanftes Aufwachen automatisch ausgelöst. Warum ich das erzähle? Diese und andere individuelle und bedarfsgerechte Dienstleistungen wurden erst durch die Tokenisierung und Einführung des programmierbaren Euros möglich.

2030 und die Einführung des programmierbaren Euros

Wir schreiben das Jahr 2030. Das zurückliegende Jahrzehnt hat beachtliche technologische Fortschritte hervorgebracht, die nicht nur im individuellen, sondern auch im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben zu zahlreichen Verbesserungen führten. Mit dem Durchbruch der Distributed Ledger Technologie (DLT), landläufig gern auch als Blockchain Technologie bezeichnet, hatte die Tokenisierung in vielen Gesellschaftsbereichen schnell Verbreitung gefunden. Ein größeres, mit mehr Transparenz verbundenes Vertrauen in die Technologie  hat völlig neue Geschäftsmodelle in den unterschiedlichsten Sektoren entstehen lassen.

Eine besonders wichtige Neuerung war die Einführung des programmierbaren Euros. Basierend auf einer dezentralen Infrastruktur können mit dem Euro-Token seitdem Zahlungen sofort final und mit marginalen Kosten abgewickelt werden. Erst dadurch konnten Micropayments in Höhe weniger Cents oder gar Centbruchteile ökonomisch sinnvoll abgerechnet werden. Die eigentlich bahnbrechende Eigenschaft des „DLT-Euros“ ist jedoch die Möglichkeit der Verknüpfung mit sogenannten Smart Contracts – also Computerprotokollen, die bei Eintritt eines vorher definierten Zustandes oder einer Bedingung automatisch bestimmte, natürlich ebenfalls vereinbarte Zahlungen auslösen können. So war heute Morgen mein gemessener niedriger Blutzuckerwert als Indikator für meine geringe Müdigkeit Anlass für eine Zahlung in Centhöhe an den Health-Provider. Vor allem in der Finanzwirtschaft und der Industrie wird die Programmierung mittels Smart Contracts eingesetzt, aber dazu gleich mehr.

Was bedeutet Tokenisierung?

Token stellen nicht-manipulierbare Positionen dar, die bestimmten Inhabern zugeordnet werden können. Vereinfacht gesprochen, sind Token eine Art digitaler Zwillinge für materielle Güter oder aber auch immaterielle Rechte. Um den Inhaber oder Halter eindeutig identifizieren zu können, werden zur Ver- und Entschlüsselung öffentliche und entsprechende private kryptografische Schlüssel verwendet. Tokenisierung ist somit ein digitaler Verbriefungsprozess von Gütern oder Rechten auf dezentralen Transaktionsregistern. So können beispielsweise Immobilien, Container oder Waren, aber auch Nutzungs- oder Lizenzrechte einen digitalen Zwilling erhalten. Heute spielt selbst auf meinem Weg zur Arbeit Tokenisierung eine wichtige Rolle.

Tokenisierung - Bis zur Arbeit und darüber hinaus

Gesund geweckt und nach meinem Frühstück, das digital durch Token am und im Kühlschrank analysiert und begleitet wurde,  geht es nun gut genährt und gestärkt daran, mein heutiges Transportmittel zur Arbeit zu organisieren. Fahrrad 50 Minuten, Bus 35, Auto 20. Die Wahl ist gefallen. Natürlich Carsharing, ein eigenes Auto ist so oldschool im Jahr 2030. Dank einer Art dezentralem Airbnb für Parkraumnutzung sind heute passende Fahrzeuge stets in Reichweite. Um eine optimale Verteilung der Wagen innerhalb der Stadt zu gewährleisten, berechnen dynamische Preismodule die Parkgebühren nach Ort, Wochentag oder in der Nähe stattfindenden Events. Die Parkgebühren werden in einem Micropaymentstream zwischen Parkenden und dem Parkplatzanbieter abgerechnet. Nachdem mir der Autoschlüssel als tokenisierter digitaler Zwilling auf das Smartphone gesendet wurde, wird das Nutzungsentgelt für das geliehene Elektroauto verbrauchsgenau auf die Kilowattstunde berechnet. Dabei werden über einen gesonderten Versicherungstoken zusätzliche Gebühren fällig, wenn mein Fahrstil zu sportlich sein sollte. Wenn ich Dritte mitnehme, die nach dem Uber-Prinzip eine ähnliche Fahrstrecke haben wie ich, erhalte ich sogar Gutschriften.

Die Finanzwirtschaft ist besonders gefragt

Ich selbst arbeite in der Finanzwirtschaft, die vom Wandel durch die Tokenisierung auf DLT besonders betroffen ist. Alles begann damit, dass Tokenisierung für Banken und FinTechs als Custody-Provider und Versicherer von Kryptoassets – also digitalen Werten auf dezentralen Systemen – insbesondere für institutionelle Anleger, interessant wurden. Heutzutage ist das Thema auch für private Anleger relevant, denn so werden je nach Lebenssituation für Privatpersonen Krypto-Sparpläne automatisch abgerechnet. Mein ganz persönlicher digitaler Zwilling registriert meinen Bedarf und legt so fortwährend Geld beiseite. Meine persönliche elektronische Brieftasche (Wallet) besteht aus einer Vielzahl von tokenisierten Assets: Aktien, Fondsanteilen, Unternehmensanleihen, Kunstwerke, Oldtimer und Häuser. Ja, auch Oldtimer und Häuser, aber steinreich bin ich dennoch nicht. Denn heutzutage können zuvor illiquide Assetklassen oder sehr hochpreisige Anlagen auch anteilig erworben werden. Die digitale Verbriefung ermöglicht eine schnellere und kostengünstigere Zuteilung von Eigentumsrechten. Da die Halter der Rechte durch einen Algorithmus in einer dezentralen Buchhaltung protokolliert werden, entfallen viele ansonsten notwendige Intermediäre. Der Kostenvorteil bei gleichzeitiger Nachverfolgbarkeit und Rechtssicherheit solcher Transaktionen macht es möglich, dass ich etwa ein Hundertstel eines Oldtimers, ein Tausendstel eines Wohnhauses oder ein Hunderttausendstel eines Van Gogh-Gemäldes erwerben und von der Wertentwicklung profitieren kann.

Token: Schnittstelle zur realen Welt

Ohne Schnittstelle zur realen Welt, ist auch die beste Technologie nutzlos. In der digitalen, dezentralen Welt wird ein Token etwa einer Walletadresse, also einer digitalen Brieftasche,  zugeordnet und protokolliert. In der realen, analogen Welt muss dann aber sichergestellt sein, dass der Token tatsächlich dem richtigen Objekt und die Wallet tatsächlich einer identifizierbaren natürlichen oder rechtlichen Person zugeordnet ist. Da Finanzdienstleister langjährige Erfahrung mit Know-Your-Customer-Prüfungen (KYC) haben, erfolgt die Zuordnung einer Wallet zu Personen vornehmlich durch Banken. Walletprovider können diesen KYC-Service kostenpflichtig in Anspruch nehmen, falls die Kunden ihr Wallet nicht über eine Bank nutzen. Besonders in der Wirtschaft und der Industrie ist die zweifelsfreie Bestätigung der Identität von Unternehmen und die geprüfte Zugehörigkeit von Maschinen essenziell. In der heute weitgehend autonomen Pay-per-use-Maschinenökonomie vergeben Maschinen untereinander automatisch Aufträge und wickeln über Smart Contracts Zahlungen selbstständig untereinander ab. Prozessbrüche werden so vermieden und die Kapazitätsauslastung von teuren Industriemaschinen wird deutlich verbessert. Auch können die Maschinen bei Störungen selbstständig einen Reparaturservice veranlassen, die Bezahlung vornehmen oder sich vielleicht sogar selbst zum Verkauf anbieten, wenn sie eine hohe Laufleistung erreicht haben oder die Auslastung zu gering sein sollte.

Auf der einen Seite unterstützen Banken diesen Wertschöpfungsprozess mit der Emission des programmierbaren Euros. Auf der anderen Seite helfen Banken im Innovationsprozess, indem sie tokenisierte Unternehmensfinanzierungen über sogenannte Security Token Offerings begleiten. Die Finanzwirtschaft dient hierbei als Schnittstelle zwischen Real- und Blockchainwelt. Banken übernehmen sogar die Ausgestaltung von Smart Contracts und verwahren natürlich Token der Realwirtschaft. Im Jahr 2020 verwahrten Banken noch einige hunderttausende unterschiedliche Wertpapiere. Heute, 2030, sind es Milliarden unterschiedlicher Token in vielfacher Ausprägung.

Schöne neue Welt dank DLT?

Hätte ich alle diese Entwicklungen schon 2020 vorausgesagt, hätte mir wohl kaum jemand geglaubt. Aber auch durch die Corona-Krise hatte sich damals Digitalisierung beschleunigt, viele Bereiche der Arbeit revolutioniert und die Vorteile der Tokenisierung sichtbar gemacht. Dass heute bei vielen Services DLT eingesetzt wird, wurde aber auch erst dadurch möglich, weil die notwendigen gesetzlichen und aufsichtsrechtlichen Anpassungen sowohl auf europäischer, als auch auf nationaler Ebene, in den vergangenen zehn Jahren zügig umgesetzt wurden. So steckt heute - ohne dass der Endkonsument es bemerkt - hinter vielen Prozessen DLT.

„Der Wechsel allein ist das Beständige“, merkte Arthur Schopenhauer einmal an. Disruptive Veränderungen mögen – wie immer schon – vielen Zeitgenossen als Gefahr erscheinen, sie bieten aber nicht nur Technik-Pionieren große Chancen, sondern der gesamten Gesellschaft, Politik und Wirtschaft, die aber die Herausforderung, den Wandel zu gestalten, auch annehmen muss und vor dem Hintergrund des Erhalts der digitalen Souveränität Europas auch muss.

Mehr zur Token-Ökonomie können Sie im Blogbeitrag Token-Ökonomie braucht Standards nachlesen.

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Kontakt

Kevin Spur

Bundesverband deutscher Banken e.V.

Themengruppe Digitalisierung

Tel. +49 30 1663 1513

kevin.spur@bdb.de

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